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Einladung zu einer Schifffahrt

Neues Buch von Bodo Kirchhoff Einladung zu einer Schifffahrt

Der Buchpreisträger Bodo Kirchhoff hat eine Geschichte über Kreuzfahrten geschrieben. Mit uns ging der Schriftsteller in Frankfurt an Bord – allerdings nicht ganz freiwillig.

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“Das Leben an sich ist schon eine sinnlose Reise, wozu dann noch ein Schiff besteigen, das im Kreis fährt?“: Bodo Kirchhoff über “Spaßmonster“, fragwürdige Anfragen und das Alleinsein mit der Sprache.

Quelle: May

Frankfurt am Main. Bodo Kirchhoff hat seinen Wintermantel noch einmal herausgeholt an diesem Tag im Juni. So steht der Schriftsteller am Eisernen Steg in Frankfurt und verzweifelt am Wind in seinem Haar. “Der Main war noch nie so bewegt, es gibt Schaumkronen“, sagt er, als handele es sich um einen Vorboten der Apokalypse. Die kontrollierte Übertreibung sei das Geschäft des Schriftstellers, wird er später anmerken.

Kirchhoff tigert unruhig im Kreis herum wie Rilkes Panther, den der Autor bisweilen in seinen Texten beschwört. Seine unsichtbaren Gitterstäbe bestehen aus der Zusage des Verlags, dieses Interview zu führen. Der 68-Jährige wirkt enttäuscht, als die Frau am Ticketschalter mit “Ja“ antwortet auf die Frage, ob man denn bei diesem fürchterlichen Wetter überhaupt ablege.

Das Schiff kommt an, die Gäste strömen von Deck, darunter auch ein Hochzeitspaar. “Einen schöneren Tag zum Heiraten kann man sich nicht aussuchen!“, ruft Kirchhoff ihnen nach. Ein Gutes habe das Wetter ja: “Es spiegelt meinen Original-Widerwillen. Meine Gefühle wären aber auch bei Sonnenschein dieselben.“

“Edutainer“ auf einem Kreuzfahrtschiff

Diese Einladung muss eine ungeheure Zumutung für den Autor sein. Damit geht es ihm genau wie dem Ich-Erzähler aus seinem jüngsten Werk “Einladung zu einer Kreuzfahrt“, das am 4. Juli erscheint. Es handelt sich um die Antwortmail eines Autors auf die Anfrage, als “Edutainer“ neben einem Zauberer, einer Sängerin und 5000 Passagieren auf eine Kreuzfahrt zu gehen. Mit Außenkabine, versteht sich. Diese Einladung hat Kirchhoff tatsächlich erhalten, samt dem Verbot im Anhang, seine besondere Rolle als Künstler für Techtelmechtel an Deck auszunutzen. “Ich sagte mit zwei Zeilen höflich ab und dachte: Das kann ich auch auf 130 Seiten tun.“

Man merkt Kirchhoff das diebische Vergnügen an, sich das “große Missverständnis über den Schriftsteller“ von der Seele geschrieben zu haben: “Der Autor wird nur noch in seiner öffentlichen Rolle gesehen, im Glamourschein.“ Das hat Kirchhoff selbst erfahren, im Zuge der Novelle “Widerfahrnis“, für die er 2016 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde. Darin begegnet ein im Alter schicksalhaft zusammengefundenes Paar auf einer spontanen Spritztour nach Italien einem Flüchtlingsmädchen. Kirchhoff sollte plötzlich ganz Deutschland die Flüchtlingskrise erklären, schlug Einladungen in Talkshows aber aus.

Auch in seinem jüngsten Werk taucht das Thema wieder auf: Der Autor überlegt im Text, wie der Kapitän auf ein Schlauchboot mit Flüchtlingen reagieren würde: “Volldampf voraus, bis das Lästige auf dem Meer weg ist? Oder hieße es, liebe Gäste, ab morgen könnte es eng werden im Whirlpool?“

Parallelgesellschaft an Deck

Kirchhoff beschreibt im Roman die Parallelgesellschaft an Deck, abgeschottet von der Außenwelt: Die “Kreuzbürger“ schätzen es, dass die hohen Wände des Schiffes nicht von außen erklommen werden können. Kirchhoff würde das gerne ändern: “Auf einem Kreuzfahrtschiff könnte man Tausende Flüchtlinge einigermaßen komfortabel unterbringen, das wäre eine humanere Zwischenstation als Lampedusa.“ Der Autor plädiert dafür, ausrangierte Kreuzfahrtschiffe entsprechend umzunutzen, statt sie abzuwracken.

“Immerhin ist es geheizt hier“, sagt Kirchhoff und lässt sich auf eine der Holzbänke mit maritimem blauem Leder nieder – so weit weg von den anderen Fahrgästen wie irgend möglich. Bei Tee und Apfelkuchen scheint er sich ein bisschen zu entspannen. Zeit für eine neue Attacke: Zu einer der Horrorvorstellungen von Kirchhoffs Erzähler gehört es, an der Schiffsbar gefragt zu werden, wie er es mit Harry Potter und Kafka halte. Nun also auch an Kirchhoff die literarische Gretchenfrage. “Harry Potter kenne ich nur vom sekundenweisen Hineinzappen in die Filme“, antwortet er. Fantastische Geschichten hätten ihn auch als Kind nicht interessiert.

Kafka aber, das sei eine andere Sache. “Er ist mir in seiner besessenen Genauigkeit nahe“, sagt Kirchhoff. Wenn er von der Kluft des Schriftstellers zwischen sich selbst und allen anderen spricht, spürt man diese Wesensverwandtschaft. In Kirchhoffs aktuellem Buch gibt es so einen vielsagenden Kafkasatz: “Als der Schriftsteller O. in einem Alter, in dem man schon auf sein Leben zurückblickt, erstmals den eigenen Namen auf Seite Eins der bedeutendsten Zeitung des Landes sah, wurde sein Körper leichter und leichter, bis er (...) zwischen kleinen Wolken wie ein losgelassener Ballon verschwand.“ Hätte Kafka die Einladung auf die Kreuzfahrt angenommen? Eine schöne Vorstellung, fast so schön wie Kirchhoff auf der Sonnenliege.

Allein mit der Sprache

Dabei liebe er das Wasser eigentlich. Als Vierjähriger in Hamburg habe er stundenlang Querschnitte von alten Ozeandampfern gezeichnet, samt Maschinenraum und Brücke. “Aber da flanierten die Gäste noch anständig bekleidet auf dem Sonnendeck.“ Ein Motorboot besitzt Kirchhoff selbst, es wartet am Gardasee auf ihn. Dort verbringen der Schriftsteller und seine Frau Ulrike Bauer, die er einst im Pädagogikstudium kennenlernte, seit 15 Jahren die Sommermonate und geben Schreibkurse mit Titeln wie “Eros und Sprache“.

“Das Leben an sich ist schon eine sinnlose Reise, wozu dann noch ein Schiff besteigen, das im Kreis fährt?“, heißt es in „Einladung zu einer Kreuzfahrt“. Auch in Frankfurt handelt es sich um eine Rundfahrt. Kirchhoff verbindet mit Reisen etwas anderes als Desinfektionsstationen für Souvenirs aus der Dritten Welt oder Webcams, die in den Innenkabinen den Ozean draußen simulieren. Er versuche aber zu ergründen, was immer mehr Menschen an Bord eines solchen “Spaßmonsters“ treibe.

Der Autor geht lieber an Orte, an denen er mit seiner Sprache allein ist. Zu Beginn seiner Schreibkarriere berichtete er für die Kulturzeitschrift “Transatlantik“ aus Äthiopien. Zuletzt ist seine Reiselust jedoch abgeebbt, zu viel gesehen. In seinem Werk bleibt das Reisemotiv evident, “Widerfahrnis“ etwa steht in der Tradition von Goethes “Italienischer Reise“ aus dem 18. Jahrhundert.

“Mit anderen geht nicht“

Mit Mitte 20 habe er nach Internat und Militär realisiert: “Mit anderen geht nicht“. Und: “Schreiben ist alternativlos. Alles andere würde scheitern.“ Heute wird oft gesagt, Kirchhoff habe schon 20 Jahre vor Houllebecq wie Houllebecq geschrieben; die frühe Novelle “Ohne Eifer, ohne Zorn“ (1979) etwa zeugt von drastischer, selbstzerstörerischer Sexualität. Damals hätte er die Einladung zur Kreuzfahrt vielleicht noch angenommen, seinen öffentlichen Status noch ausgenutzt, sagt er heute.

Der Schiffsansager erzählt etwas von Ginkgobäumen und Palmen. Das klingt doch schon nach Kreuzfahrt! “Fehlt nur noch, dass sie was über die Sitten der Bewohner erzählen“, meint Kirchhoff: “Die Frankfurter pflegen am Main zu sitzen, Bier zu trinken und auf die Hochhäuser zu starren.“ Die Region habe sich ganz schön verändert, seit er 1970 herzog. “Die Stadt hat langsam entdeckt, dass es einen Fluss hat.“ Es stellt sich der ungeheure Verdacht ein, dass der Ausflug dem Schriftsteller vielleicht doch ein wenig gefällt. “Ist ja ganz hübsch hier, geradezu eine Flusslandschaft“, sagt er versöhnlich, nur um nachzuschieben: “Freiwillig würde ich das trotzdem nie machen.“

Er springt auf, noch ehe der Eiserne Steg wieder in Sichtweite kommt. Aus dem Lautsprecher tönt es: “Kommen Sie mit uns auf eine Tagesfahrt nach Aschaffenburg oder beobachten Sie ein Feuerwerk von Deck.“ Kirchhoff sieht aus, als hätte er eine Kakerlake in seiner Koje gefunden.

Bodo Kirchhoff: Einladung zu einer Kreuzfahrt, FVA, 130 Seiten; 18 Euro

Von Nina May

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