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Ständig unter Strom

Philosoph Tristan Garcia Ständig unter Strom

Intensiv muss das Leben sein: So beschreibt Tristan Garcia das Credo seiner Generation. Der 36-Jährige gehört zu den angesagtesten Philosophen in Frankreich. Seine Heimat ist dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse.

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Egal was, Hauptsache mit ganzer Kraft: Der französische Philosoph Tristan Garcia beschreibt eine Gesellschaft in der Intensitätsfalle.

Quelle: E+

Lyon. Angefangen hat alles mit der Elektrizität. Die Entdeckung des elektrischen Stroms hat die Welt verändert. Und nicht nur den Alltag der Menschen, sondern auch ihr Denken, Fühlen, ihr ganzes Selbstverständnis. Seitdem ist Intensität ein Schlüsselbegriff in unserer modernen Erfahrungswelt. Die Moderne ist eine Geschichte der Intensitätssteigerung, des Immer-mehr, Immer-schneller, Immer-weiter – bis zur Erschöpfung.

Der französische Philosoph Tristan Garcia ist für steile Thesen bekannt – und derzeit in seiner Heimat deshalb auch ziemlich angesagt. Gerade mal 36 Jahre alt, hat er bereits 16 Bücher veröffentlicht. Nicht nur philosophische Abhandlungen sind darunter. Garcia schreibt auch Romane. Der Shootingstar der französischen Intellektuellenszene ist ein allseits gefragter Gesprächspartner, wenn es darum geht, gesellschaftspolitische Themen zu kommentieren. In Deutschland ist er noch wenig bekannt. Das könnte sich mit der Frankfurter Buchmesse ändern. Frankreich ist dieses Jahr Gastland, Garcia einer der Autoren, die sich noch bis Sonntag vorstellen.

In diesem Jahr ist Garcias Abhandlung “Das intensive Leben“ erschienen, ein Buch über “eine moderne Obsession“, wie es im Untertitel heißt. Vor wenigen Wochen kam sein Roman “Faber. Der Zerstörer“ auf den Markt – die Geschichte dreier Jugendfreunde, Angehörige einer Generation, die nach Halt und einer Zukunft sucht.

Vom Streben nach Sinn

Garcia sitzt zwischen Umzugskisten in seiner neuen Wohnung. In ein paar Wochen wird er an der Universität Lyon mit dem Unterricht beginnen. Es wird um Philosophie der Musik gehen, erzählt er. Es ist sein erster fester Job als “Maître de conference“ – bislang hatte er lediglich freiberuflich Philosophie unterrichtet. Garcia ist ein wenig genervt, denn er kämpft mit den Folgen eines Wasserschadens. Doch kaum spricht man das derzeitige politische Klima an, den Hass, die Wut, wie sie im deutschen Bundestagswahlkampf wieder aufgeflammt sind und auch die Präsidentschaftswahlen in Frankreich dominierten, ist er sofort auf Sendung.

“Die Leute haben das Gefühl, dass sich die Machtverhältnisse umgekehrt haben“, sagt Garcia. Die Hasstiraden, die ressentimentgeladenen Wutausbrüche stammten meistens von Angehörigen der Mittelschicht, die früher allein das Sagen hatten und jetzt damit konfrontiert sind, dass auch andere in der Gesellschaft sich zu Wort melden. “Deshalb inszenieren sie sich als unterdrückte Minderheit“, sagt Garcia und verweist auf den Typus des weißen Mannes. Nicht nur dass er mit Einwanderern konfrontiert ist, nach Jahren des feministischen Kampfes muss er nun lernen, dass die andere Hälfte der Menschheit auch etwas zu sagen hat. Das schmerzt eben manchmal.

Garcia ist selbst ein Kind der weißen Mittelschicht. Seine gesellschaftspolitischen Analysen speisen sich nicht allein aus der Philosophie. Der Schüler des international bekannten Philosophen Alain Badiou hat sich früh in seinem Leben in politische Auseinandersetzungen gestürzt. Bereits in den Neunzigerjahren kämpfte er aufseiten der Tierschützer, der Feministinnen, für die Rechte der Schwulen, der Flüchtlinge und Migranten. “Meine Generation suchte damals nach einem Ausgang aus dem 20. Jahrhundert“, sagt er. Es sei um das Streben nach Sinn gegangen und um das Herausschälen der Machtverhältnisse.

Junges Gesicht der französischen Philosophie

Junges Gesicht der französischen Philosophie: Tristan Garcia.

Quelle: imago/Leemage

Garcia spricht oft von “seiner Generation“ und zieht damit eine Grenze zum Lebensgefühl seines eher marxistisch geprägten Elternhauses, in dem noch auf die großen politischen Entwürfe gesetzt wurde. Philosophisch geht er aber auch auf Distanz zur Generation der sogenannten Postmodernen, also denjenigen Denkern, die schon früh Abschied von den globalen Theorien gesellschaftlicher Veränderungen genommen hatten und dabei die kantische Subjektphilosophie in einer Weise radikalisierten, dass die Realität nur noch als soziale Konstruktion interpretiert werden konnte.

Garcia beschreibt den Übergang in die Moderne im 18. Jahrhundert nicht als Prozess der Rationalisierung durch den Aufbruch von Wissenschaft und Aufklärung, sondern als die Durchsetzung einer neuen Lebensart. Entscheidend sei nicht mehr das regelkonforme Verhalten des Einzelnen gegenüber Sitte oder Religion. “Ein einziges Gesetz leitet den modernen Prozess, in dem das Selbst über sich selbst richtet: dass das, was getan wurde, mit glühendem Herzen getan wurde“, schreibt Garcia.

Ein Leben im Hamsterrad

Was der Mensch tut, ist also im Grunde egal. Entscheidend ist, wie er es tut. Ob er sich politisch engagiert, betet, arbeitet, lernt, seine Frau betrügt oder sich in der Kneipe die Kante gibt, Hauptsache, er tut es mit voller Kraft. Es geht also darum, möglichst intensiv zu leben, ständig unter Anspannung zu sein, um die Intensität zu steigern. Der Mensch steht ständig unter Strom. Die Entdeckung der Elektrizität liefert insofern die richtige Metapher für diese neue Ethik der Intensität. Das Problem: Intensität lässt sich nicht unendlich steigern. Ein Leben im Hamsterrad führt zu Ermüdungserscheinungen und Depression.

So weit, so gut, aber auch neu? Auf den Zusammenhang zwischen der elektrischen Revolution und neuen psychischen Leiden hat der Bielefelder Historiker Joachim Radkau schon vor Jahren hingewiesen. Den neoliberalen Kapitalismus nennt der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han schon länger eine Ermüdungsgesellschaft.

Neu an Garcias Analyse ist, dass er eine Lebensethik beschreibt, die nicht nur die liberale westliche Welt antreibt, sondern auch ihre Gegner. Die hemmungslosen Hedonisten genauso wie die religiösen Fanatiker und Dschihadisten, die Neonazis ebenso wie den schwarzen Block der Linksradikalen. Kurz: Die überzeugten Liberalen hoffen auf Intensitätssteigerungen im Kapitalismus, seine Kritiker beklagen mangelnde Intensität und wollen ihn deshalb überwinden.

Intensität in Maßen

Und wie kommen wir aus der Intensitätsfalle von immer größer, schneller, weiter? Garcia empfiehlt, Maß zu halten. Intensität ja, aber nicht übertreiben. Ein super Ratschlag an alle Mittelstandskinder dieser Welt. Aber soll’s das gewesen sein? “Das Buch dreht sich nicht um Politik“, verwahrt sich Garcia. “Es geht wirklich um Ethik.“ Und die muss über Verhaltensweisen nachdenken und nicht über Lebensformen. Das ist für den jungen Philosophen Aufgabe der Politik. Worüber er auch ein Buch geschrieben hat. “Nous“ – auf Deutsch “Wir“ – heißt es und wird vermutlich ebenfalls demnächst hierzulande erscheinen. Darin geht es um das, was passiert, wenn eine Gemeinschaft “Wir“ sagt. Wen sie dann damit alles meint und vor allem, wovon sie sich abgrenzt, also wen sie dann ausschließt.

Identitätspolitik kann sowohl progressiv wie reaktionär sein, findet Garcia. Die Grenzen verlaufen quer durch die Bewegungen. Und woran erkennt man, wer wohin gehört? “Reaktionär ist, wer in die Zeit vor der Moderne zurück will, progressiv, wer ihre Versprechen einlösen will“, sagt Garcia und zählt diese Versprechen gleich mit auf: politische Emanzipation, individuelle Selbstbestimmung und ethische Identität – und zwar für alle.

Tristan Garcia

Tristan Garcia: Das intensive Leben

Quelle: Thomas Kaestle

Von Mathias Richter/RND

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