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Soundtrack der Angst

Lars Eidinger im Porträt Soundtrack der Angst

Unsicherheit gehört für den Schauspieler Lars Eidinger zum Beruf – und auch zu seinem Leben. “Ich bin ein ängstlicher Mensch“, sagt er. Auf der Bühne mobilisiert er wahnsinnig viel Energie, auch um sich zu schützen.

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Lars Eidinger als “Hamlet“ in der Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin..

Quelle: Arno Declair

Berlin. Treffpunkt ist das alte Krematorium im Wedding, wo jetzt die Plattenfirmen ihre Räume haben: Schicke, kühle Zimmer, man hält sich warm mit Kaffee oder Zigarettenglut. Berlin zeigt hier seine morbide Seite, ein bisschen Todessehnsucht deutet man in dieser Stadt ja gern als Erotik. Die jungen Frauen konturieren ihre Augen noch ein bisschen dunkler als im Rest des Landes, sie tragen Stiefel, die für Fallschirmspringer vorgesehen sind.

Da hinten kommt Lars Eidinger, etwas zu spät, “das Navi hat gedrängt, ich solle runter von der Autobahn“. Eidinger hat das nicht eingesehen und landete im Stau. Keiner ist ihm böse.

Der Schauspieler Eidinger, 41 Jahre, trägt eine bunte Spiegelbrille als komme er direkt aus Ibiza. Er schenkt sich Kaffee ein – weil keine Tasse da ist, kippt er ihn ins Saftglas. Er redet jetzt von seiner Platte, die er vor zwei Jahrzehnten aufgenommen hat und die nun noch einmal erscheint, denn Eidinger ist jetzt berühmt. 1996 hat er sie im Tempelhofer Keller seiner Eltern eingespielt, düsterer Hip-Hop, niemand singt. “Ich hatte mir mit Freunden einen Computer gekauft, 2000 Mark. Allein konnte ich mir das nicht leisten.“ Die Soundkarte verfügte über vier Megabyte, darüber lacht man heute, er konnte nur die Drums in Stereo aufnehmen.

Ophelia mit Haarausfall

Ophelia mit Haarausfall: Lars Eidinger auf dem neuen Cover seiner Hip-Hop-Platte, fotografiert von Juergen Teller.

Quelle: Label

Das Cover für die Neuauflage hat Juergen Teller fotografiert, ein Star, ein Freund des Schauspielers. Darauf: Lars Eidinger im weißen, langen Frauenkleid, er geht ins Wasser, ein düsteres Bild. Er stellt Ophelia aus “Hamlet“ dar. Das Foto wollte er von hinten, damit man seinen einsetzenden Haarausfall erkennt. Der fasziniert ihn, auch wenn er sicher ist, dass Halbglatzen “in der Popkultur nicht vorkommen“.

Eidinger zählt unbedingt zur Popkultur. Man redet über ihn, er kann sich Rollen im Film und auf der Bühne aussuchen. Die Mädchen warten vorm Theater – wenn er kommt, schauen sie weg und bekommen rote Wangen. Doch er fühlt sich nicht als Star, “das schreiben nur die Journalisten“. An der Berliner Schaubühne legt er Platten auf. “Ich fürchte jedes Mal, dass keiner kommt und ich das alles nur für mich allein spiele.“ Darum nennt er die Veranstaltung Autistic Disco. Autistische Disco.

Unsicherheit gehört zu seinem Beruf und zu seinem Leben. “Ich bin ein ängstlicher Mensch. Ich halte mich für sensibel und reagiere empfindlich auf Kritik. Auf der Bühne mobilisiere ich wahnsinnig viel Energie, um meine Schwäche zu kompensieren und mich zu schützen.“ Trotzdem müsse man angreifbar bleiben. In diesem Paradox liege die Schönheit seines Berufs.

Konfrontation als Motor

Eidinger spielt Hamlet und Richard III., Shakespeare-Figuren mit Gewicht, die Kritik ist überwältigt. Trotzdem verlassen immer wieder Leute die Aufführung. “Ich frage dann, warum die gehen.“ Nein, er beschimpfe sie nicht. “Manchmal sagen sie: Wir gehen, weil das Mist ist!“ Viele finden Eidingers Frage übergriffig. “Aber sie ist nicht provokant gemeint, eher als Konfrontation.“

Konfrontation ist für Lars Eidinger ein Motor, um mit Reiberei die Angst zu überwinden. Gerade nimmt die Reiberei ein bisschen überhand. Er hat in Russland zwei Jahre lang mit Regisseur Alexej Utschitel den Film “Mathilde“ gedreht, der in Deutschland Ende Oktober angelaufen ist. Eidinger spielt Zar Nikolaus II., er zeigt ihn als Menschen, der Motorrad fährt und heimlich eine Ballerina liebt. Das ging der Duma-Abgeordneten Natalia Poklonskaja zu weit, sie polemisiert drastisch gegen den Film und Eidinger, weil der dem Zaren seinen Status als Gott nehme. Der Zar genießt im Russland unter Putin wieder höchstes Ansehen.

“Wenn sie in der russischen Presse behauptet, ich sei ein homosexueller Pornodarsteller und Satanist, macht mir dieser Fanatismus Angst. Warum sollte Homosexualität ein Argument gegen den Film sein?“ Eidinger, der mit einer Frau zusammenlebt, ist nicht zur Film-Premiere nach Russland gefahren. Aus Furcht.

Eidinger als Zar Nikolaus II

Eidinger als Zar Nikolaus II. in dem Film “Mathilde“ mit Michalina Olszanska. Russland läuft Sturm gegen den Film, der den Zaren als Menschen mit Schwächen zeigt.

Quelle: Kinostar Filmverleih

“Komplexe Rollen, in denen Unsicherheit mitschwingt, interessieren mich. Fehler und Schwächen machen einen Charakter ja erst menschlich“, glaubt Eidinger. “Vergänglichkeit macht das Leben lebenswert, so gesehen hat das Thema Endlichkeit seinen Reiz.“ Auch Haarausfall falle in diesen Bereich.

Eidinger hat Theatermusik für die Schaubühne geschrieben, er stand auf der Bühne, “ich habe besser als sonst gespielt, weil ich mich nicht nur auf meine Rolle konzentriert habe – die Musik entlastet mich“. Generell hat die Musik ihn früh beflügelt. Mit seinen Hip-Hop-Aufnahmen fuhr er Ende der Neunzigerjahre zu einem Hamburger Label. “Der Chef hat die Songs auf einer Kompaktanlage angehört, die aussah wie von Tchibo.“ 500 Platten wurden gepresst. “Im Radio ist sie mal gelaufen, 45 Umdrehungen pro Minute, eigentlich war sie für 33 aufgenommen.“

Neulich fragte ihn das Label, ob man die Stücke überarbeiten könne. Nein, geht nicht. Der PC mit den Originalaufnahmen ist weg. Der alte Rechner stand in Eidingers neuer Wohnung, er hatte sich was zu essen vom Chinesen bestellt. “Der Lieferservice kam, meine Frau hat ihm den Computer geschenkt.“ Näher geht er nicht auf die Umstände ein. Ärgert ihn die Aktion seiner Frau? Nein, er kann sich von den Dingen trennen. Verlust macht unsicher. Doch sein Soundtrack der Angst klingt immer noch super.

Von Lars Grote

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