Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Die Popastronauten

Anna Depenbusch und Dirk Darmstaedter Die Popastronauten

Die Songschreiber Anna Depenbusch und Dirk Darmstaedter lassen sich nicht beirren. Sie haben eine ganz eigene Idee von Popmusik aus Deutschland. Mathias Begalke stellt die beiden vor.

Berlin 52.5200066 13.404954
Google Map of 52.5200066,13.404954
Berlin Mehr Infos
Nächster Artikel
Nichts als die Wahrheit

“Ich hatte gar keine Alternative“: Anna Depenbusch krempelte ihr Leben um – und macht keine Musik zum nebenbei hören.

Quelle: privat

Berlin. Der Name Dirk Darmstaedter ist nur wenigen geläufig. Aber an seine frühere Band Jeremy Days erinnern sich viele. “Wir wollten die nächsten Beatles sein“, sagt der 52-jährige Hamburger. Immerhin landeten sie 1989 einen Hit, den man bis heute gern hört: “Brand New Toy“. Nach fünf Alben lösten sie sich auf. Der Sänger und Songschreiber startete eine Solokarriere. 14 Alben mit Trost- und Tränen-Pop für erwachsene Eckensteher hat er bisher veröffentlicht, Lieder, die häufig im Einst entspringen. Während man ihm zuhört, denkt man an Freibadtage und The-Smiths-Nächte und an das, was aus den eigenen Träumen geworden ist.

Die “New York Times“ nannte ihn mal “one of Germany’s Underground Pop Heroes“. Frustriert von der Musikindustrie gründete er mit einem Partner sogar eine eigene, unabhängige Plattenfirma: Tapete Records. Dort ist er vor drei Jahren ausgestiegen. Heute braucht er nicht einmal mehr einen Plattenvertrag. Seine beiden jüngsten Alben, “Beautiful Criminals“ und die Retrospektive “Twenty Twenty“, brachte er in Eigenregie heraus. Mehr “indie“ geht kaum.

“In meinem Leben gibt es immer wieder Neuanfänge und keine Sicherheit“, erzählt der furchtlose Popastronaut. “Ich hatte nie den Wunsch, Teil einer Bewegung zu sein. Ich fühle mich vollkommen abgekoppelt.“ Schon die Jeremy Days galten als aus der Zeit gefallen, weil Darmstaedter auf Englisch sang, während deutschsprachige Bands wie Blumfeld, Tocotronic, Selig oder Echt schwer in Mode kamen.

Retrospektive

Retrospektive: “Twenty Twenty“ von Dirk Darmstaedter.

Quelle: Label

Darmstaedter ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, und er lebt mit Musik, seit ihn die Bay City Rollers vor der Einsamkeit eines Außenseiters retteten. Fast seine komplette Kindheit hatte er in den USA verbracht, in Teaneck, New Jersey. Als er zwölf war, verlor sein Vater den Job und die Familie kehrte zurück, “in den Hamburger Nieselregen“, wie er sagt. Alles war weg: die Freunde, die Sonne, die Bewegungsfreiheit. Und das Schlimmste: Er konnte kein Baseball mehr spielen. Es war die Musik, die ihm damals das Versprechen gab, dass alles gut wird. Mit 13 nahm er erste Lieder auf. “Seitdem hat sich nichts geändert“, erklärt er. “Ich kann einfach aus dem Nichts heraus einen Song schreiben, und es klingt irgendwie gut. Unfassbar.“

Darmstaedter zieht sein Ding durch. “Ich bin relativ stur.“ Ziemlich akribisch ist er auch – wie die Beatles, als sie ihre kühne LP “Revolver“ aufnahmen. Ihm ist klar, dass seine detailverliebten Songs weniger Fans finden als schlichter Lenor-Pop. Verkaufszahlen sind ihm aber egal. Da ein Album „kein kommerzielles Werk mehr ist“, tritt er bei Fans zu Hause auf, um Geld zu verdienen. Aber eigentlich geht es ihm nur um eins: den nächsten Song. „Ich muss das machen.“

Darmstaedter ist ein Indie-Romantiker. Mit 20 wollte er unentwegt Dreieinhalb-Minuten-Songs schreiben, die irgendwann die Welt verändern. Was denkt er heute, mit 52? Hat “Imagine“ die Menschheit etwa friedfertiger werden lassen? “Man könnte die Hoffnung verlieren“, antwortet er, „trotzdem glaube ich, dass die Welt ohne Popmusik noch schlimmer wäre. Bei all dem Shit da draußen, eine Welt ohne Kunst wäre wirklich nicht mehr auszuhalten.“ Und so versucht er, wie es scheint , in einer unperfekten Welt nicht verrückt zu werden, indem er einfach immer weiter singt.

Die Unabhängige: Anna Depenbusch

“Und an Matrosen lieb ich eigentlich nur das Meer.“ Lieder von Anna Depenbusch aus Hamburg sollte man bis zum Schluss hören, sonst verpasst man Zeilen wie diese. Ihre Songs haben häufig eine Pointe. Auch “Tim liebt Tina“, eine tragische Komödie, in der sich am Ende alle Protagonisten verpassen. Niemand bekommt den, den er will. “Meine Texte sind manchen Leuten zu ausgefeilt“, sagt Depenbusch. “Aber ich liebe es, an der Sprache rumzubiegen.“ Und so biegt sie so lange, bis sie das perfekte Wort für den perfekten Reim gefunden hat. Ihre “Musik für den zweiten Blick“ wird selten im Radio gespielt. Die Stücke lassen sich nicht dudeln, sie sind kein Zwischendurchpop.

“Du sagst, ich wär so’n naiv-romantisches Hippie-Mädchen. Nur weil ich an die Liebe glaube?“, singt sie auf ihrem aktuellen Album “Das Alphabet der Anna Depenbusch“. Sie selbst ist weder Hippie- noch Happy-Frau, denn ihre verspielten Texte handeln von tiefsten Verletzungen. Ihre Kunst ist es, daraus helle, sanfte Songs der Zuversicht zu machen. Mit neuen Stücken wie “Fürimmersekunde“ oder „Kommando Untergang“ von 2011 entlarvt sie die Hollywood-Lüge von der unbeschwerten, unsterblichen Liebe, von der so viele Menschen träumen. Und doch wirkt niemand in ihren Songs für immer verloren. Alle hechten irgendwie ins Leben.

Aktuelles Album

Aktuelles Album: “Das Alphabet der Anna Depenbusch“

Quelle: Label

Depenbusch arbeitete anfangs als “Dienstleisterin“, wie sie sagt. Sie war Studiosängerin, spielte in mehreren Bands, sang Jazz in einem Nachtclub auf der Reeperbahn und komponierte Theatermusik am Thalia Theater. “Ich war Projektsängerin. Die rufst du an, die buchst du, und dann singt sie dir die Sachen schön ein“, erzählt sie. Die Sachen anderer. “Das hat mich unzufrieden gemacht.“ Ausgerechnet Björk, deren Kunst-Pop sie eigentlich “unfassbar anstrengend“ fand, inspirierte sie zum Neustart. “Was will die denn? Die stresst so. Kann die nicht ein bisschen gefälliger singen?“, hatte sich Depenbusch früher gefragt. Dann kam der Tag, es muss ein magischer gewesen sein, von dem an sie Björks Eigenartigkeit bewunderte.

Sie war damals 25, stieg aus allen Projekten aus, und verbrachte drei Monate in Island, dort, wo Björk lebt. Zurück in Hamburg begann sie, selbst Lieder zu schreiben. Geld verdiente sie anfangs damit, Gemüse mit einem Lastwagen auszufahren. Inzwischen hat sie fünf Alben veröffentlicht. Sie könne gut davon leben, sagt sie, weil sie vieles selbst erledige. Sie komponiert und singt die Songs nicht nur, sie produziert sie auch und begleitet sich mit dem Klavier. “Lieder schreiben ist die schönste, schwerste, aufregendste, einsamste, überforderndste, lebendigste und absolut großartigste Aufgabe meines Lebens.“

Vielen erscheint es mutig, wenn jemand sein Leben ändert, um relativ kompromisslos einen eigenen Weg zu gehen. Ihr nicht. Sie sagt: “Ich hatte gar keine Alternative.“ Mutig findet sie Menschen, die furchtlos in Flugzeuge steigen oder die heiraten. “Ein krasser Schritt. Diese Leichtfertigkeit: zu heiraten, sich scheiden zu lassen, wieder zu heiraten, ich könnte das nicht.“ Die 39-Jährige will lieber damit warten, bis sie 75 ist. “Bis dahin müssen mich alle immer Fräulein nennen“, sagt sie und kichert. “Fräulein Depenbusch, selbstständig und unabhängig.“

Von Mathias Begalke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tipps