Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Mensch Maria

Die Übermutter in der Kunst Mensch Maria

Himmelskönigin oder Hausfrau? Das Kunstmuseum Basel wirft Licht auf die Rolle Marias im reformatorischen Weltbild und in der modernen Kunst.

Voriger Artikel
Schön zu hören
Nächster Artikel
Ein Jahr in Dylan

Gottesmutterbild im Wandel: Ein alpenländischer Meister des 16. Jahrhunderts sah Maria als prachtvolle Himmelskönigin, die das Jesuskind stillt.

Quelle: Kunstmuseum Basel

Es luthert. Und zwar heftig. Alles, was dieser Tage im Entferntesten mit Kirche und Christentum zu tun hat, scheint auf Martin Luther, den Rockstar des Protestantismus, zuzulaufen. Auf den Mann, der den Glauben wieder ganz auf Christus zurückführen wollte. Doch wer von Christus spricht, kommt um eine andere Lichtgestalt der Heilsgeschichte kaum herum: Maria.

Wenn Jesus am Kreuz stirbt, trauert die Gottesmutter zu seinen Füßen. Wenn Bildwerke seine Empfängnis oder Geburt darstellen, ist sie erst recht dabei. Maria erscheint unausweichlich. Das zeigt sich auch in einer großen Schweizer Ausstellung zum Christusbild vor und nach der Reformation: "Archäologie des Heils" im Kunstmuseum Basel.

Anlass ist nicht Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren und auch nicht Zwinglis Amtsantritt am Zürcher Großmünster – dieser wird 2019 groß gefeiert –, sondern ein philologischer Akt: die Drucklegung des "Novum Instrumentum" von Erasmus von Rotterdam 1516 in Basel.

Polemik gegen Maria und die Heiligen

Erasmus' Werk war die erste Druckfassung des Neuen Testaments auf Griechisch. Der gelehrte Erasmus war Ironiker. Er belächelte die fromme Praxis, tagsüber vor Madonnenbildern Kerzen anzuzünden, die Gläubigen sollten lieber dem tugendhaften Lebenswandel Marias nacheifern. Die humanistische Polemik richtete sich nicht nur gegen Maria und die Heiligen, sondern auch gegen die sprichwörtliche "wuchernde" Bildlichkeit des Mittelalters.

Noch heute sind Krippenbilder vollgesogen mit Mystik und Legenden. Die populäre Vorstellung, Maria habe gleich nach der Geburt ihr Kind angebetet, verdankt sich beispielsweise Visionen Birgitta von Schwedens. Die Philologie war Frauen des Mittelalters verschlossen, als Mystikerinnen jedoch fanden sie Gehör und Anerkennung.

"Mit der Reformation ging eine Entsakralisierung des Lebens einher. Dies hatte eine Zuwendung der Kirche zu den alltäglichen Lebensvollzügen zur Folge – und damit auch zu den normalen Lebenssituationen verheirateter Frauen", sagt die Bochumer Kirchengeschichtlerin Ute Gause. Ein öffentliches Leben war für Frauen nicht vorgesehen. Das zeigt sich auch in Stilisierungen von Luthers Frau Katharina von Bora als einfältige Hausfrau und fromme Käthe. Luther habe sie im Scherz "tiefgelehrte" Frau genannt, heißt es.

Der Franzose Maurice Denis gestaltete 1900 aus dem Thema "Gottesmutter mit Sohn" eine intim und irdisch wirkende Szene.

Quelle:

Bei Michelangelo Merisi da Caravaggio ist es 1606 nicht mehr Maria, die die Schlange zertritt, die für Sünde und Teufel steht, sondern ihr Sohn erledigt das. Maria ist bei Caravaggio als einfache Frau aus dem Volk dargestellt, mit fast gänzlich verblasstem Heiligenschein, was den italienischen Künstler als heimlichen Protestanten erscheinen ließ.

Ein schon älterer, kurioser Bildtypus, der bezeichnenderweise in der Reformationszeit zu Popularität gelangte, ist die Empfängnis durchs Ohr ("conceptio per aurem"). Eine Darstellung des Christkindes, das über göttliche Strahlen mit dem Kreuz über der Schulter bäuchlings Richtung des mütterlichen Ohres rutscht, brachte es sogar auf das Frontispiz einer lutherischen Bibel – allerdings ohne Darstellung des Ohres samt Mutter.

In der katholischen Kirchengeschichte war Maria immer dann populär, wenn die männlich dominierte Institution Kirche weiche und liebevolle Züge betonen wollte, zum Beispiel in Zeiten der Spaltung. Auch in der Phase der Gegenreformation diente Maria als "Mater Ecclesiae", als Mutter der Kirche. Zudem war sie prominente Kronzeugin für Christi Menschwerdung – und als jungfräulich Gebärende hatte auch sie selbst etwas Wundersames an sich.

Die befremdliche Jungfrau

Im Zuge der Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts erschien die Jungfrau Maria auf einmal als befremdlich, als Paradoxon, das es zu bekämpfen galt. Gleichzeitig wurde die Theologie feminisiert. Eine Vorreiterrolle spielten protestantische Strömungen in den USA. Einen besonders radikalen Beitrag aber lieferte die katholische Theologin Mary Daly mit ihrem 1968 erschienen Buch "The Church of the Second Sex". Daly rief zur "Kastration der sexistischen Religion" auf.

Künstlerinnen wie Valie Export oder Ulrike Rosenbach setzten sich in den Siebzigerjahren mit der keuschen Jungfrau auseinander, indem sie moderne Frauen in Madonnenposen vor Waschmaschinen platzierten ("Geburtenmadonna") oder mit Pfeilen auf eine Reproduktion von Stefan Lochners Bildtafel "Madonna im Rosenhag" schossen. Im Kunstmuseum Basel, dem wichtigsten Kunstmuseum der Schweiz, dominiert der männliche Blick auf Maria, wie eine kleine Nebenschau zur "Archäologie des Heils" beweist.

Andy Warhol als Naturalist: Keck schaut das Jesuskind in die Kamera – auf dem Schoß seiner Mutter Maria, einer ganz normalen Frau.

Andy Warhol als Naturalist: Keck schaut das Jesuskind in die Kamera – auf dem Schoß seiner Mutter Maria, einer ganz normalen Frau.

Quelle:

Ihr Titel ist von Andy Warhol geborgt: "Modern Madonna". Bei Maurice Denis begegnet sie dem Betrachter als naturhaftes Wesen, bei Eugène Carrière als elementares Gefühlssymbol und auf einem berühmten Blatt von Edvard Munch als von Spermien umspülte Femme fatale.

Andy Warhol ließ für seine Madonnen-Serie im Herbst 1980 junge Mütter mit Säuglingen und den befreundeten Starfotografen Christopher Makos in sein New Yorker Studio kommen. Makos schoss Aktfotos, Warhol machte ein paar Polaroids, notierte im Tagebuch, dass nackte Madonnen wohl Anstoß erregen dürften. Zum Abschluss der Serie notierte er: "I did some Madonnas. Then I went to church for a minute."

Dass der Pop-Papst sich für das Madonnen-Motiv interessierte, ist kein Wunder. Immerhin ist es das viralste Motiv der Kunstgeschichte. Der Erfolg der Madonna ist im wahren Wortsinn durchschlagend. Wo immer auf der Welt eine Frau mit Kind Bildsujet ist, schlägt die Marienikone durch – und verleiht selbst alltäglichen Szenen etwas geheimnisvoll Auratisches.

Die Ausstellungen sind bis 8. Januar im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Von Johanna Di Blasi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tipps