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18:49 25.12.2017
Quelle: iStockphoto
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Hannover

Homeland, Staffel 6: Diesmal hatten die politikprophetischen Serienmacher von “Homeland“ aufs falsche Pferd gesetzt. Aber wer hatte auch damit gerechnet, dass statt der kühlen Mrs. Clinton der dumpfe Clown Donald Trump das Weiße Haus befallen würde. Und so muss die designierte Präsidentin ganz am Ende der sechsten Staffel ein wenig Trump-artiger “rüberkommen“. Diese Verbiegung ist nicht ganz glaubwürdig in der der nichtsdestoweniger immer noch überragend guten Serie “Homeland“, in der doch noch so einiges aus der hässlichen neuen Welt des Donald T. examiniert wird.

Die CIA-Aussteigerin Carrie Mathison (Clare Danes) jedenfalls gerät über ihre neue “Sozialarbeit“ im Handumdrehen wieder in ihr gewohntes Arbeitsfeld der staatlich legitimierten Heimlichtuerei. Einer der (muslimischen) Schützlinge ihrer Organisation verübt einen Bombenanschlag mitten in New York, in Wahrheit aber sind ganz andere Kräfte am Werk, die unter dem Deckmantel islamistischen Terrors die amerikanische Demokratie und das Weltgefüge verändern und alte Feindbilder bewahren und verstärken. Das Atomabkommen mit dem Iran soll ausgehebelt werden mit dem Gerücht, das Mullah-Regime führe sein vermeintliches Bombenprogramm in Nordkorea fort.

Der Teufel ist Rechtshänder, packt die Guten bei ihren Schwachstellen, ihren Kindern, und trägt hier die Züge von F. Murray Abraham, der als Dar Adal, CIA-Mann für verdeckte Operationen, mit seinen Intrigen reichlich Paranoia ins Herz des Zuschauers sät. Unvergesslich ist auch der letzte Auftritt von Rupert Friend als gebrochenem Agent Peter Quinn.

Homeland Quelle: fox

Dunkirk: Mehr als 330000 britische Soldaten wurden rechtzeitig evakuiert, bevor Hitlers Wehrmacht am 4. Juni 1940 die nordfranzösische Stadt Dünkirchen einnahm. Die Letzte-Sekunde-Operation “Dynamo“, staatlich und privat organisiert, gilt als größte militärische Rettungsaktion der Geschichte. Christopher Nolan, Regisseur der “Batman - Dark Knight“-Trilogie und der Scifi-Filme “Inception“ und “Interstellar“, hat die historischen Ereignisse in einen ungewöhnlichen Film mit drei Erzählzeiten gepackt, die er verwegen gegeneinander schneidet.

Eine Woche dauern die Ereignisse am Strand, einen Tag die Fahrt dreier Männer übers Meer, um mit ihrem kleinen Privatboot so viele Soldaten wie möglich zu retten, eine Stunde die Luftschlacht der Royal-Air-Force-Piloten gegen deutsche Flieger, die das britische Expeditionskorps bombardieren. Einige der heldenhaften Geschichten enden tragisch, obwohl kaum Dialog enthalten ist, gehen einem die Schicksale zu Herzen.

Und auch wenn die Soldatenschlangen am Gestade nie nach Hunderttausenden aussehen, vermag es der Regisseur doch, ein Gefühl klaustrophobischer Angst zu erzeugen. Mit einer guten Surroundanlage wird das Röhren der Spitfires und Messerschmitts zusammen mit der geräuschvollen Filmmusik von Hans Zimmer auch zu Hause zu einer nahezu unerträglichen Sinfonie des Krieges.

Dunkirk Quelle: Warner

Die Erfindung der Wahrheit: Die Lobbyistin Liz Sloane (Jessica Chastain) kämpft um ihre Freiheit. In die Mangel genommen wird sie in einer Kongressanhörung von Senator Sperling (John Lithgow), der sie unbedingt ins Gefängnis bringen will. Doch die eiskalt wirkende Miss Sloane mit kupferrotem Haar und blutrotem Lippenstift, hat einen Job, dessen Erfolg darin begründet liegt, wie sie Schritte des Gegners vorauszuahnen vermag – das verrät sie ihren Zuschauern gleich in der ersten Szene. Sloane ist eine Spezialistin für Meinungsmache, für komplizierte Situationen, sie ist die Beste auf ihrem Feld, und sie tut alles,um nicht unterzugehen in einem Kampf, den sie – zur Verwunderung aller – gegen die Waffenindustrie führt.

Den Auftrag, amerikanische Frauen für Waffen zu begeistern (“Waffen als Ausdruck weiblicher Selbstwirksamkeit“) hat sie abgelehnt (“Meine Meinung ist gewachsen zwischen Columbine und Charleston“), stattdessen tritt sie für eine Gesetzesvorlage ein, die den Waffenzugang der Amerikaner beschränken soll, womit sie sich die Feindschaft mächtiger, selbstgefälliger Männer eingehandelt hat. Regisseur John Madden (“Shakespeare in Love“, “The Best Exotic Marigold Hotel“) erweist sich als versierter Erzähler im Genre Politthriller, sein Stoff ist nach den Massakern von Las Vegas und Sutherland Springs sowie der notorisch beschwichtigenden Haltung des US-Präsidenten pro Waffenlobby, wahrlich brandaktuell.

Madden erzählt den höchst dramatischen, überraschungsreichen Weg Sloanes bis zu jener Anhörung - ein mit exzellenten Charakterdarstellern (Mark Strong, Gugu Mbatha-Raw, Sam Waterston, Michael Stuhlbarg, Alison Pill) besetzter, glänzend fotografierter Film mit fein geschliffenen Dialogen, zugleich ein weiteres großes Solo der talentierten Jessica Chastain. Es gibt eben nicht nur Qualitätsfernsehen, es gibt auch noch Qualitätskino.

Die Erfindung der Wahrheit Quelle: Universum

Black Sails, Season 3: Hier kommt eine von den Serien, die ihre Segel erst in der zweiten Staffel richtig im Wind blähten. “Black Sails“ wuchs im zweiten Durchgang zu einer der unterhaltsamsten Serien mit Historienappeal und zählt zum Besten, was je in bewegten Bildern über Piraten zu sehen war, steht in einer Reihe mit der Actionoperette “Der Rote Korsar“ mit Burt Lancaster und dem Gruselmärchen “Fluch der Karibik“ mit Johnny Depp (gemeint ist nur der erste Film).

In der dritten Saison geht es nun voll aufgetakelt an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus. Der charismatische Bühnenschauspieler Toby Keith ist eine Sensation als Captain Flint, der nach dem Tod seiner Geliebten Charlestown mit Feuer und Asche überzog und dessen Methoden jedes Augenmaß vermissen lassen. Dass Nassau von Gouverneur Woodes Rogers eingenommen und mit diesem die Segnungen von Recht und Gesetz einziehen, betrachtet der Zuschauer mit Widerwillen. Denn die Bösen sind ihm die Guten in dieser Serie, der britische Staat nur ein kultivierter, weniger verwegener Ausbeuter, ein Unterdrücker mit Brief und Siegel.

Neue Figuren halten Einzug, am prägendsten wohl der eindrucksvolle Ray Stevenson als Swashbuckler-Legende Blackbeard. Dass den Home-Video-Fans nach dieser Staffel nur noch ein Törn bevorsteht, bevor “Black Sails“ abgewrackt wird, erfüllt uns mit Trauer. Als hätten Piraten je aufgehört, wenn’s am schönsten ist.

Black Sails, Season 3 Quelle: Fox

Tiger Girl: Wenn die Kleinkriminelle Tiger in der nächtlichen U-Bahn-Station den ersten Treffer mit dem Baseballschläger landet, klingt die gleißende Gitarre nicht von ungefähr nach Italo-Western. Djanga-Zeit! Die drei Typen, die gerade noch die blonde Margarete vergewaltigen wollten, gehen mit Bauchweh zu Boden.

Margarete, an der Sportprüfung gescheiterte Polizeischülerin, in Ausbildung bei einem Sicherheitsdienst, war selbst in der akuten Bedrohungssituation zu höflich, gehemmt, zivilisiert, um ihre gelernten Kampfkünste selbstrettend anzuwenden. Das Beispiel des angriffslustigen Outlaws Tiger allerdings lässt sie die gelernten, passiven Anteile ihrer Weiblichkeit abschütteln, provozieren, attackieren. Aus Widerworten wird der Gegenschlag, und bald sind die erfahrene Gewalt und die ausgeübte nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Margarete wird die unkontrollierte Vanilla, die ihrer selbst nicht mehr Herr wird und von der sich die ethische Tiger trennen muss. Jacob Lass‘ “Tiger Girl“ ist ein Film, der unmotivierte Gewalt ganz klar verwirft, aber seinen feministischen Standpunkt mit einer Kraft darlegt, wie sie im deutschen Kino kaum vorkommt. Was auch das Verdienst seiner Darstellerinnen Maria Dragus (Vanilla) und Ella Rumpf (Tiger) ist.

Tiger Girl Quelle: Constantin

Nocturama: David, Yacine, André, Greg, Omar, Sabrina und Sarah sind sieben junge Leute in Paris, einige von französischer Abstammung, andere mit Migrationshintergrund. Sie gleiten, tänzeln, rennen in Bertrand Bonellos “Migration“ durch die Hauptstadt, als folgten sie einer geheimen Choreografie. Was sie eint, ist ganz offensichtlich ihre Wut auf “das System“, das jeden Ansatz von Weltverbesserung verneint und vereitelt. Sie reden von der Arbeitslosigkeit, von Griechenland und Europa, vom Putsch in Chile. Bis der erste Schuss fällt, der erste Sprengsatz explodiert.

Die hoffnungslosen Sieben haben kein Vertrauen mehr, sie wollen aufrütteln, Zeichen setzen, das Übliche. Aber ihr Plan schafft es nicht über den Tag respektive die Nacht hinaus. Nicht nur dass das System dem Terror, den Staatsfeinden, wie erwartet seine Exekutionstruppen, deren Professionalität und Bewaffnung entgegenwirft. Nein, wie die Zombies bei George A. Romero zieht es die anarchistische Gruppe nach ihrer Aktion ausgerechnet in ein Kaufhaus. Wo sie den Kapitalismus mit einem kostenlosen Benutzungsorgie lächerlich machen und aushebeln wollen, der Faszination des Besitzens jedoch komplett erliegen. Es gibt keinen Ausweg, die Verachtung wird immer von der Gier korrumpiert und Gewalt ist eh seit je der Weg, der mit Verderben bestraft wird – im Kino jedenfalls.

Und so verliert der desillusionierende Film, der im französischen Kino nach den Terroranschlägen des IS floppte (niemand wollte auch noch Leinwand-Terror sehen) nach dem Eintreffen der Angreifer im Warenwunderland alles Überraschende. Nicht aber seine Wahrhaftigkeit. Mit seiner kühlen, elektronischen Musik (unter anderem John Barrys Thema aus der Siebzigerjahre-Krimiserie “Die 2“) erinnert “Nocturama“ nicht von ungefähr an “Assault“, den besten Film John Carpenters.

Nocturama Quelle: Good Movies!

Happy Face Killer: Eine FBI-Agentin entdeckt eine weibliche Leiche, darüber ein Smiley mit dem Blut des Mordopfers. Der “Happy Face Killer“ hat wieder zugeschlagen. Im nächsten Moment platzen wir per Rückblende in das Privatleben dieses Mannes, der zu diesem Zeitpunkt noch unbescholten ist. Keith Hunter Jesperson fährt einen Truck, erfreut sich an den Fotos seiner Kinder in der Sonnenblende, wird überall gemocht und erfährt von seinem Freund, dass seine Ehefrau Cora das Beste sei, was ihm je im Leben passiert ist. Zuhause klingelt dann das Telefon, die kanadischen Mounties lehnen seine Bewerbung ab, nur zehn Sekunden später entdeckt er den Abschiedsbrief von Cora, die samt der Kinder ausgezogen ist.

Ein paar Minuten später steht Jesperson in einer Bar am Billardtisch, wo er die hübsche, verspielte Sissy aufreißt, sein erstes Opfer. Der Zuschauer zieht fortan mit Regisseur Rick Bota durch das Leben eines jener Menschen, die glauben, die Welt sei ein Film mit ihnen selbst in der Hauptrolle. Wir erfahren in verschwommenen Bildern einer dritten Zeitebene, dass sein Vater ein Sadist war, er selbst als Kind Tauben erschlagen hat und es nun auch nicht als besonders schwer findet, Frauen zu morden und an den Straßenbanketten abzuwerfen.

Eine durch und durch plumpe Inszenierung, ein Thriller ohne Thrill, in dem der attraktive und vielbeschäftigte David Arquette (“Scream“, “Bone Tomahawk“) beweist, wie comichaft seine Bemühungen geraten, wenn das Drehbuch 08/15 und Schauspielerführung Fehlanzeige ist. Das sogenannte amerikanische Qualitätsfernsehen macht hier mal Pause zugunsten eines ausladenden Videos, das Angst vorm Trampen macht: Vorsicht, die Irren sind überall!

Happy Face Killer Quelle: Concorde

El Premio – Der Preis: Das Meer und der Wind spielen die Musik zu Paula Markovitchs sechs Jahre altem autobiografisch inspiriertem Film “El Premio - Der Preis“. Eine Mutter (Laura Agorreca) und ihre Tochter (Paula Galinelli Hertzog) suchen in einer Bungalowruine am Strand Schutz vor der Militärdiktatur, die in den Siebzigerjahren in Argentinien eine brutale Herrschaft ausübt.

Fast stellt sich ein Alltag der Verfolgten ein, die Tochter geht vom Versteck aus in die Schule, sie schreibt dort an einem Essay über das Militär. Die Mutter ist darüber wenig begeistert, das Regime trachtet ihr offenbar nach dem Leben, hat den verschwundenen Vater möglicherweise schon in ihrer Gewalt. Leise versucht Markovitch die Bedrohung zu vermitteln, so leise allerdings, dass man sie auch dann nicht recht spüren will, als sie tatsächlich auftaucht.

El Premio – Der Preis Quelle: Absolut Medien

Vendetta: Arnold Schwarzenegger sieht immer noch imposant aus, wenn er oben herum blank zieht, wie die Großvaterausgabe eines Mister Universum eben. In „Vendetta“ ist er Roman Melnyk, der gute Kumpel vom Bau – einfach, geradeaus, nett. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag.

Als leidgeprüfter Vater, dessen Ehefrau, Tochter, ungeborene Enkelin bei einer Flugzeugkollision ums Leben kamen, macht der Ex-Gouverneur von Kalifornien erstaunlich gute Figur. Schweigsam bis einsilbig, wie man es von ihm gewohnt ist, streift er durch Elliott Lesters Drama “Vendetta“. Den Schmerz der Welt im Blick, versucht er mit seinem Leid klar zu kommen, empört sich über die Kälte derer, die glauben, seine Seele allein mit einer finanziellen Entschädigung heilen zu kommen aber ihm die geforderte Entschuldigung verweigern.

Ein Mann sieht auf die stille Art rot, dass er schließlich den verantwortlichen Fluglotsen (Scoot McNairy spielt diesen Part enervierend trübselig) zur Rechenschaft zieht, ist ein Höhepunkt, der wie Jack aus der Schachtel springt, so als sei der Terminator in Mister Melnyk gefahren. Was will man machen, wie so viele Filme basiert auch dieser auf Tatsachen. Allerdings: nicht aus allen Tatsachen muss man einen Film machen.

Vendetta Quelle: New KSM

Von Matthias Halbig

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