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Der Herr der Drachen

“Game of Thrones“-Ideengeber Tad Williams Der Herr der Drachen

Ohne Tad Williams würde es George R. R. Martins TV-Hit “Game of Thrones“ womöglich nicht geben: Der “kalifornische Tolkien“ ist der heimliche Inspirator der Kultserie. Nun setzt er seine Fantasyreihe um Osten Ard fort.

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Neues von der grauen Fantasy-Eminenz: Nach 30 Jahren setzt Tad Williams seine Osten Ard-Serie mit “Das Herz der verlorenen Dinge“ fort.

Quelle: iStockphoto

Leipzig. Im April steigen für gewöhnlich die Drachen wieder auf, werden Schwerter gewetzt und Zungen geschärft. Doch in diesem Jahr verzögert sich die Ausstrahlung der neuen Staffel von “Game of Thrones“ bis Juli. Wer sich die Zwischenzeit vertreiben will, könnte dafür keine bessere Lektüre finden als die Romane von Tad Williams. Der Schriftsteller gilt als kalifornischer Tolkien. Ohne seine epische Reihe über die fantastische Welt Osten Ard würde es die bekannte Fernsehserie womöglich gar nicht geben. Denn der Autor George R. R. Martin sagt: “Dieses Werk hat mich inspiriert, “Game of Thrones“ zu schreiben. Es ist eine meiner liebsten Fantasyreihen.“ Gerade ist nach 30 Jahren eine Fortsetzung der im Deutschen bislang vierbändigen Reihe erschienen. Ende des Jahres folgen zwei weitere Bände, die 30 Jahre in der Zukunft spielen.

Die Parallelen zwischen den Geschichten fallen ins Auge: Williams wie Martin entwerfen epische Abenteuer in der Tradition von J. R. R. Tolkien sowie martialisch-mittelalterliche Welten mit realistischen Konflikten in shakespearescher Manier. Bei Williams ist jedoch die Magie weiter verbreitet. Landkarten in den Büchern zeugen jeweils davon, dass hier ganze Welten mit Geschichte, verschiedenen Kulturen und Sprachen entworfen wurden. Die Rimmersmänner aus dem hohen Norden haben Ähnlichkeit mit den Kriegern von Winterfell, das Reitervolk der Hernystiri mit den Dothraki. Auch “Der Drachenbeinthron“, so der Titel des ersten Osten-Ard-Romans aus dem Jahr 1988, lässt sich als Vorlage für Martins Thron aus Schwertern denken.

Kein simples “Gut gegen Böse“

Im Zentrum von Williams’ Geschichte steht Simon, der zu Beginn ein Küchenjunge ist. Er hat eine ebenso rätselhafte Herkunft und vielversprechende Zukunft wie Jon Schnee aus „Game of Thrones“. Beide Autoren wechseln die Perspektiven, so dass der Leser mit den verschiedenen Machtkonkurrenten mitfiebert und sich nicht eine Seite leichtfertig als “böse“ verdammen lässt, wie es in dem Genre oft der Fall ist.

Das wird in der aktuellen Fortsetzung von Williams besonders deutlich: “Das Herz der verlorenen Dinge“ setzt am Ende der bisherigen Geschichte an. Die Nornen, düstere Elfenwesen, sind von den Menschen besiegt worden und ziehen sich in ihren Berghort zurück. Doch die Menschen wollen die Gefahr ein für alle Mal ausrotten. In jedem Kapitel wechselt Williams die feindlichen Lager, so dass der Leser sowohl den Stolz der Nornen als auch die Ängste der Menschen versteht. Schon die Namen sagen viel über die Charaktere aus: Isgrimnur ist der grimmige, aber gerechte Menschenkrieger, Viyeki ein feingeistiger Norne.

Stephan Askani, Lektor beim Klett-Cotta Verlag, der Williams’ Romane in Deutschland vertreibt, schätzt vor allem die historische Tiefe der Reihe: “Die Menschen sind sehr kurzlebig im Vergleich zu den Nornen, die Jahrhunderte existieren und somit ein ganz anderes Zeitempfinden haben. Daraus entwickelt sich eine unheimliche Dynamik.“ Williams verstehe es meisterhaft, parallele Erzählstränge so zusammenzuführen, dass am Ende alles passt. Williams Romane wurden in 20 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 20 Millionen Mal verkauft.

In allen Genres der Fantasy bewandert

In allen Genres der Fantasy bewandert: Autor

Quelle: Marijan Murat

Der 60-Jährige beherrscht alle Untergenres der Fantastik: Neben der epischen Fantasy – auch in der Reihe “Shadowmarch“ – ist er vor allem für die Cyberpunk-Serie “Otherland“ bekannt. Ende der Neunziger beschrieb er hier prophetisch eine Gesellschaft, in der das Netz das gesamte Leben dominiert und sich die Menschen mit Implantaten im virtuellen Raum verlieren. In der Dystopie “Der Blumenkrieg“ (2004) hält Williams der Menschenwelt den Spiegel vor: Die Dynastien der Rosen und Tulpen haben ein Terrorregime errichtet, ein Boygroupsänger muss mithilfe einer Elfe namens Apfelgriebs die Welt retten. “Bobby Dollar“ (seit 2012) ist eine Urban-Fantasy-Reihe über einen Engel-Anwalt.

Der Autor wurde 1957 als Robert Paul Williams im kalifornischen Palo Alto geboren. Er schlug sich als Radio-DJ, in Rockbands und als Theaterschauspieler durch. Seine Fans haben ihn jahrelang mit Briefen bombardiert, nach Osten Ard zurückzukehren. Nun ist es so weit. Bleibt für die Fans epischer Fantasyliteratur nur noch eins zu hoffen: dass sich George R. R. Martin nicht ebenso wie Williams 30 Jahre Zeit mit der Fortsetzung lässt.

“Ich liebe Monster“: Tad Williams im Interview

Weshalb sind Sie erst jetzt nach Osten Ard zurückgekehrt?

Ich habe immer gesagt, dass ich nur dann eine Fortsetzung schreibe, wenn ich eine Geschichte zu erzählen habe. Ich wollte keine Fabrikproduktion. Andernfalls würde sich das so anfühlen, als wenn ich eine McDonald’s-Filiale für Fantasy eröffnete. Irgendwann merkte ich, dass ich mich selbst in den 30 Jahren seit dem ersten Band so weit verändert hatte, dass auch meine Charaktere mit mir gereift sind. Die neuen Geschichten spielen ja auch 30 Jahre in der Zukunft, und Osten Ard hat sich weiterentwickelt. Ich stelle die Frage: „Was passiert nach dem Happyend?“

Mussten Sie sich erst wieder in den Kosmos hineindenken?

Ja, beim Schreiben verfluche mich jeden Tag, dass ich damals so eine komplexe Welt mit Historie und verschiedenen Regionen erschaffen habe. Es muss ja nun alles dazupassen. Aber ich erinnere mich auch daran, wie sehr ich diese Charaktere einst geliebt habe. Wir Autoren sind wankelmütige Geliebte, stets besessen von unserer aktuellen Flamme, dem Buch, an dem wir gerade schreiben.

Welche Figur ähnelt Ihnen am meisten?

Simon, der Protagonist, denn sein Kindheitsich basiert auf meinen jüngeren Brüdern. In den Büchern reift er vom Jugendlichen zum Erwachsenen heran. Es war, als schaue man jemandem beim Wachsen zu. Ich fühle mich für ihn verantwortlich wie ein Vater.

Was halten Sie von George R. R. Martins Lob Ihrer Geschichte?

Ich habe mich sehr darüber gefreut, denn auch ich schätze und respektiere ihn als Autor. Ich fühle mich manchmal wie in einem Langzeitdialog mit ihm über die epische Fantasy. Wir sind uns als Schreiber in mancherlei Hinsicht sehr ähnlich, in anderer Hinsicht sehr unterschiedlich. Wir haben ähnliche Ziele, nämlich komplexe Geschichten mit realistischen Charakteren zu erzählen.

Würden Sie Ihre Geschichten auch gerne als Fernsehserie sehen?

Das würde mich sehr glücklich machen. Es gibt Interesse, aber noch keine konkreten Projekte. Das Setting wäre ziemlich anders als Westeros: mehr Magie und mehr Monster. Ich liebe Monster.

Von Nina May

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