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Der lange Sommer der Gastronomie

Die Deutschen sind Draußensitzer geworden Der lange Sommer der Gastronomie

Die Deutschen haben die Lässigkeit entdeckt: Noch nie haben wir so viel draußen gegessen und getrunken wie heute. Warum eigentlich? Wieso verwandeln wir ganze Stadtviertel in Außengastronomie-Zonen? Und wer muss leider drinnen bleiben? Eine Betrachtung.

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Strandbar an der Spree in Berlin: Nie zuvor haben wir so viel draußen gesessen, getrunken und gegessen wie jetzt.

Quelle: Jens Kalaene/dpa

Parkplätze, wer braucht schon Parkplätze? Dann doch lieber auf den selben Platz ein paar Tische stellen, Stühle ran, fertig ist der Sehnsuchtsort.

Als sich die Wirte der Susannenstraße im Hamburger Schanzenviertel daran machten, die Grenzen ihres Geschäfts auszudehnen, hatten sie, so besehen, eine nahe liegende Idee. Gemeinsam mit dem Bezirk pflasterten sie die Parkbuchten vor ihren Cafés auf und markierten ihren Geländegewinn mit Speisekarten und Latte-Macchiato-Gläsern.

Start im Februar

Okay, seitdem müssen die Menschen aus dem Viertel abends beim Nachhausekommen eben ein paar Extrarunden drehen, ist halt nicht mehr so einfach mit den Parkplätzen. Aber für die Wirte läuft’s super. "Nur draußen zählt", sagt einer.

Wir sind ein Volk von Draußensitzern geworden. Los geht’s im Februar, wenn die Sonne gerade den letzten Schnee von den Bordsteinen schmilzt und wir mit dem ersten Espresso im Freien die Saison eröffnen. Und es endet im November, wenn wir unter dem fahlen Glimmen eines Heizstrahlers das letzte Bier ordern.

Dazwischen ist jeder Cappuccino in geschlossenen Räumen eine Niederlage. An jedem Tag ohne strömenden Regen sehen die Cafés aus, als sei ihr Inneres nach Außen gestülpt: gähnende Leere drinnen, volle Tische draußen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben mit einem Platz vor der Theke.

Gut für den Wirt

Es sieht also so aus, als gäbe es doch noch einen Gewinner des Klimawandels. Es ist ja jedenfalls kein Wunder, dass diese beiden Meldungen zusammentrafen. Erstens: Der Juni war der bisher wärmste Monat aller Zeiten. Zweitens: Der Juni war der beste Monat für die Gastronomie, na ja, nicht aller Zeiten, aber doch seit 20 Jahren. 7,6 Prozent mehr Umsatz. Und immerhin noch 4,3 Prozent Plus, wenn man das erste Halbjahr betrachtet.

Ein jubelnder Wirt, das war bisher ein so unwahrscheinliches Phänomen wie ein Muezzin auf dem Kölner Dom. Aber dieser Sommer macht es möglich – dieser Sommer und unsere Lust, ihn auf den Trottoirs und auf den früheren Parkplätzen der Cafés zu feiern.

Wir haben das ja auch erst lernen müssen. Gar nicht so lange her, dass in Deutschland noch ein paar bürgerliche Grundsätze des 19. Jahrhunderts nachwirkten. Im Freien – vor aller Augen – Nahrung zu sich nehmen? Aber nicht doch. Sich auf der Straße mit Freunden zum Tee versammeln, zwischen Fuhrwerken, Hundedreck und dem Gesindel? Ich bitte Sie. Wie bitte, Sie wagen es, draußen Kaffee trinken zu wollen? Draußen nur Kännchen, dass das mal klar ist. So war das in Deutschland.

Manchmal wird es übertrieben

Aus Hannover ist die schöne Anekdote von einer Bürgerversammlung zu Beginn der Siebzigerjahre überliefert, in der es um die Gestaltung einer neuen Fußgängerzone ging, der Lister Meile. Der Stadtplaner zeigte ein paar Urlaubsfotos aus Italien und Südfrankreich. Sonne, schöne Plätze, Menschen in Cafés. Könnte man hier auch so machen, fand er. Da stand ein alter Herr auf, der all das gar nicht reizvoll fand. "Der Hannoveraner sitzt nicht auf der Straße", klärte er den Stadtplaner auf. "Merken Sie sich das."

Er hätte natürlich auch "der Berliner", "der Leipziger" oder "der Kieler" sagen können. Da wurde ungefähr zur selben Zeit ein Parkhaus an die Kieler Förde gebaut, fast direkt ans Wasser. Für so eine Idee würden Stadtplaner heute vermutlich gesteinigt. Die Kunst, den Betrachtern und Genießern in den Städten die schönsten Plätze zu reservieren; sie über den Rand ihrer Kaffeetasse in Ruhe die Welt anschauen zu lassen: Alles das lag in Deutschland lange brach.

Dafür scheint es heute so, als würden wir es gelegentlich doch etwas übertreiben. Kaum eine Bäckereifiliale ohne zumindest die weißen Monobloc-Plastikstühle draußen vor der Tür – als könnte frische Luft den Vollautomatenkaffee aus Pappbechern mit Mundstück irgendwie erträglicher machen.

Kampf um jeden Quadratmeter

In jeder Stadt gibt es Straßenzüge, die wie ein großer Feldversuch wirken: Kann es klappen, einen Platz, ein ganzes Viertel in eine einzige große Außengastronomie zu verwandeln? Auf dem Hackeschen Markt in Berlin oder im Schanzenviertel von Hamburg sitzen die Menschen so dichtgedrängt wie am Strand von El Arenal.

Um jeden Quadratmeter wird gerungen, jede Fläche wird mit Tischen und Stühlen versiegelt. Als die Wirte in der Hamburger Susannenstraße ihre Tische auf die früheren Parkplätze gestellt hatten, ging das Ringen um den Raum weiter. Ein zwei Meter breiter Weg müsse für die Fußgänger schon bleiben, fand der Bezirk. Die Wirte protestierten, 1,50 Meter müsse ausreichen. 1,50 Meter: Da kommen ein Kinderwagen und ein Rollstuhl mit Glück gerade so aneinander vorbei.

Nie zuvor haben wir so viel draußen gesessen, getrunken und gegessen wie jetzt, und das ist natürlich vor allem: sehr erfreulich. Bertrand Russell wäre zufrieden mit uns. "Ich glaube nämlich, dass in der Welt viel zu viel gearbeitet wird", schrieb der englische Philosoph 1935 in seinem "Lob des Müßiggangs", "dass die Überzeugung, Arbeiten an sich sei schon vortrefflich und eine Tugend, ungeheuren Schaden anrichtet, und dass es nottäte, den modernen Industriestaaten etwas ganz anderes zu predigen".

Man muss es sich leisten können

Da sind wir doch schon mal einen Schritt weiter. Denn was wäre ein Vormittag im Lieblingsstraßencafé mit Zeitung und Frühstück und einem gelegentlichen Blick auf die Welt oder ein lauer Abend mit Freunden vor der Lieblingspizzeria anderes als eine große Demonstration des Müßiggangs?

Nur steckt in dieser Lust am Draußensein auch ein großer Widerspruch. Denn was so sehr nach genussvollem Nichtstun aussieht, setzt in Wirklichkeit großen Fleiß voraus. Man muss es sich leisten können, draußen zu sitzen. Alles das kostet. Die Wirte, die für einen Sommer mit vier Tischen vor ihrer Tür gern mal 1000 Euro zahlen dürfen. Und uns, die Gäste, die sich ihren Platz im Freien erkaufen müssen. Einfach noch ein wenig sitzen bleiben, wenn Glas oder Tasse längst leer sind? Nicht so gern gesehen. Wer draußen sitzt, soll konsumieren.

Es ist jedenfalls ein auffälliger Gegensatz, dass es auf der einen Seite so viele Plätze im Freien gibt wie vielleicht nie zuvor, Plätze vor Restaurants, Cafés – und dass zur gleichen Zeit die kostenlosen öffentlichen Plätze aus den Innenstädten verschwinden.

Die Leichtigkeit des Draußenseins

Bänke vor dem Bahnhof? Werden abgebaut. In der Fußgängerzone? Sind nicht mehr erwünscht. Könnten ja die falschen Leute anziehen. Wenn schon Bänke, das ist der neue Trick der Stadtplaner, dann ohne Lehne. Damit sie nur nicht zu gemütlich sind. Wir feiern die Leichtigkeit des Draußenseins, das Südländische, die Lässigkeit. Aber zugleich ist doch sehr streng geregelt, wer dabei sein darf. Das ist schon eher weniger lässig.

Sind übrigens sehr schöne Plätze geworden in der Susannenstraße. Die Häuser stehen eng hier, aber die Straße verläuft nach Westen, so dass die Sonne noch lange wärmt und man ausgiebig hier sitzen kann, bis spät in den Abend. Wäre schade, wenn hier Parkplätze wären, wirklich sehr schade.

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