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“Atomic Blonde" und mehr DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig “Atomic Blonde" und mehr DVD-Tipps

Ein Film voller Wein, Landschaft und Erinnerungen, eine eiskalte Kung-Fu-Göttin im Berlin zur Zeit des Mauerfalls, eine Fantasy-Räuberpistole mit Starbesetzung, Disney-Zeichentrickklassiker oder eine aufwühlende Doku über den US-Drohnenkrieg: die Filmtipps von Matthias Halbig.

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Quelle: iStockphoto

Hannover.
Der Wein und der Wind: Rennt man vor der Familie weg, und das tut jeder irgendwann, rennt man nur auf Umwegen wieder auf die Familie zu und hat sie letztendlich immer mit sich herumgetragen. Davon - und darüber hinaus alles über Wein, Zucker, Säure, ph-Wert und olfaktorisches Gedächtnis erzählt Cédric Klapisch in seinem Film “Der Wein und der Wind“. Zehn Jahre zuvor verließ der junge Jean (Pio Marmai) das heimische Weingut, fünf Jahre hat er sich nicht gemeldet, in Australien eigene Weinberge bebaut, sogar das Begräbnis der Mutter versäumt.

Als er zurückkehrt ist der Vater todkrank, er trifft seine Schwester (Ana Girardot), die eine patente Winzerin voller Selbstzweifel ist und seinen jüngeren Bruder (Francois Civil), der unter der freundlich-bösen Fuchtel eines eifersüchtigen Schwiegervaters steht, der ein großes Tier im Weinanbau ist. Sie müssen sich zusammenraufen, um das Erbe zu bewahren, dabei braucht Jean auch dringend Geld, um seine Lagen in Down Under zu retten. Eine horrende Erbschaftssteuer in Höhe von 500 000 Euro ist zu zahlen, ein Verkauf des Ganzen brächte sechs Millionen Euro – ist aber schon bald keine Option mehr.

Wie Klapischs Geschwister sich über zwei alte Tropfen in ihre Erinnerungen begeben und daran wachsen wie der Wein, erfüllt den Betrachter mehr und mehr mit Frieden. Und Burgund ist eine von den Landschaften, die so grün sind und voller Gesumm, Gezwitscher und Musik, dass sie wie Inseln von anderen Planeten wirken, auf denen man sich sofort eine Hütte bauen möchte. Einer von den wirklich betörenden Filmen.

Der Wein und der Wind

Der Wein und der Wind

Quelle: Studiocanal

Die Tochter des Teufels: Osgood und Elvis Perkins haben den Ort gefunden, wo die Furcht wohnt. Die Söhne des “Psycho“-Stars Anthony Perkins haben – ersterer als Regisseur, letzterer als Komponist – einen Film gedreht, der dem Zuschauer förmlich ans Herz greift, um es schwarz zu färben oder gar anzuhalten. Dabei erzählt die knöchern karge Geschichte des im Deutschen trottelig “Die Tochter des Teufels“ betitelten Horrorfilms “February“ alias “The Cloakman’s Daughter“ nur die Geschichte zweier Schülerinnen, (Kiernan Shipka, Lucy Boynton), die an einem langen Winterwochenende von ihren Eltern in einem Internat vergessen wurden. Und von einer jungen Frau (Emma Roberts), die als Tramperin von einem etwas seltsamen Ehepaar mitgenommen wird.

Eine alltägliche Story, doch wie sich bei einem Telefonat herausstellt, gibt es höchst unheilige Gründe, weshalb Vater und Mutter der blonden Kat nicht rechtzeitig kommen konnten. Regisseur Oz Perkins spielt mit Zeitlinien, lässt die sparsam gesetzten Dialoge lange nachatmen und erschafft inmitten der Normalität eine verrätselte Gegenwelt des Wahnsinns, die ihre Vorbilder in David Lynchs labyrinthischen Bildwerken hat, in Dario Argentos “Suspiria“, Kubricks “Shining“ und Roman Polanskis “Rosemarys Baby“.

Mit Shipka hat er eine völlig uniridisch wirkende Hauptdarstellerin. Und was hier zwischen den Dialogen simmert, schwärt, bläht, sich in den Zuschauer hinein wölbt und schließlich böse Augen aufreißt und zurückstarrt, ist die abgründige, geräuschvolle Angstmachmusik des als Singer/Songwriter bekannten Elvis Perkins.

Die Tochter des Teufels

Die Tochter des Teufels

Quelle: Koch

Top Of The Lake – China Girl: Eine tote thailändische Prostituierte wird über eine Klippe geschoben, verstaut in einem Koffer, der wieder auftaucht, an den Strand geschwemmt wird als Rätsel für die australische Polizistin Robin Griffin und ihre neue Partnerin Constable Miranda Hilferson. Die Untersuchung des Leichnams weist die verstümmete Tote als schwangere Leihmutter aus. Das Rätsel, das sich Griffin stellt ist: Wer war das “China Girl“ und warum musste sie sterben – ein Kriminalfall, der auf höchst seltsame Weise mit Griffins eigenem Schicksal verbunden ist, die auf der Suche nach ihrer Tochter ist, die sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hatte.

Das Tempo - wie sollte es bei Serienschöpferin Jane Campion anders sein - ist piano, bald ist die zweite Staffel ihrer 2013 begonnenen Serie mehr intensives Drama als Thriller. Gwendoline Christie, ein Star seit ihrer Darstellung der ritterlichen Brienne von Tarth in der Fantasyserie “Game of Thrones“, bringt als übergroße, unbeholfene Miranda Humor ins Spiel, Nicole Kidman ist sehenswert als kapriziöse Lesbierin und verständnisarme Mutter und der Schwede David Dencik ist als ludenartiger Leipziger Ex-Professor Alexander die Nemesis aller Eltern flügge werdender Töchter.

Campion zeigt die australische Gesellschaft als von Sexismus durchdrungen. Frauen - selbst die von Elisabeth Moss gespielte coole Griffin – gelten als Beute, die man beherrschen oder zumindest mit dummen Sprüchen und Witzen bedrängen muss. Die Ereignisse spitzen sich zu, wenn auch nicht in der vom Zuschauer erwarteten Weise. Der Kriminalfall endet dabei unverhofft banal, und man muss sich immer wieder über die Untätigkeit nicht nur der australischen Polizei wundern. Und dennoch prägt sich das Finale dieses intensiven Sechsteilers ein. Eine dritte Staffel kommt bestimmt.

Top Of The Lake – China Girl

Top Of The Lake – China Girl

Quelle: BBC/Polyband

Cars 3 – Evolution: Wann immer ein neues Rennen bevorsteht, motiviert sich Lightning McQueen in seinem Wohntruck. “Ich bin Speed“, sagt er dann zu sich. Benzin rauscht durch seine Adern – buchstäblich. Denn Lightning McQueen ist kein Rennfahrer, er ist ein Auto. Geboren, um zu flitzen, lebt er in einem Amerika, auf einer Erde, die von motorisierten Geschöpfen bevölkert wird. Pixar-Fans kennen Lightning. Es ist schon sein dritter Kinostart nach “Cars“ (2006) und “Cars 2“ (2011). Er ist der Champ der Herzen, der Champ der Champs. Und das ändert sich jetzt.

Eine neue Generation von Techno-Rennwagen geht an den Start, emotional kalt laufende Lackaffen. McQueen gerät außer Puste, es zerfetzt ihm einen Reifen, er macht den zwanzigfachen Salto, bevor er am Ende zerknautscht auf dem Asphalt liegt wie eine leere Coladose nach dem Zugriff einer starken Hand. Die Seele der Nummer 95 hat einen Knacks, der Geist in der Chassis muss wieder zu positivem Denken gebracht werden. Du scheinst nur in deiner Zeit hell, dann wird dein Licht kleiner schwächer, bis es aus den Rückspiegeln der Neuen verschwunden ist - das ist der Kern von “Cars 3“.

Optisch ist das alles Ohrensaus und Augenbraus. Die Digitalos von Pixar inszenieren einen der schnellsten Rennsportfilme aller Zeiten, die “Kamera“ weiß um den Sexappeal der Geschwindigkeit, ist immer an den Autos, manchmal einen Fingerbreit überm Asphalt. Was nicht ganz so funktioniert, ist der Humor. “Cars 3“ ist eine deutlich witzgebremste Vollgassause und geht somit als Zweiter der drei “Cars“-Streifen durchs Ziel. Lässt seinen Helden dabei von der Erkenntnis fluten, dass man aufhören soll, solange es noch schön ist. Und da wünscht man sich, dass dieser Gedanke auch auf die Franchise-Macher von Pixar überspringen möge. Lebwohl, Lightning McQueen!

Cars 3 – Evolution

Cars 3 – Evolution

Quelle: Disney/Pixar

Atomic Blonde: Ronald Reagan entfesselte am 12. Juni 1987 die ganz große Polit-Friedenssshow mit seiner Aufforderung an Michail Gorbatschow, die Berliner Mauer niederzureißen. Und die Top-Agentin Lorraine Broughton muss im Herbst 1989 im Osten der geteilten Stadt eine Liste mit den Geheimdienstoperationen des Westens sicherstellen, weil sie in den Händen des KGB zig Agentenleben kosten und den Kalten Krieg um Jahrzehnte verlängern würde. Zudem soll Broughton einen Doppelagenten enttarnen und unschädlich machen.

Charlize Theron ist in “Atomic Blonde“ eine Frau zwischen den Fronten, die kein Federlesens macht, die austeilt und einsteckt wie eine Kung-Fu-Göttin, und die am Ende immer noch eine letzte, rettende Handfeuerwaffe im Eiskübel hat. Dem Film des Stuntmans David Leitch fehlt die Eleganz von Spionagethrillern der John-Le-Carré-Klasse, dafür sind die zahlreichen Actionsequenzen ansehnlich und Theron setzt ihre “Mad Max“-Toughness hinterm Eisernen Vorhang fort.

Bis der sich schließlich lüftet und die Mauerspechte dem Reagan-Aufruf folgen, hat man überdies gefühlt alle Songs gehört, die in den Achtzigerjahren in den Top50 waren – von Re-Flex‘ “Politics of Dancing“ bis hin zu Falcos “Kommissar“. Am Anfang und Ende steht David Bowie – der war ja auch mal ein Berliner (wovon die einst geteilte Stadt noch heute träumt).

Atomic Blonde

Atomic Blonde

Quelle: Universal

Der dunkle Turm: “Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“ Diesen Satz hält der amerikanische Schriftsteller Stephen King für einen seiner besten. Er beschließt seinen achtbändigen Romanzyklus “Der dunkle Turm“. Und steht zugleich ganz am Anfang des ersten Bandes. Die Kreisform dieses Mammutwerks, mit der King seinen Protagonisten Roland zum Heldentum des Immerselben verbannte, erschien vielen Fans nach der Lektüre mehrerer tausend Seiten wie ein böser Scherz. Statt Triumph und Erlösung zu erleben, musste Roland von Gilead ein weiteres Mal auf seine staubige Odyssee. Ein Verdammter in alle Ewigkeit.

Für den dänischen Regisseur und Drehbuchautor Nikolaj Arcel war dieser Roman-Loop ein Geschenk. Er legt ein filmisches Sequel zu dem Epos vor, erzählt Rolands zweiten Durchlauf, der ziemlich ähnlich aber eben nicht identisch zum ersten verläuft. Arcel kann sich beim Roman bedienen, fügt Neues hinzu, wie es ihm gerade beliebt. Und ist niemandem Rechenschaft schuldig. Wieder mal, wenn auch nicht täglich, grüßt im Kino das Murmeltier. Erzählt wird auch von dem Jungen Jake Chambers (Tom Taylor), der Träume von einer Welt hat, in der die übersinnliche Energie von telepathisch-seherisch begabten Kindern – bei Stephen King heißt diese Gabe schon seit langem “das Shining“ – abgezapft und in eine Art Todessternstrahl verwandelt wird. Keiner glaubt ihm und bald schon haben ihn die Bösewichte aus dem Paralleluniversum auf dem Schirm.

Jake rettet sich durch ein Portal nach Mittwelt, wo er quasi ans Lagerfeuer von Roland (Idris Elba) geworfen wird. Schnell rollen die 95 Minuten dieses Films ab. Zum Showdown flitzen der Junge und der Pistolero ins New York von heute, wo der total überforderte Roland seine Schießkünste öfter unter Beweis stellen darf als in seiner angestammten Welt – weil es in Amerika einfach die meiste Munition aller Welten gibt. Vom ungeliebten Sidekick wird Jake zum Kumpel des Superschützen wie es in George Stevens‘ altem Edelwestern „Mein großer Freund Shane“ war.

Dass der Film funktioniert, verdankt er vor allem seinen Schauspielern. Taylor hat als Jake eine Verwundbarkeit in Blick und Gestus, die an den jungen Will Wheaton in Rob Reiners King-Verfilmung “Stand By Me“ erinnert. Und Idris Elba, bekannt geworden durch die britische Thrillerserie “Luther“, ist einfach cool als schweigsamer schwarzer Westerner der Clint-Eastwood-Schule. Wenn ihm die Patronen beim Nachladen in die Revolverkammern fliegen und er seine Colts gemäß seinem ballistischen Saint-Éxupéry-Credo “Man schießt nur mit dem Herzen gut!“ blind abfeuert, liebt man diese sonst eigentlich eher mediokre Fantasy-Räuberpistole.

Der dunkle Turm

Der dunkle Turm

Quelle: Sony

Disney Klassiker – dritte Welle: Na gut, vielleicht ist der Film mit Errol Flynn genauso gut wie Disneys tierische Variante der Vorgänge im Sherwood Forest. Der “Robin Hood“ in Zeichentrick (1973) ist in jedem Fall neben dem “Dschungelbuch“ der lustigste aller Abendfüller aus dem Haus der Maus. Unvergesslich, wie die Schlange Sir Hiss im Luftballon als mittelalterliche Drohne spioniert oder dem auch in der deutschen Synchro von Peter Ustinov gesprochenen räudigen Löwe Prinz John die zu große Krone von Bruder Richard Löwenherz immer wieder über die Nase rutscht.

Die Outlaw-Komödie zählt zu den Höhepunkten der jetzt veröffentlichten dritten Welle von Disney-Klassikern. Unbedingt braucht man in seiner Sammlung auch die Spaghettiduett-gekrönte Hundeliebe zwischen “Susi & Strolch“ (1955) oder “Rapunzel - neu verföhnt“ mit dem die Disneys 2010 bewiesen, dass sie sich immer noch famos auf die temperamentvolle Leinwandumsetzung des guten alten Märchenbuchs verstanden.

Ebenfalls enthalten: die vor visuellen Einfällen überbordende Version von “Alice im Wunderland“ (1951), die beiden Abenteuer der unerschütterlichen Mäusepolizisten “Bernard & Bianca“ (1977 und 1991) und die den Fokus eher aufs Spannende legenden Erzählungen von den “Bärenbrüdern“ (2003) und vom “Glöckner von Notre-Dame“ (1996). Weniger Bekanntes aus der Frühzeit ist dann eher Stoff für Disney-Afficionados: “Musik,Tanz und Rhythmus“ (1948) etwa, “Die Abenteuer von Ichabod und Taddäus Kröte“ (1949) sowie der nicht so ganz geglückte zweite Versuch im CGI-Fach, das Zoo-Spektakel “Tierisch Wild“ (2006).

Disney Klassiker – dritte Welle

Disney Klassiker – dritte Welle

Quelle: Disney

National Bird: Heather ist eine hübsche junge Amerikanerin, Typ Kristen Stewart. Sie erzählt von ihrem Wunsch, “raus aus dem Kaff, raus aus Pennsylvania“ zu kommen, der sie ins Drohnenprogramm der amerikanischen Streitkräfte brachte. Jedes Wort, das sie der Regisseurin Sandra Kennebeck über diese Zeit erzählt, könnte sie auf Lebzeiten in Schwierigkeiten bringen.

Denn diese Erinnerungen sind Geheimsache, sind voller unglaublicher Geschichten über zweifelhafte Drohnenangriffe, denen in Afghanistan immer wieder Zivilisten zum Opfer fielen, über Kollegen, die das Töten liebten und andere, die das Morden aus der Ferne nicht verkrafteten und sich das Leben nahmen. Alles Entspannen und Verdrängen führte bei Heather am Ende immer wieder zum selben Gefühl der Leere und der Erkenntnis, dem Falschen gedient zu haben.

Drei Gesprächspartner hat Kennebeck, einer gerät ins Visier des Geheimdienstes, in den Ruch, ein Whistleblower zu sein, und taucht ab. Fassungslos blickt der Zuschauer in eine völlig gläserne neue Science-Fiction-hafte Wirklichkeit, in der die Augen im Himmel außer Kontrolle geraten sind und binnen zwei Jahren “121 000 aufständische Ziele ,identifiziert‘ haben“.

Und dann schaut Kennebeck dorthin, wo die Kinder und Frauen starben oder verkrüppelt wurden, spricht mit afghanischen Männern und Frauen, denen die Tränen übers Gesicht laufen, die zur Vergebung bereit sind, wenn dergleichen nur nie wieder passiert. Eine Doku, die unter die Haut geht, zumal sie nicht etwa von den täglich aufs Neue unfassbaren Vorgängen unter der Herrschaft des Bully-Präsidenten Trump erzählt sondern aus der Ära des erhofften US-Friedensfürsten Barack Obama.

National Bird

National Bird

Quelle: Verleih

Das ist unser Land: Eine Machterschleichung geht vor sich in Europa: Das Braune drängt in Verkleidung in die Parlamente - das alte Unwesen, das einst die Hacken zusammenschlug und die Wehrlosen verdrosch, die Menschenverachtung predigte und den Arm, die Nation beschreiend, alle Gemeinschaft der Welt verneinend, steil in den Himmel reckte. Millionen Leben kostete der Nazismus, der heute in Verkleidung mit Schlips und Krawatte all die Bürger zu gewinnen sucht, die unterprivilegiert sind, oder einfach zu furchtsam oder geizig, Bedürftigen etwas abgeben zu wollen.

Das französische Politdrama “Das ist unser Land!“ erzählt von einer jungen Krankenpflegerin, die die Sozialmisere im Land tagtäglich am eigenen Leib erfährt, und die von einem vermeintlich untadeligen Arzt zu einer Bürgermeisterkandidatur für die nur scheinbar gemäßigte Rechte überredet wird. Mit vorzüglichen Schauspielern wie Émilie Dequenne, André Dussolier und Guillaume Gouix bringt Regisseur Lucas Belvaux die heimliche Bedrohung europäischer Demokratien auf den Punkt. Der barsche Kommandoton muss vorerst dem gewinnenden Säuseln weichen, die Schlagstöcke des Lumpenproletariats ruhen – einstweilen.

Das “Nein!“, das die Heldin am Ende ihrem politischen Missbrauch entgegenwirft, ist kein ausschließlich französisches, es lässt sich auf Deutschland übertragen. Hier nutzen ultrarechte Zeitgenossen eine nicht ganz so ultrarechte, offenbar schon für größere Minderheiten akzeptable Partei, um durch Unterwanderung politisch aufzusteigen in die Mitentscheider- oder Verhindererrolle.

Und die Figuren, die sich in der nicht ganz so ultrarechten Partei gelegentliche Ausrutscher ins Fremdenhassende, Rassistische, Antisemitische trauen, und die von einer Veränderung der Gedächtniskultur reden und demokratische Politiker “jagen“ wollen, können sagen, wenn dereinst die Macht erschlichen ist, nie mit den Schwerpunkten des Parteiprogramms hinterm Berg gehalten zu haben. Zum “Wehret den Anfängen“ gehören Filme wie dieser.

Das ist unser Land

Das ist unser Land

Quelle: Alive!

Sherlock Holmes‘ größter Fall: Sherlock Holmes’ literarischer Vater Sir Arthur Conan Doyle ließ seinen König der Deduktion in seinen Geschichten nie auf Jack the Ripper treffen. Denn die Bluttaten im spätviktorianischen London blieben ungeklärt, und wie hätte das wohl ausgesehen. Regisseur James Hill brachte Serienmörder und Meisterdetektiv allerdings 1965 im Kino zusammen, was den unfehlbaren Mann mit der Deerstalker-Mütze natürlich in die Pflicht nimmt, den Nebel zu lichten, in dem Scotland Yard herumstochert.

Die Ermittlungen führen Holmes und Watson in erlauchte Kreise, ein Chirurgenbesteck bringt einen enterbten Adelssproß in Mordverdacht, während sich im Problemviertel Whitechapel Angst und religiös-moralische Hysterie breitmachen. John Neville spielt einen vornehm blasierten Holmes, Donald Houston einen allzu paddeligen Watson, in Nebenrollen sind die junge Judi Dench, und Robert Morley, damals der rangerste Typ fürs Feiste, zu sehen.

Letzterer bringt Witz in die nächtliche Düsternis der britischen Hauptstadt, indem er als Holmes-Bruder Mycroft den als Geigenvirtuosen bekannten Sherlock als musikalischen Stümper entlarvt. Ein erzählerisch ein wenig angestaubter Whodunnit, ein immer noch unterhaltsamer Ausflug ins Gestern des britischen Kinos, der über ein exzellent restauriertes Bild verfügt.

Sherlock Holmes‘ größter Fall

Sherlock Holmes‘ größter Fall

Quelle: Koch

Von Matthias Halbig

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