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Von wegen stille Nacht

Weihnachtsalbum von Sia Von wegen stille Nacht

Nikolaus naht, die Popmusik setzt wie in jedem Advent auf Weihnachtsplatten. Die australische Popsängerin Sia hat jetzt zehn neue Lieder zum Frohen Fest geschrieben. Ihre Botschaft: “Everyday is Christmas“.

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Ein ganzes Album voller neuer Weihnachtssongs: Die Australierin Sia hält sich nicht an Best-of-Konventionen – und schreibt Hits wie am Fließband.

Quelle: Warner

Hannover. Sia hat so ihre eigenen, wundersamen Vorstellungen vom Himmel und den dort herrschenden Herrschaften. In der Howard-Stern-Show fragte man sie mal, ob sie religiös sei. Sie bejahte. “Ich glaube an eine höhere Macht“, sagte Sia, “die ich Whatever Dude nenne.“ Diesen “Wie-auch-immer-Kumpel“ stelle sie sich wie “einen sonderbaren, surfenden Santa vor“. Der Whatever Dude habe sie auch verleitet, sich beim Text zu “Diamonds“, den sie für Rihanna dichtete, vom Übernatürlichen inspirieren zu lassen. Die Australierin schreibt Hits in Serie, (“Chandelier“, “Elastic Heart“), so viele, dass es sogar noch für andere reicht.

Und so hat sie dem Sohn vom Dude ein ganzes Weihnachtsalbum gewidmet. Wobei “Everyday Is Christmas“ auch eins für Santa ist, und natürlich auch für den Nikolaus, der sich vom Weihnachtsmann in den meisten Darstellungen sowieso nur noch unterscheidet, weil er die Bischofsmitra auf dem Kopf trägt statt der Zipfelmütze.

Sia und Santa passen gut zusammen, weil beide sich nicht gern zeigen und stattdessen ihre Arbeit für sich sprechen lassen wollen. Während der große alte Kinderbeschenker seine untere Gesichtshälfte mit einem riesigen Rauschebart überwuchern lässt und mit seinem Schlitten von den Kindern noch nie erwischt wurde (außer in Hollywoodfilmen), lässt der scheue australische Popstar gern zweifarbiges Perückenhaar über Augen und Nase fallen und dreht dem Konzertpublikum mit Vorliebe den Rücken zu, um die Songs sprechen zu lassen.

“Ich konnte nicht mehr aufhören, Lieder zu schreiben“

Auf “Everyday Is Christmas“ trägt Sia Locken in den elementaren Heiligabendfarben Rot (Christbaumkugeln, Kerzen) und Grün (Tannenbaum, Mistelzweige), ist in Geschenkpapier gekleidet, und zeigt Gesicht. Die Augen hat sie aufgerissen, als sei schon 23. Dezember und noch kein einziges Geschenk gekauft, ihr Mund ist so zur Schnute zugespitzt, als musste sie gerade eben in den sauersten Apfel von allen beißen.

Die Musik indes ist bratapfelsüß, mit Doo-Wop-Chörchen und Rentierglöckchen – allerschönstes Schubidu. Hat der Opener “Santa’s Coming For Us“ noch ein paar moderne Beats in petto, die ihn für die Adventsdisco empfehlen, sind Songs wie “Candy Cane Lane“ und “Puppies Are Forever“ Verbeugungen vor alten Girlgroups wie den Chiffons, Chantels, Shirelles und Supremes, steht das Album vorwiegend in der Tradition des munteren Sixties-Souls von Motown.

Entstanden sind die zehn Songs ganz zufällig. Im Gespräch mit Produzent Greg Kurstin stellte Sia einen gewissen Mangel an guten neuen Weihnachtspopsongs fest: “Bei dem ganzen jüngeren Zeug komme ich einfach nicht so in Stimmung.“ Binnen zwei Wochen war ihr Abhilfewerk fertig – mit hymnischen Glühweingröhlern wie “Underneath the Mistletoe“ und Balladen wie dem walzernden Titelsong und dem tieftraurigen “Underneath the Christmas Lights“. “Alles ist da, die ganzen Konzepte, man muss nur ins Detail gehen“, verriet sie dem amerikanischen Billboard Magazin ihre Herangehensweise. “Ich konnte dann nicht mehr aufhören, Lieder zu schreiben, und so endeten wir mit einem Album voller Originalsongs.“

Blickdicht

Blickdicht: Sia ist der Star mit dem Haarvorhang.

Quelle: Warner

Was eher selten ist. Meist gönnen sich Künstler zum Fest der Feste eine Kreativverschnaufpause und nehmen das bewährte Klangmarzipan von “Stille Nacht“ bis “O Come All Ye Faithful“ auf. Die Fans kaufen’s gewiss, ob man nun Rod Stewart heißt und früher von der eigenen Sexyness gesungen hat oder als Ritchie Blackmore bei Deep Purple das Riff von “Smoke On The Water“ geknarzt hat. Seit Bing Crosby werden von quasi allen Schaffenden der Populärmusik alte Christmas Carols angejazzt und angerockt.

Wer sich nicht christlich binden will, veröffentlicht alternativ stimmungsvolle “Winter“-Alben mit vorwiegend fremden (Stings “If on a Winter’s Night“) oder eigenen (Kate Bushs “50 Words for Snow“) Kompositionen. Oder hält sich mit Altmaterial an das Entschleunigungsbedürfnis der Leute zum Jahresende und wirft eine Best-of-Balladen-Sammlung in die Runde wie vorige Woche die Scorpions mit “Born to Touch Your Feelings“. Das Bekenntnis “Still Loving You“ passt ja immer gut zur stillen Nacht, und wenn Klaus Meine die Lippen spitzt, weht der “Wind of Change“ als gutes Wetter gegen all die politischen und klimatischen Orkane der letzten Monate – eine musikalische Versicherung, dass die Hoffnung niemals aus dem letzten Loch pfeift.

Weihnacht mit Rum und Bourbon

Auch nicht bei Sia, die Mitte der Neunzigerjahre mit Acid Jazz begann und 2010 mit ihrem fünften Album “We are Born“ zum Pop-Superstar durchstartete. Als Präsident Trump im Juli seinen Transgender-Bann fürs US-Militär aussprach, übte sie mit anderen Popgrößen Solidarität unter dem Slogan: “Transgender Rights Are Human Rights“. Im Weihnachtslied “Ho Ho Ho“ versammelt Sia jetzt “all the misfits“, all die Außenseiter, zu einer Weihnacht am Gesellschaftsrand mit Rum und Bourbon. Und in “Sunshine“ verspricht sie allen Menschen Sia-Magie in unruhigen Zeiten: “Ich bin Santas Helfer, gib mir all deine Ängste, ich nehm‘ sie mit nach Hause und mache Sonnenschein daraus.“

Ob Sia ihren Lieben am Mittwoch Sonnenschein in den Nikolausstiefel steckt, das weiß der liebe Whatever Dude auf dem Surfbrett. Die Künstlerin verrät selten Privates. Immerhin verschenkte sie neulich etwas Besonderes an ihre Fans – ein Nacktfoto mit ihrer Kehrseite.

Ein Fotograf hatte versucht, es meistbietend zu versteigern. “Spart euer Geld, hier ist es umsonst“, twitterte Sia am 6. November. Da waren es 48 Tage vor Weihnachten, weshalb sie den lustigen Tweet mit einem kleinen Werbewink auf ihr Album abschloss: Bei Weihnachtsgeschenken komme es gar nicht so aufs Datum an, denn “Every Day is Christmas.“

Von Matthias Halbig

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