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Jedermanns neues Gesicht

Salzburger Festspiele Jedermanns neues Gesicht

Zwischen Tradition und Aufbruch: Die Salzburger Festspiele locken seit Freitag bis 30. August rund 260 000 Besucher nach Österreich. Nach zwei Jahren Interimszeit ist Markus Hinterhäuser der neue Intendant. Er ist in Salzburg jedoch bereits ein alter Bekannter.

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Neue Gesichter, alte Bekannte: Die Salzburger Festspiele in der Findungsphase unter neuer Intendanz.

Quelle: Salzburger Festspiele

Salzburg, Salzburg.
Journalisten tippen bei einem Verlängerten ihre Rezension in den Laptop. Paare blicken vom Wintergarten aus verträumt auf die Liebesschlossbrücke, die zum Festspielhaus am anderen Ufer führt. Im Café Bazar am Ufer der Salzach finden sich Schauspieler, Kritiker und Mäzene während der Salzburger Festspiele ein, um bei einem Topfenstrudel das eigene Metier zu feiern.

Das Bazar ist ein Basar für den neuesten Künstlerklatsch, Anna Netrebko kehrt hier angeblich jede Festspielsaison auf einen Marillenknödel ein. Das Gebäude stammt aus dem 18. Jahrhundert, die Einrichtung hat sich seit 100 Jahren kaum verändert: hölzerne Zeitungsständer, Glockenlampen mit warmem Licht, edle Verkleidung an den Wänden. Es ist ein Ort mit viel Tradition. Und doch blickt Evelyn Brandstätter, die Chefin des Familienunternehmens, mit Spannung auf den Neustart bei den Salzburger Festspielen.

Nachdem Alexander Pereira seine Intendanz vorzeitig beendete, hat das Festival für Musik und Schauspiel nach zwei Jahren Übergangszeit nun endlich wieder ein Gesicht: den 59-jährigen Österreicher Markus Hinterhäuser. Brandstätter sagt: “Ich wünsche mir von dem neuen Intendanten ein Programm, das wieder mehr jüngere Zuschauer und somit auch Besucher für uns anlockt. Man merkt, dass die Salzburger Festspiele in letzter Zeit zunehmend ältere Zuschauer ansprechen.“

Lange gemeinsame Geschichte mit den Festspielen

Lange gemeinsame Geschichte mit den Festspielen: Der neue Intendant Markus Hinterhäuser.

Quelle: Franz Neumayr

Hinterhäuser galt lange als Schattenmann der Festspiele: Unter Jürgen Flimm war der Mann mit dem offenen Blick seit 2005 Konzertdirektor. Als es 2009 um die Nachfolge Flimms ging, lehnte die Findungskommission Hinterhäuser zum Entsetzen großer Teile der österreichischen Klassikszene ab. Dennoch sprang Hinterhäuser 2011 als Interimsmanager ein, als Flimm frühzeitig zurücktrat. Starallüren sind ihm offenbar fremd.

Während die Spielzeiten 2015 und 2016 von dem ehemaligen Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf geplant wurden, tritt nun ein ausgewiesener Musikkenner an die Spitze der Festspiele. Hinterhäuser ist ein Experte für Klavier- und Orchestermusik, er studierte am Salzburger Mozarteum unter anderem bei Elisabeth Leonskaja und Oleg Maisenberg Klavier. Weil er in Sachen Oper auf Altgranden wie Peter Stein und Christoph Marthaler setzte, wurde im Vorfeld gelästert, Stallgeruch sei selbst bei einem international so bedeutenden Festival anscheinend wichtiger als Inspiration.

Mozart bleibt Star in Salzburg

Einen neuen Akzent setzt Hinterhäuser allerdings schon einmal, indem er die iranische Künstlerin Shirin Neshat zur Regisseurin von Giuseppe Verdis “Aida“ macht. Laut seiner Aussage ist die Fotografin und Videokünstlerin, die auf Fotos stets mit dickem Lidstrich zu sehen ist und in der Reihe “Women of Allah“ die Genderfrage in Bezug auf islamistischen Fundamentalismus stellte, noch nie mit Oper in Berührung gekommen. Die musikalische Leitung hat der italienische Dirigent Riccardo Muti.

Der Mozartexperte Peter Sellars und der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis nehmen sich Mozarts letzter Oper “La clemenza di Tito“ an. Das Duo versteht die Geschichte über die Güte und Milde des römischen Herrschers Titus als Loblied auf die Versöhnung, das gerade in der heutigen Zeit des Zorns aktuell sei.

Überhaupt Mozart. Das Salzburger Wunderkind ist der Star der Festspiele. In seinem Geburtshaus in der Getreidegasse ist heute neben einem Museum auch ein Supermarkt beheimatet, der Name “Spar“ ist in Goldlettern angeschlagen. Das Musikgenie wird hier vermarket – von der Mozartkugel bis zum Mozartparfüm. Die Konditoren und Hoteliers, so munkelt man, haben einen großen Einfluss auf Personalfragen bei den Salzburger Festspielen, die jedes Jahr 260 000 Besucher aus 80 Ländern in die Stadt zu Füßen der Festung Hohensalzburg locken und ein Budget von 61 Millionen Euro (davon 16 Millionen aus öffentlichen Mitteln) haben.

Stefanie Reinsperger, Shootingstar an der Wiener Volksbühne, und Tobias Moretti sind die “Jedermann“-Gesichter

Stefanie Reinsperger, Shootingstar an der Wiener Volksbühne, und Tobias Moretti sind die “Jedermann“-Gesichter.

Quelle: Salzburger Festspiele

Auf Plakaten wirbt die Stadt mit dem Spruch “Jedermann liebt …“ Jenes Spiel vom Sterben des reichen Mannes von Hugo von Hofmannsthal gehört zum genetischen Code der Festspiele und wird jedes Jahr auf dem Domplatz aufgeführt. Es ist irgendwie bezeichnend, dass im Jahr des Neuanfangs alle über etwas Althergebrachtes reden. Das liegt daran, dass die Titelrolle 2017 neu besetzt wird, mit Tobias Moretti. Der aus “Kommissar Rex“ bekannte Schauspieler ist auch auf der Theaterbühne präsent, von den Münchner Kammerspielen bis zum Residenztheater.

Moretti hat zwei Mal abgesagt, bis er die Rolle annahm. Nachdem er unter der Intendanz von Jürgen Flimm im “Jedermann“ den Guten Gesellen und Teufel gespielt hatte, sei er noch zu befangen gewesen. Das Rollenangebot an sich käme heute nicht mehr der “Adelung einer Schauspielerkarriere gleich, das war vielleicht in den Sechzigerjahren so“, meint Moretti kritisch. Dem Schauspieler ist es wichtig, keine klischeehafte Buhlschaft an seiner Seite zu haben. Die Rolle wurde in der Vergangenheit auch mal nach Sex-Appeal besetzt.

Die neue Buhlschaft ist die österreichische Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Die 29-Jährige wurde von der Fachzeitschrift “Theater heute“ im Jahr 2015 zur “Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Sie erzählt, dass sie schon als Kind einige Male am Domplatz gewesen sei und stets die Gelegenheit genutzt habe, laut “Jedermann!“ zu rufen. Der Wiener Regisseur Michael Sturminger, der zuletzt das internationale Bühnenprojekt “Just Call Me God“ mit John Malkovich inszenierte, wird den “Jedermann“ neu in Szene setzen.

Endlich mehr Regisseurinnen

Den Sprechtheaterbereich verantwortet seit dieser Saison die Schweizer Dramaturgin und Regisseurin Bettina Hering, die auch Intendantin des Landestheaters Niederösterreich ist und bemerkenswert viele weibliche Kolleginnen nach Salzburg holt. Andrea Breth inszeniert Harold Pinters “Geburtstagsfeier“, Karin Henkel Gerhart Hauptmanns “Rose Bernd“. Die griechische Schauspielerin und experimentelle Filmemacherin Athina Rachel Tsangari gibt ihr Theaterdebüt mit Frank Wedekinds “Lulu“. Die New Yorker Gruppe 600 Highwaymen wagt sich mit Laiendarstellern an eine Neuinterpretation von Ödön von Horváths “Kasimir und Karoline“.

Zwischen Tradition und Aufbruch: Die Salzburger Festspiele können sich noch nicht ganz entscheiden, in welche Richtung das Pendel ausschlagen soll.

Von Nina May

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