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Ein Jahr in Dylan

Bob Dylan, Künstler des Jahres Ein Jahr in Dylan

Bob Dylan ist der Künstler 2016. Der US-Musikpoet ist jetzt der einzige GON auf Erden: Grammy-, Oscar-, und Nobelpreis-Gewinner. An dieser Stelle bringen wir sein großes Jahr mit seinen großen Songtexten zusammen.

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Bob Dylan ist DER Künstler 2016: Sein großes Jahr im Rückblick, zusammengefasst in seinen großen Songtexten.

Quelle: Imago

1. Januar: Im Westen nichts Neues, das Jahr beginnt mit dem Silvesterkater. Man kriegt kaum die Augen auf und hat Kopfschmerzen, als habe man stundenlang mit dem Schädel an die Himmelstür geklopft. "It's gettin' dark, too dark to see, I feel like I'm knockin' on heaven's door" heißt es bei Bob Dylan, auch wenn der Sänger hier keine Alkohol-, sondern eine Wildwest-Bleivergiftung beschreibt. Man schwört sich jedenfalls, beim nächsten Endzeitfest die letzte Flasche verkorkt zu lassen. (Zitat aus "Knockin' On Heaven's Door")

10. Januar: 2016 wird ein Jahr werden, das einige der größten Helden der Popmusik mit sich nimmt. David Bowie stirbt an diesem Sonntag, am 21. April folgt Prince, am 10. November Leonard Cohen. Der Kanadier Cohen hatte kurz zuvor noch den schönsten Ruhmessatz für Dylans Nobelpreis übrig: "Das ist, als brächte man am Mount Everest eine Plakette an, auf der steht: höchster Berg der Welt." Mit ihren Liedern sind diese drei Musiker unsterblich geworden, und Dylan singt die Kollegen Sprosse für Sprosse die Himmelsleiter hoch: "May you build a ladder to the stars, and climb on every rung, may you stay forever young."  (Zitat aus "Forever Young")

2. Februar: Die Außenminister Kerry und Lawrow treffen in München aufeinander. Das werden der Amerikaner und der Russe bis Dezember noch öfter tun – für den Frieden in Syrien. Viel guter Wille wird versichert, danach bomben syrische und russische Streitkräfte aber weiter, auch auf Schulen und Krankenhäuser. Die Politiker erinnern mit ihren Darbietungen bald schon an Dylans eher unentschlossenes Palaverduo, den Narr und den Dieb: "'There must be some way out of here', said the joker to the thief". Gefunden haben sie den Ausweg bis heute nicht. (Zitat aus "All Along the Watchtower")
 
21. März: Der Welttag der Poesie wird gefeiert. So möchte die Unesco dem drastischen Bedeutungsverlust der Lyrik entgegenwirken. Noch ahnt niemand, dass 2016 ein Lyriker den höchsten Literaturpreis erhalten wird. Dessen vertonte Gedichte sind sogar in der Originalsprache in aller Welt bekannt. Wobei Bob Dylan sich selbst schon früh selbstkritisch in einer Art Rattenfängerrolle sah und seine Fans als viel zu bedingungslose Gefolgschaft empfand: "Hey! Mr Tambourine Man play a song for me", sang er aus Sicht des Publikums, "in the jingle jangle morning I'll come followin' you". (Zitat aus "Mr. Tambourine Man")

20. Mai: Bob Dylans 37. Studioalbum "Fallen Angels" erscheint. "Oje!" klagen die Fans. "Schon wieder Sinatra-Songs. Sing doch lieber neue Dylan-Songs. Du bist doch unser Bob Dylan!" "Bin ich nicht", erwidert Dylan, der sich ungern besitzen lässt: "No, no, no, it ain't me, babe!" (Zitat aus "It Ain't Me, Babe")
 
24. Mai: Dylan wird 75 Jahre alt, unterbricht die "Never-Ending-Tour". Die Welt wünscht "happy birthday". Der Sänger verrät zwar nicht, wie er wo mit wem feiert, aber er hält es mit dem Volksmund, dass man so alt ist, wie man sich fühlt. Bei Dylan heißt das: Je oller, desto jünger oder "I was so much older then, I'm younger than that now." (Zitat aus "My Back Pages")

23. Juni: Fassungslosigkeit überall: Das Vereinigte Königreich will nicht mehr zur Europäischen Union gehören. Versuche, sich trotz Brexit weiterhin politische Rosinen aus dem Unionskuchen zu picken, werden von EU-Seite zurückgewiesen. Eine Zukunftsprognose für die Briten ziehen wir aus Dylans Liederbuch: "How does it feel to be on your own, with no direction home … like a rolling stone?" (Zitat aus "Like a Rolling Stone")
 
15. Juli: Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, glaubt, von Allah einen Putsch geschenkt bekommen zu haben und nutzt dieses Gottesgeschenk, um zigtausenden Landsleuten die Freiheit zu nehmen. Schlimmes kündigt der diktatorisch Gesinnte an, darunter auch ein Referendum über die Todesstrafe. Bob Dylan weiß: "You don't count the dead, when God's on your side." (Zitat aus "With God on our Side")

19. September: Brangelexit! – Das Superpaar aus Hollywood macht tatsächlich Schluss, Angelina Jolie reicht die Scheidung von Brad Pitt ein. Spekulationen über ein Techtelmechtel Pitts bei den Dreharbeiten zu "Allied" (seit vorgestern im Kino) werden von der bezichtigten Marion Cotillard dementiert. Schlammschlacht, sogar FBI-Ermittlungen. Für derlei hat Dylan nur noch ein Tippen an die Stirn übrig: "People are crazy and times are strange." (Zitat aus "Things Have Changed")

13. Oktober: Es geht durch die Welt: Mit dem Literaturnobelpreis 2016 wird Bob Dylan gekürt – als erster Musiker. Eine Rückmeldung bleibt aus. Als Ursache wird die Angst des Dichters vor seinem eigenen Mythos vermutet. Dylan hat schon immer mit seiner Messias-Rolle im Pop gehadert, wäre am liebsten so weit weg von diesem verklärten Bob Dylan wie möglich: "I've been trying to get as far away from myself as I can", singt er. Was er lieber wäre? Ein Fremder, der durch die Welt reist und Dylan-Lieder singt. (Zitat aus "Things Have Changed")
 
9. November: Donald Trump ist gewählter 45. Präsident der USA – Die Welt erwacht mit einer Sorge mehr. Als gäbe es mit Putin, Erdogan, Kim Jong-Un, Brexit, EU-Zerfall, IS-Terror und grassierendem Rechtspopulismus nicht schon Zukunftsangst genug. Dylan hat sich schon früh eine Meinung zu Führerpersönlichkeiten gebildet. Er befindet, sie seien kurzlebig, laufen ab wie die Parkuhr: "Don't follow leaders, watch parking meters". (Zitat aus "Subterranean Homesick Blues")
 
14. November: Tag des Supermonds. So riesig sollte der Trabant am Nachthimmel prangen wie seit 70 Jahren nicht mehr. Und man freute sich auf einen "big fat moon, gonna shine like a spoon". Statt aber wie ein Silberlöffel zu glänzen, versteckte sich der große, fette Mond dann lieber hinter Wolken. Nicht nur für Werwölfe war das sehr schade. (Zitat aus: "I'll be Your Baby Tonight")

2. Dezember: Dylans Schweigen währt Wochen. Doch schon am Tag nach der Bekanntgabe hatte er die Rolling Stones beim Desert Trip Festival in Kalifornien getroffen, wie erst Anfang Dezember bekannt wird. Glückwünsche der vier Briten, Dylan ist unsicher: "Was denkt ihr? Ist doch schon gut, oder?". Die Stones antworten sinngemäß: "Don't think twice, it's alright". Eindruck von Ronnie Wood: "Er hat sich gefreut." Auf Bob-Dylan-Art eben. (Zitat aus "Don't Think Twice, It's Alright")

10. Dezember: Die Zeremonie in Stockholm. Patti Smith singt Dylans "A Hard Rain's A-Gonna Fall", Dylan selbst ist nicht da. Weshalb nur? Ist er im Studio mit neuen Songs? Hat er eine Séance mit der visionären Johanna? Ein Dinner mit Corinna? Nun, "the Answer my friend, is blowin' in the Wind". (Zitat aus "Blowin' In the Wind")
 
31. Dezember: 2016 endet am nächsten Sonnabend: Und wenn man dann von der Party heimkehrt, ist schon Neujahr. Man sollte es mit Dylan halten, die Schuhe ausziehen, mit dem liebsten Menschen und der letzten Flasche in die Kuschelecke ziehen. Das Ding rücksichtslos entkorken, und nicht bange werden, was kommen könnte: "Kick your shoes off, do not fear, bring that bottle over here, I’ll be your baby tonight." 2017 wird am Ende auch nur ein weiteres Jahr werden. (Zitat aus: "I'll Be Your Baby Tonight")

Von Matthias Halbig

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