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Triumph über das Trauma

“Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil Triumph über das Trauma

Der Roman zur französischen Wahl: Karine Tuils Gesellschaftsporträt “Die Zeit der Ruhelosen“ steht für eine Generation von Schriftstellern, die von den Terroranschlägen in Frankreich geprägt ist. Selbst die Expartnerin von François Hollande lobt die realistische Beschreibung des politischen Milieus.

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Die Popastronauten

Auf den Terror in Frankreich folgte ein brutaler Einbruch der Gegenwart in die französische Literatur. Dies wird auch bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober eine Rolle spielen.

Quelle: iStockphoto

Paris. Sie schreibt über Terror, die Folgen von Krieg, über Machtgier und Heuchelei, über Intrigen, inszenierte Skandale und Populismus: Der Roman “Die Zeit der Ruhelosen“ der französischen Autorin Karine Tuil liest sich wie das Buch zum französischen Wahlkampf, der mit der Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen an diesem Wochenende sein Ende finden wird.

Tuils Protagonisten kommen aus unterschiedlichen Milieus: Da gibt es den schwarzen Streetworker, der als “Ghetto-Prophet“ zum Berater des Präsidenten aufsteigt, des Weiteren einen erfolgreichen Unternehmer, der über einen Skandal stolpert, und einen Afghanistan-Soldat, der nur schwer zurück in den Alltag findet. Die beiden teilen sich die Geliebte, eine Journalistin. Sie alle sind ruhelos, getrieben von unterschwelligem Rassismus, dem verschwiegenen jüdischen Erbe, dem Trauma des Krieges oder Schuldgefühlen, weil eine andere Frau wegen ihr Selbstmord begeht.

Auch Tuils Sprache ist fieberhaft, in elliptischen Sätzen schreibt sie über die Trauer und Wut ihrer Figuren. Wenn der Afghanistan-Veteran Romain an seine gefallenen oder verstümmelten Kameraden denkt, dann klingen die Sätze wie der Rap, den er dabei hört. “Nur damit kam er gegen die Panik an, mit diesem harten Rap, mit Hilfe der Wut verzweifelter Underdogs, die alles kaputtschlagen wollten.“

Eine literarische Generation

Tuils Gesellschaftsroman, der wie einige ihrer neun Vorgängerwerke für den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, nominiert war, erinnert an Michel Houellebecqs “Unterwerfung“ über einen muslimischen französischen Präsidenten – etwas weniger drastisch, dafür umso realistischer. Tatsächlich wird die Autorin als scharfe Zeitdiagnostikerin oft mit ihrem berühmten männlichen Kollegen verglichen. Für die zutreffende Beschreibung der politischen Sphäre bekam die 44-Jährige in einer Talkshow sogar Lob von Valérie Trierweiler: Die Journalistin ist die ehemalige Lebensgefährtin des scheidenden Präsident François Hollande.

Tuils Roman steht stellvertretend für eine Generation von französischen Autoren, deren Literaturgefühl geprägt ist von den Terroranschlägen der vergangenen Jahre in ihrem Land. Während bis vor Kurzem autofiktive Romane vorherrschten und die Franzosen wegen ihrer exzessiven Nabelschau belächelt wurden, erzählt das neue Genre-Label “Exofiction“ von der brutalen Außenwelt.

Die Frankfurter Buchmesse im Oktober, deren Gastland Frankreich ist, wird beherrscht sein von diesen Geschichten. Der auch hierzulande erfolgreiche Bestsellerautor Éric-Emmanuel Schmitt schreibt in “L’homme qui voyait à travers les visages“ (Der Mann, der hinter die Masken sah) über einen Gott, der sich über den Fanatismus seiner Anhänger beklagt. Laurent Gaudé zeichnet in “Ecoutez nos défaites“ (Höret unsere Niederlagen) ein Seelenpiktogramm einer von Terror eingeschüchterten Gesellschaft. Und der französisch-marokkanische Schriftsteller Fouad Louari beschreibt in seinem jüngsten Roman “Ce vain combat que tu livres au monde“ (Der vergebliche Kampf gegen die Welt) die Radikalisierung eines jungen französischen Einwanderers und dessen Weg nach Syrien.

Wird mit Michel Houellebecq verglichen

Wird mit Michel Houellebecq verglichen: Karine Tuil.

Quelle: Mantovani

Karine Tuil wurde von einem tatsächlichen Einsatz französischer Soldaten in Afghanistan inspiriert: Im Sommer 2008 gerieten sie in einen Hinterhalt der Taliban und wurden getötet, während ihre Landsleute Urlaub am Strand machten. Der Gleichzeitigkeit von Gewalt und Gleichgültigkeit spürt die Autorin in “Die Zeit der Ruhelosen“ nach.

Tuil ist die Tochter tunesisch-jüdischer Einwanderer, sie wuchs selbst in der Banlieue auf, jenen Problemvierteln, aus denen ihre Figuren kommen. Ehrgeiz ist ihr großes Thema. Die promovierte Juristin sorgte 2013 mit “Die Gierigen“ für große Aufmerksamkeit. Der Roman dreht sich um die Besessenheit von Erfolg und wird derzeit fürs Kino verfilmt. Über mangelnden Ruhm kann sich die Autorin selbst zumindest nicht beschweren.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen, aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff, Ullstein; 512 Seiten, 24 Euro

Interview mit Karine Tuil: “Geschichte von Verlust“

Karine Tuil, welcher Kandidat für die Stichwahl an diesem Wochenende eignet sich besser als Romanfigur – Macron oder Le Pen?

Im September 2016 hat mich ein französischer Politiker gefragt, welcher Kollege am romanhaftesten sei, und ich antwortete: Emmanuel Macron. Aber hier und jetzt ist es mein einziges Verlangen, den Aufstieg der extremen Rechten zu verhindern.

Was ist Ihr Fazit zum Wahlkampf?

Es ist zweifellos der chaotischste und erbärmlichste, den wir je erlebt haben. Die Skandale und persönlichen Angriffe haben die politische Debatte pervertiert und diskreditiert. Wir sind sehr besorgt.

Mit der “Exofiction“ wird ein neues französisches Genre beschworen. Was halten Sie davon?

Es gibt in der realistischen Literatur zwei Trends: sehr wirklichkeitstreue Texte, wobei der Schriftsteller als Historiker fungiert, und solche Texte, die zwar von realen Ereignissen inspiriert sind, aber das Recht auf Fiktion behaupten. Sie mischen Wahres und Falsches. Meine Bücher sind dieser Kategorie zuzurechnen. Ich mag es, mich einem Thema über Recherche anzunähern, ehe ich mit dem Schreiben beginne. Autoren sind immer auch Zeitzeugen und Beobachter von Gesellschaften, und die sind heute so zerrüttet wie nie. Diese Bruchstellen in Worte zu fassen, ist mein Ziel.

Sie schreiben über Einwanderer und Vorurteile. Welche Rolle spielt Ihr tunesisch-jüdischer Hintergrund?

Meine Bücher sind zwar nicht autobiografisch, aber das Resultat meiner Besessenheit. Alles dreht sich bei mir um Identität, Einwanderung und soziale Stellung. Als Tochter jüdischer Einwanderer trage auch ich eine Geschichte von Verlust in mir. Der Wunsch meiner Eltern nach Assimilation war sehr stark ausgeprägt, in der Öffentlichkeit spielte unser Judentum keine Rolle. Die Literatur hilft, das Gebiet aus Ängsten und Schmerzen auszuloten. In den letzten Jahren sind Antisemitismus und Rassismus in Frankreich wieder salonfähig geworden. Persönliche Angriffe sind mir anders als meinen Figuren erspart geblieben.

Woher kommt Ihre Faszination für Macht als Thema?

Mehr als die Macht selbst interessieren mich soziale Positionen und wie man sie erobert. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat Dominique Strauss-Kahn eine Kandidatur abgelehnt, weil er es als Hindernis ansah, Jude zu sein. Dabei sollte es mehr Vielfalt in der Politik geben. Mit welchen Mitteln erlangt man Macht? In meinem Roman “Die Gierigen“ war es die Lüge, in “Die Zeit der Ruhelosen“ ist es der Verrat. Wie Simone de Beauvoir schrieb: “Jeder Erfolg verschleiert eine Abdankung.“

Von Nina May

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