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Das Leben braucht Bojen

Jungautoren im Porträt Das Leben braucht Bojen

Niah Finnik ist Autistin. Ihr ganz besonderer Blick auf die Welt macht ihren ersten Roman zu einem Höhepunkt des Literaturfrühlings. Auch das autobiografische Debüt von Felix Lobrecht besticht durch Authentizität: Er schreibt über den brutalen Alltag eines Jugendlichen im Neuköllner Plattenbau.

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Plattenbau und Tagesklinik: Felix Lobrecht und Niah Finnik haben autobiografische Debütromane geschrieben.

Quelle: Ken Kullik

Berlin. Juli findet die Farben Rot, Violett und Gelb strapaziös, dafür mag ihr Gehirn Symmetrie. Sie analysiert sich selbst wie einen Computer, der Daten verarbeitet. Juli ruft Erinnerungen aus ihrem fotografischen Gedächtnis auf, und Neues bedeutet Unsicherheit: “Es existierte dazu keine Information in meinem Kopf.“ Juli ist die junge Icherzählerin aus dem Roman “Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik.

Niah Finnik ist wie ihre Protagonistin Autistin, und dieser besondere Blick auf die Welt macht ihren Debütroman zu einem Höhepunkt des Literaturfrühlings. Finnik studierte Industriedesign, in ihrem ersten Job imitierte sie die sozialen Gepflogenheiten der Kollegen. Eines Tages verließ sie ihren Schreibtisch während der Mittagspause und kehrte nie wieder dorthin zurück. Die 28-Jährige sagt: “Menschen sagen selten, was sie denken. Das irritiert mich. Manchmal tun sie nur so, als wenn sie sich unterhalten. Irgendwann ging es mit dem Vortäuschen nicht mehr.“ Finnik besuchte eine Tagesklinik, kämpfte mit der Angst.

Heute hält sie ihren Alltag mit Routinen zusammen. Sie geht die immer gleichen Wege und hört zu jedem Abschnitt ein bestimmtes Lied. Und sie isst nach Mustern, eine ganze Saison lang zum Beispiel Äpfel in verschiedenen Variationen. “Das gibt mir ein Gefühl von Kompaktheit“, sagt die Autorin. “Wenn der Tag ein Gewässer ist, dann sind die Routinen Bojen, an denen ich mich entlanghangeln kann, auch wenn es einmal stürmisch wird.“

Einzigartige Perspektive auf die Umwelt

Autismus sei ein Kontinuum und lasse sich nur schwer in einem Begriff zusammenfassen. “Das ist so, als wenn jemand sagt: ,Ich bin ein Kerl’, und damit klar ist, dass ein 1,73 Meter großer Fahrradfahrer mit roten Haaren gemeint ist.“ Einsortiert zu werden scheine dabei wichtig zu sein. “Und wenn man sich nicht selbst definiert, dann tun es die anderen.“

Finnik schreibt gerade an einem neuen Roman, der nichts mit ihrer Biografie zu tun hat. Ihr Debüt bekommt durch die besondere Wahrnehmung der Umwelt eine einzigartige Perspektive. Zum Beispiel, wenn die Erzählerin ihren Gemütszustand über Prozente definiert. An einem Tag gehören der Angst 86,67 Prozent, an einem anderen nur 3,33 Prozent. Julis Versuche, in einer Tagesklinik den zerfledderten Alltag wieder in den Griff zu kriegen, lesen sich auch wegen des außergewöhnlichen Tons spannend. Eine leise Selbstironie ist herauszulesen. Zugleich wirkt Julis Erzählung betäubt wie unter Beruhigungsmitteln, dennoch ist die Spannung darunter spürbar. Fuchsteufelsstill eben wie der Titel.

Coming-of-Age im Plattenbau

Einen krassen Gegensatz zu der kontrolliert-nüchternen Sprache Finniks bietet Felix Lobrechts Roman “Sonne und Beton“. Dennoch besticht er auf ähnliche Weise mit Authentizität. Wie Finnik gehört er zu den vier Debütautoren des neuen, jungen Verlagsprogramms “Ullstein 5“. Bei der Leipziger Buchmesse, die am 23. März beginnt, werden die Titel vorgestellt, darunter auch Ada Dorians Roman “Betrunkene Bäume“ über eine ungewöhnliche Freundschaft und Svenja Gräfens WG-Liebesgeschichte “Das Rauschen in unseren Köpfen“.

Lobrechts Coming-of-Age-Geschichte liest sich wie “Catcher in the Rye“ in der Gropiusstadt. Der Erzähler Lukas wächst im Plattenbau auf. Sein großer Bruder ist der Held aus den urbanen Legenden darüber, wer im Viertel wen zusammengeschlagen hat. Lukas bewundert ihn und flirtet mit dem Gedanken an eine Dealerkarriere. Gleichzeitig jedoch hat er Mitleid mit dem Taxifahrer, dem sein Kumpel Tränengas in die Augen sprüht, und mit seinem Vater feiert er dessen neuen Hausmeisterjob auf rührende Weise. Trotz all der Brutalität schwingt in der Milieubeschreibung immer etwas Liebevolles mit.

Authentische Sprache ist “krass wichtig“

Die Sprache ist eine Mischung aus Berlinerisch und Ghettoslang. Auf Präpositionen verzichtet Lobrecht meist, seine Lieblingswendungen kommen von der Straße: „Wallah“, „Dings“, „Dicker“, „Ich schwöre“. Lobrecht wuchs selbst in Neukölln auf, “dem Teil, der niemals hip sein wird“. Authentische Sprache ist für ihn „krass wichtig“. Er mache sich keine Illusionen: “Es wird schwer sein, die Jungs aus der Hood mit meinem Buch zu erreichen. Aber ich will die Leser aus der weißen Mittelschicht dazu zwingen, sich damit auseinanderzusetzen, was da in ihrer Nachbarschaft abgeht.“

Um seine Neuköllner Jugend dreht sich auch Lobrechts Soloprogramm als Stand-Up-Comedian “Kenn ick“. Die Romangeschichte sei eine Mischung aus eigenen Erinnerungen und denen von Freunden. “Ich wünschte, ich hätte mir mehr ausdenken müssen.“

Von Nina May

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