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Die Kunst wird künstlich

Computer werden kreativ Die Kunst wird künstlich

Computer sind nicht kreativ? Denkste. Trotzige Erfinder geben neuerdings ihren Maschinen einen Schubs in Richtung Selbstständigkeit – und blicken stolz auf erste Werke.

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Triumph über das Trauma

Gemalt vom Rechner: Das Bild “Sad“ zeigt einen tieftraurigen Menschen. Ist es Wehmut darüber, dass der Computer kreativ wird?

Quelle: Painting Fool

Hannover. Einen Fließbandarbeiter, klar, den kann eine Maschine ersetzen. Das monotone Ausführen standardisierter Vorgänge fügt sich bestens in die überkommene Vorstellung eng begrenzter Roboterintelligenz. Doch wie sieht es aus mit höheren Fähigkeiten? Dem Vermögen etwa, kreativ, schöpferisch zu sein?

Das gängige Künstlerbild ist noch immer romantisch getönt. Seit der Epoche des Sturm und Drang, als Goethe und Schiller den Künstler als Originalgenie, als zu außerordentlichen schöpferischen Leistungen Berufene ausriefen, hat sich daran wenig getan – trotz atemberaubender Entwicklungen der Maschinenintelligenz, die dem Menschen zunehmend den Rang als Krone der Schöpfung streitig macht.

Tatsächlich stehen Roboter kurz davor, uns eines der letzten Alleinstellungsmerkmale zu rauben: die Fähigkeit, ernst zu nehmende Kunstwerke zu schaffen. Längst gibt es komponierende Computer, schreibende Algorithmen und malende Roboter. Künstliche Intelligenz durchwirkt unseren Alltag bereits – nun scheint die Zeit der künstlichen Kreativität angebrochen. In noch vergleichsweise unspektakulärer Ausprägung existieren bereits marktfähige Produkte, die auf maschineller Kreativität basieren: Wibbitz etwa, ein Start-up aus Tel Aviv, hat einen Algorithmus entwickelt, der im Internet Material zu einem beliebigen Thema sammelt und daraus in Sekundenschnelle selbstständig Infovideos mit schlüssiger Dramaturgie zusammenbastelt. Eine regelrecht künstlerische Ader hat wiederum die Web-App Deep-Art, die auf einem auf Bildererkennung trainierten neuronalen Netz fußt und imstande ist, nahezu jedes beliebige Foto in ein Bild im Stil eines Gemäldes wie van Goghs “Sternennacht“ umzuwandeln.

Maschinen malen Bilder von Menschen

Noch weiter geht das Programm Painting Fool (zu Deutsch: malender Narr), das Simon Colton, Informatiker in der Arbeitsgruppe für künstliche Kreativität am Imperial College in London, entwickelt hat. Es ist in der Lage, ohne direkten Bezug auf ein von außen gegebenes Referenzobjekt eigenständige Bildschöpfungen zu produzieren. Während man sich unter Computermalerei wohl am ehesten abstraktes Gekleckse vorstellt, hat Painting Fool mit dem gegenständlichen und erstaunlich ausdrucksstarken “Sad“ ein Bild geschaffen, das sich nicht ohne Weiteres als maschinengemacht entlarven lässt. Die Umrisse eines Männergesichts sind darauf zu sehen, die Mundwinkel nach unten gezogen, aus den Augen fliehen Striche wie Tränenbahnen. Colton hofft, dass der “Fool“ einmal als eigenständiger Künstler akzeptiert wird, nicht nur als Werk des Programmierers.

Dafür nannte er in einem Interview folgende Voraussetzungen: “Er muss etwas können, er muss eine Art Verständnis vom eigenen Tun und von der Arbeit anderer haben, und er muss so etwas wie Vorstellungskraft entwickeln.“ Was letztlich nichts anderes bedeutet, als dass zumindest Annäherungen an Selbsterkenntnis und Empathie erforderlich sind, um künstliche Kreativität zu ermöglichen – Eigenschaften also, die wohl zu den menschlichsten überhaupt zählen.

Menschlich wirkende Kompositionen

Auch in anderen Disziplinen tobt sich künstliche Kreativität aus: Der 2010 ans Netz gegangene, aus 1600 Prozessorkernen bestehende Supercomputer Iamus etwa komponiert an der Universität Málaga Orchesterwerke, die immerhin ein wenig nach Schönberg klingen und schon vom renommierten London Symphony Orchestra einspielt wurden. Ob Iamus‘ Schöpfungen einen bleibenden Platz in der Musikgeschichte einnehmen werden, sei dahingestellt – zumindest aber wirken seine Kompositionen authentisch, menschlich.

Die britische Tageszeitung “The Guardian“ setzte Iamus dem Turing-Test aus, der Aufschluss darüber gibt, wie menschlich Maschinen wahrgenommen werden. Dazu mussten die Leser des Blattes angeben, welche von insgesamt fünf Hörproben von einem Computer stammt. Nur jeder vierte identifizierte die Iamus-Komposition “Hello World“ korrekt, deutlich mehr Hörer hielten ein Werk Gustav Mahlers für Maschinenmusik.

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine scheint eine neue Evolutionsstufe erreicht zu haben. Auf eine Konkurrenz zwischen Künstlern und künstlicher Kreativität muss die Entwicklung dennoch nicht hinauslaufen. Im Gegenteil: Maschinen waren seit jeher eine Inspirationsquelle für bedeutende Künstler, etwa für den Schriftsteller E. T. A. Hoffmann oder den Bildhauer Jean Tinguely. Bleibt abzuwarten, ob sich kreative Computer zukünftig von Menschen zu ihren Werken inspirieren lassen.

Interview: “KI macht den Unterschied“

Dr Damian Borth, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz

Dr. Damian Borth, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Quelle: Stanford

Wir sprechen von KI, von künstlicher Intelligenz. Ist künstliche Kreativität die nächste Stufe?

Wir haben in der künstlichen Intelligenz große Fortschritte gemacht. Insbesondere beim Deep Learning, bei dem tiefe – also aus vielen Schichten aufgebaute – neuronale Netze trainiert werden, um etwa Inhalte von Bildern zu verstehen und zu erkennen, ob sich ein Haus, Auto oder Hund darauf befindet. Ein spezieller Typ von neuronalen Netzen kann auch dazu verwendet werden, synthetische Bilder zu erzeugen, die wie echte Bilder aussehen. Wenn man damit experimentiert, kann man sehr interessante abstrakte oder verfremdete Kunst schaffen, die „Neural Art“ heißt.

Welche Entwicklungen sind zu erwarten?

Meiner Meinung nach ist Kunst ein Produkt aus Kreativität und handwerklichem Können. Anfangs versucht man Techniken wie etwa den Umgang mit Pinsel und Farbe anhand von vorgegebenen Zielen zu erlernen. Wenn man das Werkzeug beherrscht, entwickelt man seinen eigenen Stil. So ähnlich arbeiten diese tiefen neuronalen Netze: Erst lernen sie von Tausenden Bildern, wie Gemälde in bestimmten Epochen ausgesehen haben, dann versuchen sie neue Gemälde zu erschaffen.

Inwiefern können Menschen von künstlicher Kreativität profitieren?

Es gibt bereits menschliche Künstler, die neuronale Netze als Grundlage für ihre Kunst verwenden. Eigentlich handelt es sich ja nur um ein modernes Werkzeug ähnlich digitalen Bildbearbeitungsprogrammen wie etwa Photoshop. Womöglich werden neuronale Netze absehbar keine eigenständigen Künstler. Aber sie könnten den Unterschied machen zu bereits vorhandener Kunst.

Von Nina May

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