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“Vikings“ und mehr DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig “Vikings“ und mehr DVD-Tipps

Von König Arthur bis zu Jack Sparrow, von schicksalsgeprüften Wikingern bis zu historischen Spionen, und von deutscher Hacker-Paranoia in Serie bis zu amerikanischer Paranoia vor allem Fremden: die DVD-Tipps von Matthias Halbig.

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Quelle: iStockphoto

Hannover.  

King Arthur – Legend of the Sword: König Artus alias Arthur ist wieder da, der tragische Superstar unter den mythischen Herrschern. Er zog der Sage nach das von Merlin geschmiedete Schwert Excalibur aus dem Stein (wahlweise einem Amboss), herrschte am utopisch friedlichen Hof Camelot über Britannia, hatte die Ritter seiner Tafelrunde zur Seite, deren romantischster, Lancelot, sich in seine Frau Guinevere verliebte. Der brave Herrscher wurde dann von Sohn/Neffe Mordred verraten, das gute Reich ging unter, gefolgt vom Rückzug des verwundeten Königs gen Avalon, der Nebelinsel. Bryan Ferry hat uns den Ort besungen – mit echt magischem Bariton.

Die Zahl der filmischen Adaptionen von Arthurs sagenhaften Abenteuern ist längst Legion. Jetzt also legt Guy Ritchie los, der einstige Rock’n’Roll-Mann unter den Britregisseuren. Er erzählt neu, anders, weit wilder, steckt titanengroße Kriegselefanten in seine Arthur-Wundertüte, dazu Wasserhexen, Baumwesen und allerlei anderes Gekreuch und Gefleuch. Der junge Arthur (Charlie Hunnam) kämpft gegen Voltigern (Jude Law), einen Usurpator mit schwarzem Herzen. Hunnam hat Charisma, schwingt ein cooles Schwert und eine kesse Lippe, wie es sich für schnittiges Popcornkino gehört. Eine Fortsetzung dürfte folgen, schließlich wartet noch die zarte Lady Guinevere auf ihre Königsbetörung.

King Arthur

King Arthur

Quelle: Warner

Vikings, Season 4: Die Schrecken der Meere fahren in ihre bislang größte und schwärzeste Saison, aufgewühlt waren die Verhältnisse am Ende der dritten Staffel, die Protagonisten weilten in einer Endzeit voller Treulosigkeit, Verrat und Mord. Und mittendrin in diesem finsteren Historiendrama stand der schicksalsgeprüfte, unbeugsame, grimmige, charismatische Held Ragnar Lothbrok, gespielt von Travis Fimmel, dem Mann mit den blauesten Augen Hollywoods.

In der vierten Staffel der Wikingersaga wird alles noch weit dramatischer, blutiger, grausiger. Bis dann in der mit 20 Folgen ungewöhnlich lange Saison kurz vor der Zielgeraden eine drastische Wendung der Ereignisse eintritt, die der Serie das Genick hätte brechen können, die “Vikings“ aber im Gegenteil zu neuen Ufern führt. In der letzten Episode bringt Serienschöpfer Michael Hirst dann noch den Star aus seiner anderen Historienserie “The Tudors“ in Stellung –Jonathan Rhys Meyers. Dessen Kriegerbischof Heahmund dürfte in Staffel 5 in Gefechten stehen, die schon in der vierten Staffel die Größe von Hollywoodfilmen hatten. Nie war “Vikings“ so gut wie jetzt. Eine von den Serien, deren nächsten Durchlauf man am liebsten mit einer Flotte von Drachenbooten rauben würde.

Vikings, Staffel 4

Vikings, Staffel 4

Quelle: Fox

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache: War der Film nötig? Nein. Bringt er uns was Neues? Nein. Rechtfertig das Budget das Ergebnis? Nein - um Gottes Willen, was könnte man mit 230 Millionen Dollar alles an Wichtigerem bewegen in der Welt. Und trotzdem ist es ein Spaß, den nicht mehr ganz taufrischen Johnny Depp wieder als Piratenkapitän Jack Sparrow übers Deck mürbholziger Schiffe tänzeln zu sehen.

Der Spaß ist freilich größer in der – auf DVD mit nur einem Handgriff einstellbaren - Originalversion, in der Jack seine Stimme durchgehend behält. Der deutsche Synchronsprecher David Nathan, eigentlich Depps Stammsprecher, hatte in der vierten Folge des Franchise von Marcus Off übernommen, der den unvergleichlich hypnotischen, säuselnd-tuntigen Sparrow-Sprech erfunden hatte. Nathan nun klingt viel normaler, und normal ist halt leider das Gegenteil von Jack Sparrow, der in Film 5 der Reihe wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

War es seit dem psychedelisch geratenen dritten Film schwer geworden, in den wilden Bildern noch das Narrativ zu finden, geht es unter Regie der Norweger Joachim Ronning und Espen Sandberg schlicht Kerl gegen Kerl. Der böse Seemann Salazar will den Dreizack von Poseidon finden, um mit dessen mythischen Kräften die Meere der Welt zu beherrschen. Ganz einfach, oder? Javier Bardem ist ein markant-gruseliger Salazar, Brenton Thwaite spielt den Sohn von Will Turner und Elizabeth Swann und nie sah Seemannsgarn besser aus, was aber auch verlangt werden kann, wenn Geld keine Rolle spielt. Jack is back – der Ritt auf der “Black Pearl“ ist ein Genuss ohne Reue.

Pirates of the Caribbean

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache

Quelle: Disney

Silence: Die Jesuiten Sebastiao (Andrew Garfield) und Francisco (Adam Driver) reisen in den Dreißigerjahren des 17.Jahrhunderts nach Japan, um einen verschollenen Bruder (Liam Neeson) zu finden. Der Anspruch, den “alleinseligmachenden“ Glauben zu besitzen, und die Handelsdominanz der Portugiesen, dazu die Einflüsterungen eines englischen Kapitäns hatten das langjährige Misstrauen vieler japanischer Feudalherren in die neue Religion der kleinen Bauern in offene Ablehnung verwandelt. Wer als Christ erkannt oder entlarvt wurde und nicht abschwor, wurde grausam gefoltert, gekreuzigt oder lebendig verbrannt.

Martin Scorsese hat mit “Silence“ einen Roman von Endo Shusaku verfilmt, hat, basierend auf dem Leben zweier wirklicher Mönche ein bildgewaltiges Epos auf die Leinwand gestemmt, einen opulenten Historienfilm, der - ob der Intensität des Gezeigten, der tiefschürfenden religiösen Dispute und Drivers und vor allem Garfields schauspielerischen Leistungen - auch auf dem kleinen Fernseher besteht. Der Film, der sich weit langsamer und bedächtiger entfaltet als Scorseses jüngere Werke, erinnert den Betrachter an die sinnstiftenden Kräfte, die Religionen innewohnen, an ihren machtpolitischen Missbrauch durch Herrschaft, Wirtschaft und Kirche sowie an die aus dem Missbrauch folgenden Konflikte bis hin zu Morden, Pogromen und Kriegen.

Dabei betont Scorsese zugleich immer wieder die Reinheit und Unschuld der christlichen Idee jenseits aller Interpretation, der Idee der Gleichheit und Nächstenliebe, ihrer Vision von einer friedlichen, brüderlichen Welt. Sebastiaos Wort vom “Blut der Märtyrer“, das “die Saat der Kirche“ ist - er hält es der Inquisition entgegen - hat in der westlichen Welt von heute länger schon keine Kraft mehr. Die Toten, die der missbrauchte Islam hervorbringt, werden auf Seiten der Angegriffenen nur noch weltlich betrachtet - als Opfer des Terrors. Scorseses Film nun ist ein Postulat für (religiöse) Toleranz, eine Rückkehr des christlichsten unter den amerikanischen Regiemeistern zu Bestform, ein spätes Meisterwerk.

Silence

Silence

Quelle: Concorde

24 – Legacy, Staffel 1: Die Einheit von US-Ranger Eric Carter (Corey Hawkins) hat einen islamistischen Top-Terroristen liquidiert, jetzt sind dessen Anhänger in den USA dabei, seine Einheit aufzulösen – und zwar mit schallgedämpften Pistolen. Liquidiert werden ohne Gnade auch Frauen und Kinder und Carter muss seine Liebste Nicole bei seinem Bruder Isaac unterbringen, einem knallharten Gangsterboss, dem er sie einst ausgespannt hat. Dann zieht er ins Gefecht gegen die Jemeniten, die an einen USB-Stick wollen, mit dem Schläferbanden “geweckt“ werden sollen. Die gute alte Gefahrenabwehrzentrale CTU, lange Zeit Quasiheimat und Nemesis des großen TV-Patrioten Jack Bauer (Kiefer Sutherland) ist bald involviert - mitsamt dem neuen Leiter (Teddy Sears) und seiner Vorgängerin (Miranda Otto).

Die Geschichte verläuft nach der alten Bauer-Regel: Niemandem kann getraut werden, niemand ist, was er scheint – auch und erst recht nicht bei der Agency. Und so gibt es Überraschungen nach dem altbekannten Muster, es wird hart gekämpft, schlimm gestorben und nichts weniger als das Schicksal der Nation steht auch diesmal auf dem Spiel. Freilich kommt Hawkins nicht ausreichend dazu, seine Figur zu skizzieren und wiewohl der “24“-Novize durchaus auf seine Kosten kommt, stellt der Die-hard-Fan fest, dass “24 – Legacy“ nicht an die alte Serie heranreicht, ganz bestimmt nicht an die TV-mythischen Staffeln 1, 3 und 5. Man hätte Hawkins freilich noch eine zweite Saison geben müssen, eine echte Chance. Stattdessen wird anderweitig über eine Fortsetzung des Franchise weitergededacht.

24 – Legacy

24 – Legacy

Quelle: 20th Century Fox

Generation der Verdammten, Miniserie: Am Anfang ist der Krieg vor allem in den Köpfen: Ein buntes, lautes, befreiendes Heißa, in das die Soldaten oft genug frohgemut statt zaudernd und angsterfüllt ziehen. Die Patrioten des Jahres 1914 stellen ihn sich in ihren Köpfen als Spiel vor, aus dem man bald zurückkehren wird – bis Weihnachten, so die allgemeine Annahme, ist alles vorbei. Dann aber versinkt die Welt für Jahre in Schützengräben, der Stellungskampf beginnt, ein grausiger Tanz, zwei Schritte vor, zwei zurück, manchmal unter Maschinengewehrbeschuss, dann unter Artilleriegeschützen, dann unter lungenfressendem Gas.

Die vierteilige BBC-Miniserie “Generation der Verdammten“ pickt sich jeweils einen jungen “Helden“ auf britischer (Thomas) und deutscher Seite (Michael) heraus, mit dem die Kamera durch den Schlamm und Stacheldraht zieht. Dabei geht es den Serienmachern weniger um Drama und darstellerische Einzelleistungen als um einen reduzierten Spielfilmstil mit dokumentarischer Anmutung, der die Atmosphäre des Wartens, Schießens und Sterbens erzeugt, ohne Partei zu ergreifen. Immer wieder verblasst das Farbbild zwischendurch zu grobkörnigem Schwarzweiß, dann wird echtes Archivmaterial von vor 100 Jahren eingeflickt und erzählt, was mit den Menschen angerichtet wurde und nie mehr gutzumachen war. Nach dem Krieg war dieser Krieg für immer in den Köpfen der Krieger.

Generation der Verdammten

Generation der Verdammten

Quelle: Pandastorm

You are Wanted, Staffel 1: Rothaarige sind vom Feuer geküsst, sagt man in der Serie “Game of Thrones“ in Westeros, womit kühne Wildlingskämpfer wie Thormund und Ygritte gemeint sind. Bei der lieblichen Karoline Herfurth dachte man das nicht so, sie ist uns vor allem als schusselige Lehrerin Schnabelstedt aus den “Fack ju Göhte“-Filmen bekannt. In der zweiten Folge der Thrillerserie “You are Wanted“ taucht sie in Ledermontur auf wie Emma Peel in ihren besten Zeiten, rittlings auf einem Motorrad wie Catwoman, mit einer Pistole in der Hand. Seit ihr Computer gehackt wurde, haben unbekannte Erpresser ihr Leben in einen Alptraum verwandelt. So jedenfalls erzählt sie es Lukas Franke (Matthias Schweighöfer), dem eigentlichen Helden dieser Geschichte, aber der Zuschauer zweifelt an den Wahrheiten, wem kann man in Paranoialanden wie diesen noch trauen?

Schweighöfer, durch zahlreiche passable und weniger passable Komödien im Rang des deutschen Kinoschwiegersohns Nummer 1, ist ebenfalls gegen den Strich besetzt. Ein erfolgreicher Businessmann und Familienvater bekommt nach einem seltsamen Stromausfall, der ganz Berlin betrifft, merkwürdige Botschaften auf Smartphone und Computer, wird dadurch vor seiner Ehefrau (Alexandra Maria Lara) als Ehebrecher diffamiert, beruflich ruiniert und gerät bei der Polizei in Verdacht, Mitglied einer anarchistisch-terroristischen Vereinigung namens Antipode zu sein. Wie einst Dr. Kimble ist er auf der Flucht, rennt vor dem Zugriff der Staatsanwaltschaft davon und sucht nach der Wahrheit, um sein altes Leben wiederherzustellen.

All das ist in kühle, anthrazitene Großstadtbilder gehüllt, mit einem Soundtrack aus melancholischem Unterwasserklavier und düster brodelnden Elektronikklängen unterlegt und ein Beweis dafür, dass die deutsche Serie – wenngleich sie noch nicht mit Amerika, Großbritannien, Skandinavien mithalten kann – so doch auf dem Weg der Besserung ist. Eine zweite Staffel ist in Vorbereitung.

You are wanted

You are wanted

Quelle: Warner

Jericho, Staffeln 1 & 2: Jake (Skeet Ulrich) kommt nach langer Zeit nach Hause, nach Jericho in Kansas, einer Stadt im Nirgendwo Amerikas. Das Verhältnis zum Vater (Gerald McRaney) , dem Bürgermeister, ist angespannt, irgendetwas ist in der Vergangenheit geschehen, das das Familienleben belastet. Noch bevor die Verhältnisse geklärt werden können, steigt ein Atompilz über Denver auf und es geht den Bewohnern so wie Dorothy im “Zauberer von Oz“ – sie sind nicht mehr in Kansas.

Sondern in einer aufgelösten Welt, in der nach dem radioaktiven Fallout die Existenzkämpfe beginnen: Bunkerpsychosen, Marodeure, Plünderer, entflohene Sträflinge, vehement konkurrierende Kommunen, Militärs, die auf die harte Tour eine Grundordnung herstellen wollen und dabei die Bürgerrechte rasieren. Zwar wird Jakes Status schon nach der ersten Episode deutlich verbessert- er bringt einen vermissten Schulbus zurück in die Stadt und wird so zum Helden. Zwar sind beherzte Leute am Werk, die das auseinanderfallende Gemeinwesen neu bündeln und verhindern wollen, dass irgendwelche Böse-Leute-Trompeten Jerichos Mauern zum Einsturz bringen, nach und nach aber wird die Welt dieser Serie von 2006 von der postnuklearen Finsterns verschluckt.

Dass diese Serie neu aufgelegt wird, macht Sinn in Zeiten, in denen ein nordkoreanischer Weltverderber Raketen über Japan schickt und ein amerikanischer Präsident mit seinem Atomarsenal droht. Auch nach elf Jahren ist diese Geschichte noch sehenswert, nach der zweiten Staffel, die offen aber doch akzeptabel endet, wurde die Geschichte von Jericho dann – dank der großen und aktiven Fangemeinde –in Comicform fortgesetzt. Nicht zu verwechseln übrigens mit der aktuellen Serie “Jericho“, einer Art Western über den Bau eines Viadukts im Yorkshire des 19.Jahrhunderts.

Jericho – Der Anschlag

Jericho – Der Anschlag

Quelle: Koch Media

Turn – Washington’s Spies, Staffel 3: Man muss es zugeben. Die sehenswerte Geschichte um den jungen Farmer Abraham (Jamie Bell), der im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775 – 1783) auf Seiten der Freiheitskämpfer die Spionagegruppe The Culper Ring bildet, hatte in den ersten beiden Staffeln ihre Längen, zudem eine gewisse Berechenbarkeit und eine Neigung zum gelegentlichen Schmalzaufstrich auf Zuschauers Gemüt. Das ist mit der dritten Staffel vorbei. Jetzt wird das Tempo erhöht, die Geschichte verdichtet, das Potenzial der Saga um die Kämpfe zwischen den 13 Kolonien und der britischen Kolonialmacht (und den damit einhergehenden Rissen in den Familien) weidlich ausgeschöpft.

Der politische Historienthriller wird durch die privaten Händel des Helden nicht mehr gedämpft wie bisher. Und die zehn Episoden enden mit einem Paukenschlag. Es rollen ab sofort Köpfe, von denen man einen Verbleib auf ihrem Rumpf fest eingeplant hatte. Damit erreicht “Turn“ einen gewissen “Game of Thrones“-Effekt, der die halbdösenden Couchkartoffeln neu in Spannung versetzt. Zwar gibt’s keinen bezwingenden Cliffhanger, aber man kann sich sicher sein, dass die Zuschauer nach diesem Finale zur letzten Staffel zurückkehren werden.

Turn – Washington’s Spies

Turn – Washington’s Spies

Quelle: KSM-GmbH

Die Eberhofer-Box: Rita Falks Franz Eberhofer (Sebastian Bettel) ist Dorfpolizist in Niederkaltenkirchen, im tiefsten Niederbayern - karger, bodenständiger und nicht so mit Kitschblumenbalkonen bestückt wie das Touristenbavaria. NKK ist nicht gerade die Kapitale des deutschen Verbrechens und als Ermittler ist der Eberhofer auch eher Mittelklasse. Obwohl er am Ende der Mundartkrimis doch immer punkten kann, wenn auch nicht bei der süßen Susi, deren Zusammenziehundmehrplänen er hartleibig ausweicht. Da lässt er sich lieber weiterhin von der Oma bekochen, die all die volkstümlichen Leckereien draufhat, die den köstlichen Romanen und Filmen um seine Provinzabenteuer den Namen gaben: “Dampfnudelblues“, “Winterkartoffelknödel“ und “Schweinskopf al dente“ gibt’s für all die Liebhaber wurzeliger Deutschkomödien jetzt im Komplett-DVD-Paket.

Das sind im Norden und Osten der Republik bislang noch nicht so viele – was wohl dem südlichen Idiom geschuldet ist, was sich aber langsam mal ändern müsste. Man sollte sich an diese Box wagen, allein schon ob des hinreißend depperten Personals: den kiffenden Hippiebauernpapa (Eisi Gulp), den seine Wirkung auf weibliche Geschlecht stets überschätzenden Flötzinger (Daniel Christensen) oder Eberhofers besten Freund, den hoch emotionalen Birkenberger Rudi (Simon Schwarz). Und die Neuhofers - nein die doch nicht, die haben ein rabenschwarzes Karma und sterben wie die Fliegen, bevor man sie richtig kennenlernen kann. La Brass Banda spielen zu alldem “Keine Sterne in Athen“.

Sollte Ihnen das alles gefallen haben: “Grießnockerlaffäre“, der vierte Fall, mit dem der Eberhofer gerade erst in den Kinos unterwegs war (nur kurz in den nord- und ostdeutschen) erscheint im Februar auf DVD und BluRay.

Die Eberhofer-Box

Die Eberhofer-Box

Quelle: Eurovideo

Boston: Man weiß, was gleich passiert. Der Film “Boston“ beruht schließlich auf wahren Ereignissen, die Bilder vom Bombenanschlag auf den Marathon am 15. April 2013 gingen um die Welt. Man sieht auf der Leinwand den Frieden jenes Tages und erwartet den Schlag, mit dem er jäh endet. Leute laufen erschöpft durchs Ziel, ein entspanntes Festpublikum jubelt, klatscht, die Kinder sind glücklich mit Eis, Limo, Popcorn. Und da erscheinen zwei finstere junge Muslime, die ihre Rucksäcke unbemerkt inmitten dieser Unschuld abstellen. Es sind Bomben darin, gefüllt mit Stahlsplittern und Metallkugeln. Man weiß, was gleich passiert und zuckt doch zusammen, als die Sprengsätze losgehen, als sie einen leichten, schönen Nachmittag in Asche, Schmerz und Tod zusammenbrechen lassen.

“Boston“ ist einer jener Filme, die sich den Anschein von Dokumentation geben und die dort, wo sie frei erfinden, Wahrhaftigkeit behaupten. Das Terrordrama, das im Original “Patriot’s Day“ heißt, nach dem Feiertag, an dem der verhängnisvolle Volkslauf stattfand, lässt uns auf den fiktiven, das Gesetz eher flexibel handelnden Polizisten Tommy Saunders (Mark Wahlberg) blicken, der sich gleich zu Anfang bei einem Einsatz das Bein verstaucht. Mark Mahlberg humpelt und flucht, was für ein Tollpatsch, aber er wird zum Helden des 15. April werden. Weil er zur Stelle ist, hilft, wo er kann, die Krise managt, nie verzweifelt, anderen Mut macht. Und weil er auf die Jagd nach den Attentätern geht, unbeirrbar und ohne Furcht. Weil er superamerikanisch ist, die zweite Chance nutzt, die ihm das Schicksal bietet. Mark Wahlberg ist Pathos auf zwei Beinen. Da kann die Wackelkamera den Film noch so sehr auf Nachrichtensendung trimmen.

Der New Yorker Peter Berg, der nach “Lone Survivor“ (2013) und “Deepwater Horizon“ (2016) nun schon den dritten Film mit Wahlberg vorlegt, setzt gegen Gewalt und Schrecken neben unerschütterlichem Kampfgeist einen deplatzierten Humor. Und wenn einer der Kollegen von der Exekutive dem Helden bescheinigt: “Ich wusste es immer - da ist etwas Wunderbares in der heiligen Seele von Tommy Saunders“, kommt man sich vor, als wäre man in “Die nackte Kanone 44 ¼“ und jeden Moment könne Leslie Nielsen als Polizeiclown Frank Drebin auftauchen. Viele Szenen sind schlichtweg überflüssig, werden – wie viele Figuren - offenbar nur der Vollständigkeit halber eingeführt. Bekannte Schauspieler wie Kevin Bacon, J. K. Simmons und Michelle Monaghan (mein Gott, wie mager ist bloß John Goodman geworden!) werden an Figuren verschwendet, von denen kein einziger zum Charakter heranwächst. Erst recht nicht Dschochar und Tamerlan Zarnajew (Alex Wolff, Themo Melikidze) die Attentäter. Sie könnten Außerirdische sein, diese Fremden aus dem Inneren der USA, diese menschenverachtenden, bis zuletzt gewaltbereiten Wirrköpfe.

Donald Trump wird diesen Film lieben, denn der als amerikanische Ermutigung gedachte “Boston“ schürt Sorge, Feindbilder, Abwehrhaltung. Nur niemanden mehr reinlassen, denn jeder, der drin ist und beim “pursuit of happiness“ schlecht abschneidet, der sich im Land der Freien in seinen Möglichkeiten begrenzt fühlt, jeder, der nur einmal zu oft das Ehrabschneidende des weißen Rassismus erlebt hat, kann sich radikalisieren und zur tödlichen Gefahr für die Freiheit werden. Freiheit bedeutet auch, Filme wie “Boston“ auszuhalten.

Boston

Boston

Quelle: Studiocanal

Von Matthias Halbig

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