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Tipps Das „weite“ Album
Sonntag Tipps & Kritik Tipps Das „weite“ Album
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20:06 22.12.2017
Erdrückende Popularität: die Beatles 1968. Quelle: © Apple Corps Ltd
Hannover

Das Revolutionsjahr war fast vorbei, da kamen die Beatles endlich rüber. Am 22. November 1968 stand das schon länger angekündigte neue Album der Band in den Plattenläden. Sogar zwei Platten auf einmal, 30 neue Songs. Seit „Magical Mystery Tour“ im Dezember 1967 erschienen war, hatte die Tet-Offensive in Vietnam stattgefunden, waren Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet worden, war die Jugend der Welt auf die Barrikaden gegangen. Zur Revolution äußerten die Beatles sich im Song „Revolution“. Ein klares Bekenntnis: Nicht mit Hass und Gewalt. Das Cover war nicht mehr knallbunt wie das der beiden Vorgänger. Sondern weiß wie Schnee. Eine Friedensfahne.

Was der britische Künstler Richard Hamilton für John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr geschaffen hatte, war eine symbolträchtige Verortung der Band. Denn Weiß ist die Summe aller Farben des Lichts, damit die Farbe des „alles“ und die positivste Farbe von allen: Weiß steht für Spiritualität, Ideale, Weisheit, Wahrheit, Freiheit – alles Eigenschaften, die man irgendwie mit den Beatles verbindet. Zudem trägt das Gute in der Popkultur meist weiße Garderobe, und wer im Pop des Jahres 1968 war besser als die Beatles? Das Werk, das schlicht „The Beatles“ hieß, wurde „Weißes Album“ genannt. Bis heute ist dieses Alias bekannter als der eigentliche Titel.

Auch diese verhüllende Plattenhülle war Ausdruck der seit anderthalb Jahren anhaltenden Beatles-Flucht vor den Beatles. Die Popularität der Band war für die vier Musiker erdrückend geworden, sie versuchten, der Beatlemania zu entkommen. Keine Konzerte mehr, Rückzug hinter Studiomauern, Versteckspiele auf Plattencovern – Freiheit. Bei „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ standen John, Paul, George und Ringo 1967 als Blaskapelle am Grab der Pilzkopf-Beatles, beim Nachfolger „Magical Mystery Tour“ versteckten sie sich hinter Tiermasken.

Und jetzt verbarg man sich eben hinter einem Laken. Um beim „Weißen Album“ zu erkennen, wer hier musizierte, musste man schon genau hingucken. Das „White Album“ trug nur den Bandnamen – in erhabenem Weiß (samt einer weiß geprägten Seriennummer). Auch Koketterie, gewiss: Hätte man wirklich unerkannt bleiben, im Verborgenen musizieren wollen, hätte man in allen drei Fällen ganz auf den äußeren Beatles-Bezug verzichten können.

Weiß ist in der Farbsymbolik die Farbe des Anfangs. Und in gewisser Weise war dieses Album ein weiterer Beginn für die Band. Das „Weiße Album“ ist das erste wirkliche Any-thing goes der Beatles, ein in jeder Hinsicht „weites“ Album. Sie erkunden zwar weiterhin musikalisches Neuland, gehen aber vorrangig zu einfacheren Kompositionen zurück. Zwar sind noch Ausläufer ihrer psychedelischen Phase zu finden, schlierige, traumhaft gebogene Stücke wie „Dear Prudence“, die musikalische Landschaft unter dem Schnee des Covers schillert in allen klassischen Farben der Popmusik.

Das Album startet mit den Flugzeugturbinen des Songs „Back in the USSR“, der wie eine Verbeugung vor dem Surf-Sound der frühen Beach Boys klingt, und endet mit dem Hollywoodkitsch von „Good Night“, einer Verballhornung von Cole Porters „True Love“. Dazwischen gab es Komplexes und Einfaches, Blues und Swing und den obligatorischen Pophit – „Ob-La-Di, Ob-La-Da“. Zudem ist Zukunftsträchtiges zu hören: Das frenetische „Helter Skelter“ ist eine Art Heavy-Metal-Urknall,und die langsame Albumversion von „Revolution“ (wie auch die schnellere Single-Aufnahme) sind die Blaupause für den späteren Glamrock, für den blasierten Gitarrensound von Norman Greenbaum („Spirit in the Sky“, 1969) und T. Rex („Ride a white Swan“, 1970).

Weiß ist die Farbe der Stille. Wohl finden sich auf dem Weißen Album ausnehmend zarte Akustikstücke wie „Blackbird“, aber wirklich stumm bleibt die Platte nie. Ein Jahr später wagte John Lennon auf „Life With the Lions“, seinem zweiten Album mit Yoko Ono, den echten Sprung ins Unhörbare. Sein „Two Minutes Silence“ gestattete dem Hörer eine komplette Auszeit mit klanglichem Weiß. Immerhin: Auf dem „Weißen Album“ lösen sich die Beatles mit der Geräuschekomposition „Revolution 9“ auch aus ihren Zusammenhängen und Traditionen. Freie Assoziation, Zufallsmusik. Die Beatles führten die Experimentalmusik der intellektuellen Avantgarde von Stockhausen oder John Cage für acht Minuten und 18 Sekunden einem Mainstreampublikum vor Ohren. Oder auch nicht. Denn das Radio spielte dieses Stück nie, und die Fans lupften die Nadel ihres Plattenspielers und senkten sie hinter dieser Seltsamkeit wieder – zum harmonischen Albumfinale „Good Night“.

Weiß ist auch die Farbe der Kapitulation. Mit dem „Weißen Album“ begann das Ende der Beatles. Während der Sessions verließ Ringo Starr im Sommer 1968 die Gruppe. „Ich fühlte, dass ich nicht besonders spielte, und ich fühlte, dass die anderen drei glücklich waren und ich der Außenseiter“, sagte er in einem Interview. Als er John Lennon seinen Entschluss mitteilte, meinte der: „Ich dachte, ihr drei wärt die Glücklichen.“

Die Beatles beknieten Ringo zum Weitermachen und schmückten ihm bei der Rückkehr das Schlagzeug mit Blumen. Aber der Zauber flaute ab, die Anwesenheit von John Lennons neuer Freundin Yoko Ono machte das Bandgefühl im Studio zunichte. Jeder spielte sein Ding unter dem Dach der Beatles und benutzte die anderen nur noch als Mitspieler. Das „Weiße Album“, erschienen im späten Herbst, ist ein Winteralbum. Endzeit. Vieles klingt bis heute zeitlos, einiges ist Schnee von gestern. 2018 kommt eine Deluxe-Edition.

Knapp ein Jahr später hatte John Lennon die Band innerlich verlassen, hielt aber still. Auf „Abbey Road“ (dem als Letztes eingespielten Album der Beatles, auf das 1970 noch das zuvor aufgenommene „Let It Be“ folgt) trägt Lennon einen Anzug in Trauerfarbe – Weiß.

Am nächsten kamen 1979 Pink Floyd dem Weiß des Beatles-Albums, durchzogen es mit waag- und senkrechten Linien zur Ytong-Optik ihres Doppelalbums „The Wall“. Da ging es um Isolation und inneres Einmauern. Es war das Gegenteil der Beatles-Haltung – ein „Fast-Weißes Album“ voller schwarzer Gedanken.

Von Matthias Halbig

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