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Mit den Augen Monets

Claude Monet als Comicheld Mit den Augen Monets

Eine Comicbiografie erzählt vom Leben des französischen Malers Claude Monet. Der Begründer des Impressionismus litt an grauem Star. Die nachlassende Sehkraft hat auch seine Kunst nachhaltig beeinflusst.

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Die Comicbiografie “Auf den Spuren des Lichts“ erzählt das Leben des Malers Claude Monet.

Quelle: Verlag

Hannover. Als Claude Monet das erste Mal in dieser Graphic Novel auftaucht, ist es schon fast wieder mit ihm zu Ende. Es ist das Jahr 1923, und nach einer Augenoperation lässt sich der angeschlagene Mann zurück in sein Haus in Giverny fahren und sinniert über die Vorstellung einer angeborenen Blindheit und eines erst irgendwann später einsetzenden Sehvermögens. “Ich hätte angefangen, das Licht und die Farben zu malen, ohne die vor mir befindlichen Objekte zu kennen“, sagt der Franzose. In der Realität litt Monet an grauem Star – einer Erkrankung, die nicht nur die Sehschärfe reduziert, sondern auch die Farbwahrnehmung verschiebt. So verwischen sich in seinen späten Bildern Farben und Formen.

Von der lebenslangen Suche nach dem Augenblick und seiner Atmosphäre, seinem Licht und seinen Farben lassen der Zeichner Ricard Fernandez und der Autor Salva Rubio den Maler Claude Monet (1840–1926) aus der Ich-Perspektive erzählen. Ihre großformatige Comicbiografie spielt damit bewusst mit der Wirklichkeit, der Objektivität oder der Wahrnehmung, mit Eindrücken oder Stimmungen. Fernandez und Rubio haben ganz im Sinne Monets nicht zum Ziel, einfach nur die Realität abzubilden oder die Fakten zu rekonstruieren.

Es geht um die Verknüpfung von Imagination und Vision, um die Bilder hinter den Bildern. Ihre biografische Einführung als eine Übung im Sichtbarmachen von individuellen Beobachtungen und Empfindungen baut auf die Vielfalt der Perspektiven, Kunst wie Künstler gleichermaßen betreffend.

So oft es geht, werden der Meister und seine Bilder selbst herangezogen

So oft es geht, werden der Meister und seine Bilder selbst herangezogen.

Quelle: Verlag

Dabei verzichtet “Claude Monet – Auf den Spuren des Lichts“ keineswegs auf relevante Daten und Personen. Folgende Kapitel seines Lebens werden in Bilder übersetzt: Die frühen Karikaturen und das große, nicht fertiggestellte Gemälde “Das Frühstück im Grünen“. Der Schulabbrecher und der Kriegsdienstverweigerer. Der Pariser Salon, die Impressionisten-Ausstellungen, die erste Einzelausstellung. Die früh gestorbene Mutter, der skeptische Vater, die sich für ihn einsetzende Tante. Die befreundeten Maler-Revoluzzer Pierre-Auguste Renoir, Alfred Sisley, Frédéric Bazille, der Kunsthändler Paul Durand-Ruel, Mäzene wie Ernest Hoschédé. Die Schulden, die Gläubiger, Not und Elend. Das Modell Camille Doncieux, das von der Geliebten zur Frau und Mutter zweier Söhne aufsteigt.

Doch nicht das Geschehen ist das eigentliche Ereignis, sondern seine Darstellung. Die Anlässe, die Motive treten wie bei Monets Malerei ab den 1860er Jahren in den Hintergrund. Im Zentrum steht das Erspüren von Situationen und das Wiedergeben von Eindrücken. Diese Impressionen versucht der Comic im Stile seines malenden Erzählers aufzufangen und festzuhalten.

Fernandez arbeitet mit Lichtreflexen, Kontrasten, Spiegelungen, strahlendem Weiß und leuchtenden Komplementärfarben, zeigt hingetupfte Natur und die Konturen verlierende Menschen. So oft es geht, werden der Meister und seine Bilder selbst herangezogen, ob deutlich erkennbar, aus einem anderen Blickwinkel, leicht verfremdet, als Bezug oder Inspiration. Auch Werke anderer – Eugène Boudin, Vincent van Gogh oder Bazille - dienen als Vorlage.

So oft es geht, werden der Meister und seine Bilder selbst herangezogen

So oft es geht, werden der Meister und seine Bilder selbst herangezogen.

Quelle: Verlag

Sehr gelungen umgesetzt ist dieses Prinzip etwa auf den Seiten, die sich mit dem Tod seiner Frau Camille beschäftigen. Monet sitzt vor ihrem Totenbett und ist fasziniert vom “Zusammenspiel der Farben“ auf ihrem leblosen Gesicht. Während in einer Serie aus mehreren Bildern das Gesicht in einem sehr kleinen Ausschnitt zu sehen ist, über dem dicke farbige Striche in Kommatechnik gezogen sind, ringt im Text der Mann als Maler mit seiner Trauer und der Absicht, das Tragische künstlerisch aufzuarbeiten. Die Panels greifen hier gekonnt zweierlei auf: sein ungewöhnliches Gemälde “Camille Monet auf dem Totenbett“ und seine „Erinnerungen“.

Die letzten Eindrücke dieser überzeugenden Comicbiografie gehören dem aufwendig von Monet selbst gestalteten Garten mit dem Seerosenteich im bereits erwähnten Giverny. Der Leser flaniert mit ihm durch bekannte Motive seines späten Schaffens und macht plötzlich halt vor der japanischen Brücke. Dort steht er, im satten Grün der Anlage, die Hände am Geländer, unter ihm die prächtigen, von einem extra engagierten Gärtner sorgsam gepflegten Seerosen, und spricht: “Nicht mehr lange, dann ist das Licht weg.“ Der Begründer und Chef der Impressionisten, gerade genesen von der Operation, die ihm das Augenlicht zurückgab, hat eine Art prophetischen Durchblick. Noch drei Jahre bleiben ihm. Dann wird es für immer dunkel.

Ricard Fernandez, Salva Rubio

Ricard Fernandez, Salva Rubio: “Claude Monet – Auf den Spuren des Lichts“, Aus dem Französischen von Anja Kootz, Knesebeck Verlag: 112 Seiten, 22 Euro

Quelle: Verlag

Von Oliver Seifert

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