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Auf der Suche nach dem hohen F

Florence Foster Jenkins im Kino Auf der Suche nach dem hohen F

Die schlechteste Opernsängerin der Welt wird im Kino wiederentdeckt: Die schillernde New Yorker Salondame Florence Foster Jenkins galt als Lachnummer – und wird bis heute verehrt.

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Glamour, Selbstverwirklichung und ganz großes Drama: Die Geschichte der schillernden Salondame und "schlechtesten Opernsängerin der Welt", Florence Foster Jenkins, kommt ins Kino.

Quelle: Edition Salzgeber

Sie sang hingebungsvoll. Sie liebte die Musik und ihr Publikum, den extravaganten Auftritt. Im nicht enden wollenden Applaus erblühte sie. Und, ach ja, bis heute führt Florence Foster Jenkins den Beinamen "schlechteste Opernsängerin der Welt" – wohl zu Recht, wie sich im Internet und auf wiederveröffentlichten Aufnahmen nachhören lässt. Im Fall der New Yorkerin klingt diese Bezeichnung aber nicht höhnisch, eher nach einem Ehrentitel.

Ersungen hat sich die am 19. Juli 1868 in Wilkes-Barre, Pennsylvania, geborene Tochter aus begüterter Familie ihren Ruf mit Auftritten vor besonders wohlgesonnenen Zuschauern. Denn was sie nicht wusste – oder nicht wissen wollte: Wenn das Publikum sich wegen Jenkins' gruseliger Tonfolgen vor Lachen kringelte, gab es eine unausgesprochene Vereinbarung unter den Stammhörern.

Es wurde so laut geklatscht und gepfiffen, dass die Vortragende das Gelächter nicht mitbekam. Sie fühlte sich nun noch mehr angespornt und ließ sich zu besonders schwierigen Stücken hinreißen, etwa zur "Zauberflöten"-Arie der Königin der Nacht "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen". Die logische Folge: Der vermeintliche Zuspruch im Saal fiel noch nachdrücklicher aus.

Selbstverwirklichung im "Verdi-Club"

Wäre es nach ihrem Vater, einem Banker und Unternehmer, gegangen, dann hätte Jenkins wohl nie die große Bühne betreten. Womöglich wollte Charles Dorrance Foster seine Tochter vor ihrem eigenen Ehrgeiz schützen, vielleicht hielt er eine Karriere als Sängerin auch einfach nicht für standesgemäß. Für ein Gesangsstudium seiner Tochter wollte er jedenfalls nicht aufkommen. Er drohte, sie zu enterben, und hat das zwischenzeitlich wohl auch getan. Aber seine Tochter hatte ihren eigenen Kopf.

Sie brannte durch mit dem Arzt Frank Thornton Jenkins, von dem sie nicht nur den Namen mitbekam, sondern auch eine Syphilis. Nach der Scheidung fristete sie ihr Dasein als Klavierlehrerin. Dann starb ihr Vater und hinterließ ihr jedenfalls so viel Geld, dass sich Jenkins ganz ihrer Leidenschaft widmen konnte. Sie tat fortan das, was man gemeinhin als ein gelungenes Leben betrachtet: Sie verwirklichte sich selbst.

In New York pulsierte in der Zwischenkriegszeit das Leben in privaten Clubs. Florence Foster Jenkins befand sich in Manhattan mitten im kulturellen Zentrum dieser Bewegung der Amateure. Sie erklärte sich zur Vorsitzenden des selbst erfundenen "Verdi-Clubs".

Florence Foster Jenkins

Schillernd, schräg, und eine umschwärmte Gastgeberin: Florence Foster Jenkins ließ sich in ihrem Traum von der Oper durch nichts beirren.

Quelle: Library of Congress

Besonders beliebt bei den Zusammenkünften mit mehreren Hundert Mitgliedern: Jenkins' Tableaux vivants, in denen Kunstwerke aller Art durch lebende Figurenensembles nachgestellt wurden – sie selbst schwebte schon mal als "Stern von Bethlehem" heran. Mindestens ebenso beliebt, wenn man den aktuellen Verfilmungen Glauben schenkt: der Kartoffelsalat, den Jenkins als Sättigungsbeilage zur Kunst aus einer randvoll gefüllten Badewanne servierte.

Stumme Inszenierungen reichten der Künstlerseele bald nicht mehr. Jenkins begann zu singen, zunächst bei privaten Konzerten in den Ballrooms des Ritz-Carlton- oder auch des Plaza-Hotels. In fantasievollen Kostümen und reich mit Schmuck behängt erschien sie vor den Gästen, beinahe wie eine frühe Dragqueen. Die Auftritte hatten einen unschätzbaren Vorteil: Die Zuhörer waren handverlesen und der Künstlerin entsprechend wohlgesonnen.

Für die Auswahl der Gäste war Jenkins' neuer Lebenspartner zuständig. 1909 hatte sie den jüngeren Shakespeare-Schauspieler St. Clair Bayfield kennengelernt. Mit ihm blieb sie trotz all seiner Affären – und ihrer eigenen Liebhaber, von denen später aufgetauchte Briefe zeugen – bis an ihr Lebensende zusammen. Bayfield fungierte als ihr Beschützer gegen die feindliche Welt da draußen, die sich mehr und mehr für die "Königin der Dissonanzen" interessierte. Bayfield ließ Zeitungsschreibern Dollarbündel zufließen, um den Hörgenuss nachdrücklich zu erhöhen.

Drama in der Carnegie-Hall

So lebten und sangen alle glücklich und zufrieden. Ja, Jenkins wurde ihrer eigenen Einschätzung zufolge immer besser. Für Ermutigungen aller Art war sie offen: Einmal wurde ihr Taxi in eine Karambolage verwickelt, erschrocken stieß sie einen spitzen Schrei aus. Bei dem Unfallfahrer bedankte sie sich mit einer Kiste Zigarren, weil sie ihr hohes F nun noch besser träfe. Kein Wunder, dass sie sich selbst auf einer Stufe etwa mit der berühmten italienischen Kollegin Luisa Tetrazzini wähnte und sich anschickte, beim Billiglabel Melotone Records Schallplatten aufzunehmen.

Nun war Jenkins bereit, sich einer neuen Herausforderung zu stellen: Ein Auftritt in der berühmten Carnegie Hall stand auf ihrer Agenda. Die Fans ermunterten sie dazu – ob aus lauteren Beweggründen, sei dahingestellt. Für die inzwischen 76-Jährige sollte der Auftritt ihr persönlicher Beitrag im Krieg gegen Deutschland sein. Auf dem Schwarzmarkt schnellten die Ticketpreise in die Höhe. Tausende mussten im Oktober 1944 nach Hause geschickt werden.

Etwas aber war anders: Nun saßen auch Leute im Saal, die keine Ahnung davon hatten, welche groteske Darbietung ihnen bevorstand. Dieses Mal konnte Bayfield sie nicht vor vernichtenden Kritiken behüten. Einen Monat später starb Florence Foster Jenkins an einem Infarkt. Ob die öffentlichen Reaktionen auf das Konzert ihr das Herz gebrochen hatten? Der Kokon der Selbsttäuschung war zerbrochen.

Meryl Streep und Hugh Grant in "Florence Foster Jenkins"

Nachtigall Florence und ihr Beschützer gegen schlechte Kritiken: Der Film mit Meryl Streep und Hugh Grant startet am kommenden Donnerstag.

Quelle: Constantin

In die Musikgeschichte ist Jenkins trotzdem eingegangen. Nach Angaben der Carnegie Hall gab es bis heute nur zu Konzerten der Beatles oder von Judy Garland ähnlich viele Anfragen wie zu dem von Jenkins. Womöglich erschloss sie der klassischen Musik sogar neue Publikumsschichten. Die Meinungen über Jenkins gehen weit auseinander: Was war sie nun, eine exaltierte New Yorker Salondiva oder in ihrer unabhängigen Art eine Vorkämpferin des Feminismus?

In all ihrer Theatralik und Überpointiertheit wird Jenkins heute gern als frühe Vertreterin der Camp-Kunst betrachtet: Egal wie lächerlich sie auf der Bühne wirkte, es war ihr ernst mit ihren Auftritten. Eine Erklärung ist immerhin denkbar, warum ihre Höreindrücke so sehr von denen ihres Publikums abwichen: Die Fehlwahrnehmung könnte eine Folge der Syphilis-Behandlung mit Quecksilber und Arsen gewesen sein. Jenkins verlor ihre Haare, trug ihr Leben lang Perücken. Gut möglich, dass auch ihr zentrales Nervensystem geschädigt war.

Am Ende scheint die unerbittliche Wirklichkeit doch noch zu ihr durchgedrungen zu sein. Auf dem Grabstein von Florence Foster Jenkins in der Familiengruft in Wilkes-Barre steht der Satz: "Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte."

Von der Bühne ins Kino: Filme über Jenkins
Joyce DiDonato in der Hauptrolle der "Florence Foster Jenkins Story".

Der Unterschied zwischen echtem Operngesang und dem Foster-Jenkins-Style: Die US-Sängerin Joyce DiDonato in der Hauptrolle der "Florence Foster Jenkins Story".

Quelle: Edition Salzgeber

Gleich drei Kinofilme haben sich dem genauso komischen wie tragischen Leben dieser Opernsängerin Florence Foster Jenkins angenommen. Schon im Vorjahr startete die französische Produktion "Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne", in der die Geschichte nach Frankreich verlegt wurde (mit Catherine Frot).

Gerade läuft im Kino das mit üppigen Spiel- und Sangesszenen angereicherte Dokudrama "Die Florence Foster Jenkins Story", in dem die US-Sängerin Joyce DiDonato in die Rolle von Jenkins schlüpft – und die Diskrepanz zwischen Opernkunst und Singen à la Jenkins in ein und demselben Lied aufzeigt.

Und schon am kommenden Donnerstag verwandelt sich Meryl Streep in Stephen Frears' amüsantem Film in Florence Foster Jenkins. An ihrer Seite: Hugh Grant als St. Clair Bayfield, der seine Gefährtin gerne auch mal "Häschen" nennt.

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