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Kulturwunder an der Ostsee

Kunst an der Küste Kulturwunder an der Ostsee

Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wüssten noch nicht einmal, hinter welchem Mond sie leben: So witzelte einst Harald Schmidt. Lange ist’s her. Längst ist das Ostseeküstenland ein Hotspot für Touristen – und für Kulturverrückte.

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Das Kunstmuseum Ahrenshoop fühlt sich dem Erbe der Künstlerkolonie verpflichtet, ohne provinziell zu denken. Besuch in einer aufstrebenden Kulturregion.

Quelle: dpa-Zentralbild

Ahrenshoop. Es war eine Erleuchtung. Die Entdeckung des Paradieses in der norddeutschen Provinz. Als die Maler Paul Müller-Kaempff (1861–1941) und Oskar Frenzel (1855–1915) auf einer Wanderung an der Ostsee 1889 das verschlafene Fischerdorf Ahrenshoop entdeckten, hatten sie gefunden, wonach sie suchten. Naturidyll abseits des Großstadttrubels.

In Ahrenshoop folgte eine künstlerische Blütezeit, die im Sog aufkeimender Künstlerkolonien in der Tradition des französischen Barbizon oder Worpswede bei Bremen Künstler aus aller Welt anzog. Aus dem Fischerdorf wurde die Künstlerkolonie mit Malern wie Elisabeth von Eicken, Louis Douzette, César Klein, später Gerhard Marcks und Edmund Kesting.

Und nun,125 Jahre später, feiert das Ostseebad seine Kunstgranden mit Ausstellungen und einer Festwoche, die im März Tausende anzog. Doch bundesweit wird der deutsche Nordosten kulturell als weißer Fleck wahrgenommen. In den Neunzigerjahren witzelte TV-Mann Harald Schmidt noch, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht mehr wissen, hinter welchem Mond sie denn leben, als Wissenschaftler einen zweiten Mond entdeckt hatten. Meck-Pomm, das hieß für viele: viele Arbeitslose, viel Strand, viel Meer und sonst nichts mehr. Kultur? Fehlanzeige!

Heimatverbunden bis kosmopolitisch

Heimatverbunden bis kosmopolitisch: Der Malerstar Norbert Bisky (l.) gehört zu den Künstlern, die der Kunsthalle Rostock überregionales Ansehen gebracht haben.

Quelle: dpa

Zumindest in der regionalen Wahrnehmung hat sich das geändert. Der Tourismus an der Ostsee und die Kultur, sie bedingen einander. Landesweit sind Open Airs und Festivals gewachsen, die Klassikreihe Festspiele MV zieht mit Weltstars wie Daniel Hope, Ute Lemper und Kent Nagano jedes Jahr um die 90 000 Besucher in Schlösser, Kirchen und Industriebrachen. 351 000 Zuschauer kamen 2016 zu den Störtebeker-Festspielen, die seit 25 Jahren auf regionale Historienspektakel rund um den legendären Likedeeler-Piraten Klaus Störtebeker setzen.

Die Landesregierung unter Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der wegen einer Krebserkrankung gerade seinen Rücktritt erklärt hat, setzt kulturell seit neun Jahren auf eine Leuchtturmförderung. Festspiele MV, Stralsunder Meeresmuseum, Rostocker Kunsthalle, Staatliches Museum Schwerin, Pommersches Landesmuseum oder das Kunstmuseum Ahrenshoop, das sich dem Erbe der Künstlerkolonie verschrieben hat, werden gezielt unterstützt. Dazwischen müssen sich kleine Anbieter Nischen suchen.

Jörg-Uwe Neumann, Direktor der Kunsthalle Rostock, sagt: “Das Drei-Säulen-Modell des Landes hat uns sehr geholfen.“ Neumann hat sein Haus vor neun Jahren aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Zu DDR-Zeiten war das Museum wegen seiner Ostsee-Biennale eine Institution. Nach der Wende lange Leerlauf. Neumanns Ziel ist es, die Einrichtung zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst mit Kunsthalle, Schaudepot für die Sammlung, das 2018 öffnet, und einem “Uecker-Kasten“ für die Kunst des großen Mecklenburger Sohnes Günther Uecker (86), der 2019 aufmachen soll, zu entwickeln.

Zwischen Populärem und musealem Anspruch

Der Durchbruch in der nationalen Wahrnehmung sei durch die Ausstellungen Christo und Jeanne-Claude 2008 und Richard Serra 2011 gelungen, so Neumann. Seitdem lockt die Kunsthalle jedes Jahr mit einem Mix aus populären Schauen wie zur Olsenbande 2015 oder dem “Germany’s Next Topmodel“-Fotografen Rankin 2016 und musealem Anspruch wie mit Werner Tübke und Michael Triegel 2014, Norbert Bisky 2015, Arno Rink, Günther Uecker oder Markus Lüpertz und Andreas Mühe 2016 um die 70 000 Besucher pro Jahr.

Vom 1. Juli an wird in einer großen Retrospektive zum 90. Geburtstag Wolfgang Mattheuers (1927–2004) wieder ein Protagonist der Leipziger Malerschule gewürdigt. “Wir haben Aussagen von auswärtigen Besuchern aus Köln, München und Dresden, die überrascht sind, was wir machen“, sagt Neumann. Die würden in der Provinz auch provinzielle Angebote erwarten.

Das Land sei als Kulturreiseziel dennoch nicht vergleichbar mit Berlin, Nordrhein-Westfalen oder Bayern, räumt Tobias Woitendorf ein, Vizechef des Landestourismusverbandes. Gerade einmal 2 Prozent aller Urlauber würden eigens wegen Kultur nach Mecklenburg-Vorpommern reisen. “Aber wir sehen, dass Kultur als Komplement zum Urlaub unverzichtbar ist“, sagt Woitendorf.

Im Kunstmuseum Ahrenshoop besinnt man sich auf die Bilder der einst bedeutenden Malerkolonie

Im Kunstmuseum Ahrenshoop besinnt man sich auf die Bilder der einst bedeutenden Malerkolonie.

Quelle: Frank Söllner

Immerhin 10 Prozent kämen zumindest teilweise wegen der Kultur. Und für Familien mit Kindern sei das Meeresmuseum ebenso wichtig wie die Kunsthalle, der Eselhof oder der Erdbeerhof. “Die Verbindung von Kultur und Tourismus führt auch zu einer Aufladung des ländlichen Raums“, ist Woitendorf überzeugt.

In Ahrenhsoop kommt man aus dem Feiern nicht mehr raus. Das Jubiläum habe dazu geführt, dass sich die Galerien und Museen im Dorf vernetzt haben, sagt Katrin Arrieta, Kuratorin des Ahrenshooper Kunstmuseums, das 2013 von Angela Merkel eröffnet wurde. Man sei zwar dem Erbe der Künstlerkolonie verpflichtet, das heiße aber nicht, provinziell zu denken. “Wir wollen die Arbeiten der Künstlerkolonie zeigen und bewahren und sie auch stets aktualisieren und mit der Gegenwart in Verbindung setzen“, sagt Arietta.

Interessant sei, dass diese Sehnsucht nach ländlicher Idylle 125 Jahre nach der Gründung der Künstlerkolonie wieder zugenommen habe. “Das ist aktueller denn je.“

Von Michael Meyer

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