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Schön zu hören

Neues Album von Soul-Folk-Star Imany Schön zu hören

Vom Model zur Sängerin: Mit ihrem Sommerhit "Don't Be So Shy" hat sich Imany an die Spitze der Charts gesungen. Dabei hatte die Französin ursprünglich einen ganz anderen Plan.

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Soul-Folk mit Samtstimme: Imany begann ihre Karriere als Model und ist heute eine der erfolgreichsten Sängerinnen Frankreichs.

Quelle: AFP

Ihre Stimme lässt aufhorchen. Ungewöhnlich tief ist sie für eine Frau, weich, klangvoll, dunkel. Als Jugendliche hasste Nadia Mladjao ihr Timbre, weil sie damit überall auffiel. Daher vermied sie es, in der Öffentlichkeit laut zu sprechen oder gar zu singen. Das tat sie lieber für sich allein, wenn keiner zuhörte – "was selten genug vorkam als drittes von sieben Kindern", räumt sie lächelnd ein.

Heute weiß die 37-Jährige, wie sehr gerade ihre besondere Stimme die Menschen berühren kann. Nadia Mladjao ist unter ihrem Künstlernamen Imany eine der erfolgreichsten französischen Sängerinnen geworden. "Glaube", "Hoffnung" bedeutet Imany auf Suaheli. Schon 2010 startete die Sängerin ihre internationale Karriere erfolgreich mit dem Song "You Will Never Know".

In diesem Jahr legte sie nach mit dem Titel "Don't Be So Shy". Der Titel schaffte es in der Remix-Version des russischen Duos Filatov & Karas unter die bestplatzierten Hits nicht nur in Frankreich, sondern führte auch in Polen, Italien, Russland und vielen weiteren Ländern wochenlang die Charts an. Auch in Deutschland ist Imany eine gefragte Künstlerin: Nach Auftritten Ende November in Köln, Hamburg und Berlin sind für nächstes Frühjahr erneut Konzerte geplant.

Überrascht vom Erfolg

Imany sitzt in einem Pariser Café, hat ein buntes Tuch um ihren Kopf geschlungen, nippt an einem grünen Tee. Sie spricht offen, frei heraus, immer wieder gähnt sie verstohlen – "Pardon, aber im Moment ist es sehr schwierig", entschuldigt sie sich: Ihr Baby, das erst ein paar Monate alt ist, beschert ihr unruhige Nächte. Zugleich tourt sie durch die Welt. Ihren Erfolg kommentiert sie so: "Es lässt sich nie wirklich voraussehen, welches Lied einschlägt. Vielleicht hat mich das überrascht, ja. Aber ganz ehrlich, wir haben auch wie verrückt dafür gearbeitet."

Nicht nur ihre Stimme, die den geübten Pop-Liebhaber entfernt an Tracy Chapman oder Joan Armatrading erinnert, fällt auf, sondern die ganze Erscheinung: Groß gewachsen, athletisch, mit feinen Gesichtszügen arbeitete Imany als Mannequin, bevor sie Sängerin wurde. Mit 19 Jahren ging sie nach New York, wo sie unter anderem für Calvin Klein modelte. Ihre Eltern, die vor ihrer Geburt von den Komoren nach Frankreich eingewandert waren und eine strikte Arbeitsmoral hatten, zeigten sich nur mäßig begeistert: Für sie war Modeln oder Singen kein Beruf.

Imany

Beeindruckende Stimme, beeindruckende Erscheinung: Imany live beim belgischen Festival Feeerieen im Jahr 2011.

Quelle: Berthier / CC0

Zunächst brachte sich Nadia Mladjao gut durch, doch auf die Terroranschläge am 11. September 2001 folgten Krisenzeiten auch für die Modebranche – und eine entscheidende Wende in ihrem Leben: "Es gab keine Aufträge mehr, und ich hatte meine Miete zu bezahlen. Wenn ich weiter gut als Model hätte arbeiten können, hätte ich nie den Mut gehabt, diesen Komfort aufzugeben. Kurzum, ich wäre nie Sängerin geworden." Sie jobbte ohne Unterlass und war trotzdem finanziell immer am Limit.

Das konnte es nicht sein, sagte sie sich. "In den USA denkt jeder, seine Chance wartet an der nächsten Straßenecke, das Glück ist in Reichweite." Also streckte Imany die Hand danach aus. Sie nahm Gesangsunterricht, begann, hier und dort auf der Bühne zu stehen, knüpfte Kontakte in die Musikszene, schrieb Lieder. Und kehrte nach acht Jahren in New York zurück nach Paris. "Obwohl mich die Musik in den USA sehr inspiriert, gibt es dort viele Schubladen: Wenn du schwarz bist, musst du schwarze Musik machen. In Frankreich herrscht mehr Offenheit."

Kein One-Hit-Wonder

Vor allem aber machte sie hier eine entscheidende Begegnung: Sie lernte den Franko-Senegalesen Malik Ndiaye vom Label "ThinkZik!" kennen. Erst beobachtete er Imany aus der Ferne und sah, dass aus der Handvoll Fans, die zu ihren Konzerten kamen, immer mehr wurden. Eine echte Bewegung entstand um die junge Frau mit der sinnlich-sanften Stimme. 2008 nahm Ndiaye sie unter Vertrag. "Ich hatte extrem Glück, mit einem kleinen, unabhängigen Label zu arbeiten, das nicht nur schnelle One-Hit-Wonder produzieren will, sondern einen langfristigen Erfolg."

So ließ der Produzent Imany auf den verschiedensten Bühnen auftreten und sie zu ihrem Stil finden. Ndiaye gab Imany Zeit – und seine Strategie zahlte sich bereits ab der ersten Single "You Will Never Know" aus. Es folgten eine Welttournee mit 370 Tourdaten, die sie zum Star in Ländern wie der Türkei und Polen machte, die Veröffentlichung des Albums "The Shape of a Broken Heart" und 2014 der Soundtrack für den Film "Sous les jupes des filles" (Deutscher Titel: "French Women – Was Frauen wirklich wollen"), auf dem sich auch der Hit "Don't Be So Shy" befindet.

Geschrieben wurde der Song für die musikalische Begleitung einer Sexszene. Und er ist eine recht explizite Hymne an die körperliche Liebe – einen "göttlichen Akt", wie Imany sagt. Der Remix mit den treibenden, elektronischen Bässen, mit dem sie bekannt wurde, hat ihre Musik verfremdet. Auch wenn das nicht ganz ihr Stil sei, sehe sie den Vorgang positiv. Im Hinblick auf ihr aktuelles Album "The Wrong Kind of War" sagt sie: "Als Musiker muss man immer überzeugen, und das ist leichter, wenn die Leute mich schon kennen. Wenn sie die Stimme mögen, mögen sie hoffentlich auch den Rest." Und ihre Stimme, das weiß sie heute, bleibt im Ohr.

So wird, wer in Deutschland nur den Remix ihres Filmhits kennt, überrascht sein. Auf dem neuen Album, das Imany größtenteils in einer Kreativwerkstatt im Senegal schrieb und komponierte, finden sich neben der deutlich eindringlicheren, abgespeckten Akustik-Urversion von "Don't Be So Shy" jede Menge Songperlen aus Soul und Folk. Diese beiden Sounds sind die Pfeiler ihrer Musik, wobei sich fast jeder Song dank bezwingender Melodien in Hörers Ohr festsetzt.

Und wie es der Albumtitel schon ironisch andeutet – natürlich gibt es nur "falsche Arten von Krieg" –, singt Imany vornehmlich gegen Entwicklungen in der Welt an, die ihr suspekt und gefährlich erscheinen, gegen Gewalt im Fernsehen ("Save Our Souls") etwa oder die Verantwortungslosigkeit im Umgang mit dem einzigen Planeten der Menschheit ("The Rising Tide"). In "There Were Tears" sagt sie es mit Nelson Mandela: "Aufstehen, kämpfen statt den Kopf zu beugen und alle Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind." Von Imany wird man noch hören.

Von Birgit Holzer

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