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Der teuerste Tag des Lebens

Boom der Hochzeitsbranche Der teuerste Tag des Lebens

Heiraten ist wieder hip. Erstmals seit Jahren geben sich wieder mehr Paare das Jawort – und jetzt kommt noch die Ehe für alle. Die Ansprüche an die Feier werden jedoch immer größer. Oft geben Paare inzwischen Zehntausende Euro für die Feier aus – und die Branche der professionellen Hochzeitsplaner boomt.

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Je perfekter die Feier, desto glücklicher die Ehe? Die Hochzeitsbranche setzt Milliarden um – mit dem Versprechen auf Einzigartigkeit.

Quelle: Mitchell-Orr Unsplash

Hannover. Geht es, so ganz theoretisch, eigentlich auch noch einfach? Nur in Anzug und Kleid, mit einer Feier in einem ganz normalen Gasthaus? Kann man noch so tun, als ginge es an diesem Tag nur um Liebe, Freunde und ein großes Versprechen, und nicht vornehmlich um eine große, kostspielige Inszenierung? Ist das noch möglich?

Wer einschlägigen Magazinen, Internetforen und der boomenden Branche der Hochzeitsplaner glaubt, der kommt zu dem Schluss: Nein, ist es nicht. In dieser Welt geht es um Glanz und Perfektion, um Kleider und Stuhlhussen, um Wabenbälle und Pompoms, seidenpapierne Kugeln, ohne die scheinbar niemand Ja sagen kann. Optik ist alles. Hochzeitsvorbereitungen gleichen heute mehrmonatigen Kreativworkshops. Und wer keine Zeit oder Fantasie hat, kauft sich eben Hilfe vom Weddingplanner – teuer wird es so oder so.

Fünfstellige Summen auch ohne Extravaganzen

Christin und Matthias aus München gehören in diesem Sinne zu den neuen Hochzeitsmusterpaaren. Für ihren großen Tag im Frühsommer vor drei Jahren haben sie alles selbst geplant und organisiert, inklusive privater Basteleinheiten. Die Kunstlehrerin hatte genaue Vorstellungen von Blumenschmuck und Farbzusammenstellung. “Selbstverständlich“ habe sie auch Pompoms für die Tischdeko gefertigt, sagt sie. Grün und Magenta sollte alles sein. Auch Save-the-Date-, Einladungs- und Danksagungskarten für die rund 70 Gäste zur kirchlichen Trauung hat sie selbst entworfen. “Es gibt ja im Netz zahlreiche Bastelanleitungen und Ideen“, schwärmt sie.

Für Bewirtung, Blumen, Ringe, Musik, Kleid und Anzug war teurer Profirat aus ihrer Sicht allerdings unvermeidlich. Selbst wenn man sich kaum Extravaganzen leiste, sagt sie, lande man doch schnell im fünfstelligen Bereich. So feierten Christin und ihr Mann in einem Hotelrestaurant in Dresden, mit Grillfest am Vorabend, Stadtrundfahrt für die knapp 70 Gäste, Zelt für den Sektempfang, Fotobox für Schnappschüsse, mediterranem Büfett, Petits Fours und Currywurst um Mitternacht. Ein unvergessliches Erlebnis – für insgesamt rund 20 000 Euro.

Die Summe hatten Christin und Matthias im Vorfeld für sich festgelegt. Mehr wollten sie auf keinen Fall bezahlen: “Ursprünglich wollten wir in den Alpen feiern, doch das wäre noch teurer geworden“, sagt Christin. Weil sie in Dresden studiert hat, fiel die Wahl für die kirchliche Trauung schließlich auf die Stadt an der Elbe. Die Gäste schenkten Geld. “So sind wir bei den Kosten für die Feier auf plus/minus null gekommen.“

Christin und Matthias zelebrierten ihre Hochzeit in Dresden

Christin und Matthias zelebrierten ihre Hochzeit in Dresden.

Quelle: www.funk-fotografiert.de

Die beiden Münchner sind nicht die Einzigen, die neuerdings in diesen Dimensionen planen. Verlässliche Zahlen sind in diesem Bereich Mangelware. Hochzeitsportale im Internet veranschlagen allerdings schon für eine durchschnittliche Feier zwischen 5000 und 10 000 Euro. Dem Bund deutscher Hochzeitsplaner zufolge liegt das Budget bei vielen Vermählungen allerdings schon bei 15 000 Euro und mehr. Der schönste Tag im Leben ist heute nicht selten auch der teuerste.

Heiraten ist ein gewaltiger Markt – und ein wachsender. Mehr als 400 000 Paare haben sich 2015 in Deutschland das Jawort gegeben. Das Statistische Bundesamt verzeichnete damit erstmals seit 15 Jahren wieder einen Anstieg der Eheschließungen, um 3,5 Prozent. Jetzt, da die Ehe für alle gilt, dürften es wohl noch mehr werden.

Nur die Kirchen profitieren davon bislang nicht – aber auch ohne kirchlichen Segen wird heute gern groß gefeiert. Eine nur standesamtliche Trauung ist längst kein Hinderungsgrund mehr für eine weiße Hochzeit. Zumal die Kommunen immer mehr Wert auf stilvolle Zeremonien legen und dafür auch mal das schnöde Amtszimmer gegen einen Leuchtturm oder ein Schloss tauschen. Und wer braucht schon Glockengeläut und Orgelmusik, wenn nach dem Ringtausch ein Pianist mit mobilem Flügel Whitney Houstons “I Will Always Love You“ spielt? Oder wenn der Pyrotechniker bereitsteht, um brennende Herzen zum Lodern zu bringen?

Das Versprechen der Einzigartigkeit

Dass die Vermählung nicht einfach nur als bürokratischer Akt oder gottgegebenes Versprechen in die Familienchronik eingeht, sondern als ein höchstens noch von der Geburt der gemeinsamen Kinder zu übertreffendes Event, dafür sorgt die brummende Hochzeitsindustrie. Branchenanalysen zufolge macht sie jährlich allein in Deutschland 2 Milliarden Euro Umsatz. Das einmütige Versprechen der Händler, ein “individuelles und einzigartiges“ Erlebnis zu garantieren, zieht.

Dabei kann es mit der Einzigartigkeit nicht weit her sein, wenn man bedenkt, wie viel allein in sozialen Netzwerken recherchiert und geteilt wird, um vermeintlich ausgefallen zu feiern. Die auf Flechtfrisuren spezialisierten Friseure, der Clou für die Candy-Bar, die unter dem Beifall der gerührten Gästeschar gen Himmel losgelassenen Herzluftballons: Am Ende ist doch vieles ähnlich. Der größte Unterschied zur Hochzeit der Trauzeugen im Vorjahr besteht dann darin, dass es bei der eigenen keinen “Naked Cake“ gibt (der keine Glasur bekommt), sondern einen “Drip Cake“ (bei dem die Glasur außen hinunterläuft.

Anna Brinkmann widerspricht: “Natürlich sind die Abläufe immer gleich: Trauung, Dinner, Tanz. Aber die Location, die Musik, die Dekoration, Essen und Trinken sind ja nie willkürlich ausgewählt worden, sondern stehen immer in Verbindung mit dem jeweiligen Paar und seiner Geschichte. Das macht jede Feier einzigartig.“ Die Hamburgerin, die auch Mitbegründerin der Hochzeitsmesse Love in der Elbmetropole ist, hat sich 2009 als Hochzeitsplanerin selbstständig gemacht. Zu einer Zeit, als der Markt dafür hierzulande noch überschaubar war und man den Job allenfalls aus Hollywoodfilmen kannte. Mittlerweile ist jedoch die Nachfrage gestiegen – und mit ihr auch das Angebot. Wedding-Planner gibt es inzwischen in jeder größeren Stadt.

Die Hoffnung auf Einzigartigkeit und ewiges Glück

Die Hoffnung auf Einzigartigkeit und ewiges Glück: Die Hochzeitsbranche macht inzwischen allein in Deutschland 2 Milliarden Euro Umsatz.

Quelle: Jeremy Wong / Unsplash

Die Organisation von Traumhochzeiten ist eine lukrative Angelegenheit – aber auch ein heikles Geschäft: “Alles was mit dem Heiraten zusammenhängt, ist ja eine hochemotionale Angelegenheit, da braucht man nicht nur ein gutes Netzwerk, sondern vor allem Fingerspitzengefühl und einen kühlen Kopf“, betont Hochzeitsplanerin Brinkmann, die sich auf exklusive Feiern an exklusivsten Orten spezialisiert hat – an der Elbe, auf Sylt und Mallorca.

Zu ihr kommen Paare, die entweder keine Zeit haben, sich mit der Suche nach Räumlichkeiten zu beschäftigen – oder die von ihren eigenen Ansprüchen an die Hochzeit schlichtweg überfordert sind. Brinkmann beobachtet seit rund fünf Jahren einen “Trend zu immer exklusiveren Hochzeiten“. Dabei laute die Devise “klein, aber fein“. Die Gästelisten schrumpfen immer häufiger auf unter hundert Freunde und Verwandte, doch für die soll es dann bitte umso edler sein: “Feiern, die ich ausrichte, beginnen bei 30 000 Euro. Nach oben gibt es keine Grenze“, sagt Brinkmann.

Die Hamburgerin plant nicht mehr als 20 Hochzeiten im Jahr. Wegen des großen Aufwands, wie sie betont – und weil jede Feier ein einträgliches Ereignis ist. Als Zeremonienmeister, die die Feierlichkeiten bis zum Schluss betreuen, kassieren Hochzeitsplaner im Schnitt zwischen 10 und 15 Prozent der Gesamtkosten. Blind mit dem Geld um sich werfen würden ihre Kunden aber nicht, betont Brinkmann. Die meisten setzten sich ein Limit, das sie nicht überschreiten wollten. Ihre Aufgabe sei es dann, die Wünsche der Paare darauf abzustimmen und im Zweifel an einigen Posten zu sparen.

Promi-Hochzeiten als Vorbild

Sparen? Streichen? Dass diese Begriffe zu Sarah Haywoods aktivem Wortschatz gehören, darf bezweifelt werden. Die britische Wedding-Planner-Ikone und Expertin für Milliardärs-Hochzeiten richtet Feiern für mehrere Millonen Pfund aus. Beim Feiern bleibt man unter sich.

Doch nicht selten wird spätestens am nächsten Tag die ganze Welt Zeuge: Youtube, Instagram oder die Online-Ausgabe von “Gala“ überfluten die Netzgemeinde mit Bildern pompöser Hochzeiten, die dann jede Menge Nachahmer finden. Reality-Fernsehen und Modemagazine tragen ein Übriges dazu bei, dass sich die Überzeugung breitmacht, ein Ringtausch voller Höhepunkte bewahre auch künftig vor dem Absturz von Wolke sieben, frei nach dem Motto: Je höher die Kosten, desto wundervoller die Feier und desto glücklicher die Ehe.

Würde das stimmen, dann hingen über der Hochzeit von Yvonne und Matias jetzt dunkle Wolken. Das junge Paar aus dem hessischen Bad Homburg wollte eine Hochzeitsrednerin für seine Trauung engagieren. Doch die Frau, die mit weltlichen Worten den kirchlichen Segen ersetzen sollte, verlangte für einen Auftritt von etwa 20 Minuten stolze 2000 Euro. “Als wir sagten, das sei uns zu teuer, meinte sie, das müsse uns doch der schönste Tag im Leben Wert sein und wir sollten stattdessen an der Deko sparen“, erinnert sich Yvonne.

Yvonne und Matias wollten auf die “Hochzeitsmaschinerie“ verzichten

Yvonne und Matias wollten auf die “Hochzeitsmaschinerie“ verzichten.

Quelle: www.funk-fotografiert.de

Für sie und ihren Mann war danach endgültig klar, dass sie sich von der ganzen “Hochzeitsmaschinerie“, wie sie es nennen, nicht vereinnahmen lassen wollten. “Ganz bewusst“ verzichteten sie auf den Besuch von Hochzeitsmessen. Die Eindrücke, die sie auf den Partys anderer frisch Vermählter gewonnen hatten, reichten ihnen, um ihr eigenes Fest zu planen.

Nach der standesamtlichen Trauung im vergangenen Herbst, bei der nur Familie eingeladen war, wird es im August in Bad Homburg eine Feier mit rund 80 Gästen geben. Im Secondhand-Brautkleid, mit Wiesenblumen in Altglasvasen auf den Tischen, selbst gebastelten Origami-Kunstwerken als Deko, Sektempfang auf einer Pferdekoppel, Tanz im Gutsgasthof und einem aus Freiburg anreisenden und trotzdem erschwinglichen Trauredner. Doch auch die Verweigerer des Hochzeitspomps landeten am Ende bei Gesamtkosten von immerhin 13 000 Euro.

Wer selbst zahlt, führt auch selbst Regie

Wie auch Christin und ihr Mann zahlen Yvonne und Matias die Hochzeit aus eigener Tasche. Noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein, war es üblich, dass die Brauteltern die Kosten für Festivität und Ausstattung übernahmen. Was auf den ersten Blick nobel wirkt, hatte jedoch auch einen Haken: Die Alten bestimmten, wie groß und auf welche Weise die Jungen feiern durften.

Die eigene Finanzierung bedeutet auch, allein Regie zu führen. Eltern und Schwiegereltern bleibt allenfalls ein Veto. “Mein Schwiegervater ist Iraner und hätte sich gewünscht, dass wir mit einem riesigen Freundes- und Verwandtenkreis in einer Mehrzweckhalle heiraten, mit traditionellen Speisen und Ritualen. Aber das passt nun mal nicht zu uns“, berichtet Yvonne.

Für sie sei es allerdings auch von entscheidender Bedeutung für ein gelungenes Fest, dass sich die Gäste, insbesondere die Eltern, wohlfühlen. Mit der Feier, wie sie sie jetzt geplant hätten, sei sie zuversichtlich, einen “schönen Kompromiss“ gefunden zu haben. Es soll ungezwungen, herzlich und sehr persönlich zugehen. Mit dem Aneinanderreiben von Zuckerhüten über dem Brautpaar, das die “Süße des Lebens“ garantieren soll, wird es sogar einen persischen Brauch geben.

Nicht beeinflusst von Trends aus dem Netz

Nicht beeinflusst von Trends aus dem Netz: Daniela und Marcel haben im Winter in Wernigerode geheiratet.

Quelle: www.funk-fotografiert.de

Für wen richtet man eine Feier aus? Für die Hochzeitsindustrie, die immer neue, immer teurere Standards setzt? Für die Gäste, deren Vorlieben einander oftmals widersprechen? Oder vielleicht doch, im Idealfall, für einen selbst? “Man muss sich davon lösen, es allen recht machen zu wollen“, sagt Daniela aus Wernigerode im Harz. Die 32-Jährige und ihr Mann Marcel haben bei ihrer standesamtlichen Trauung im historischen Rathaus und anschließendem Essen in einem Restaurant etwas außerhalb “schon geschaut, dass die Gäste sich wohlfühlen“. Aber am Ende haben sie sich weder von Freunden und Verwandtschaft noch von Trends und Tipps aus dem Netz beeinflussen lassen.

Nicht mal das Wetter, von dem für viele andere Jasager fast das ganze Glück abhängt, hat eine große Rolle gespielt: Das Paar hat sich im Winter trauen lassen – Danielas “Lieblingsjahreszeit“. Die Erwartungen an blauen Himmel und Sonnenschein waren von vornherein nicht besonders hoch. Dass dann Schnee lag und es wider Erwarten ein wirklicher Traum in Weiß wurde, war eine besondere Überraschung. Rund 2800 Euro hat das Paar ausgegeben, das Kleid für unter tausend Euro und den etwas teureren Maßanzug nicht inbegriffen.

Extravaganzen? Daniela überlegt: “Vielleicht die Schokolinsen mit unseren Gesichtern drauf, die wir an unsere 22 Gäste verteilt haben.“ Ansonsten: Menü mit Hochzeitssuppe und zweistöckiger Schokotorte im Restaurant sowie ein Pianist, der unter anderem das Thema aus “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielte. Braucht es mehr für eine Märchenhochzeit? Daniela glaubt schon: “Nächstes oder übernächstes Jahr wollen wir kirchlich heiraten.“ Im Sommer, mit 80 Gästen, Fahrt im Oldtimer – und dann höchstwahrscheinlich auch jeder Menge Pompoms.

Interview mit Superintendent Mirko Peisert

Mirko Peisert (44) ist seit November 2016 Superintendent im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt

Mirko Peisert (44) ist seit November 2016 Superintendent im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt. Zuvor war er 14 Jahre lang Gemeindepastor in Einbeck und Steinwedel bei Hannover.

Quelle: privat

„Die meisten heiraten nicht um der Show willen“

Herr Peisert, vor einer kirchlichen Hochzeit gibt es stets ein Traugespräch. Der Pastor oder Pfarrer soll die Brautleute mit dem Ablauf der Trauung vertraut machen. Wie gehen Sie damit um, dass immer mehr Paare ganz konkrete Vorstellungen und Wünsche im Zusammenhang mit der Zeremonie haben?

Beim Traugespräch steht das persönliche Kennenlernen im Vordergrund. Natürlich gehört dabei auch dazu, dass man über die Vorstellungen und Wünsche des Brautpaars hinsichtlich der Trauung spricht. Dabei nehmen Äußerlichkeiten allerdings immer mehr Raum ein. Das kann manchmal recht ernüchternd für beide Seiten sein. Ich erinnere mich an einen Fall, da war die Braut zutiefst enttäuscht darüber, dass es in meiner Kirche keinen Mittelgang gab. Sie hatte sich ihren Einzug nun mal so ausgemalt, dass sie mittig auf den Altar zuschreitet. Da das nicht möglich war, hat das Paar in dieser Kirche schließlich auch nicht geheiratet.

Haben Sie umgekehrt selbst auch schon mal gesagt: “Da mache ich nicht mit“?

Es gibt in der Tat Grenzen für mich. Einmal wollte ein Paar, dass ihr Hund die Trauringe zum Altar bringt. Da habe ich deutlich gemacht, dass das nicht zu meinem liturgischen Verständnis passt. Noch überzeugender war dann aber wohl mein Argument, dass so ein Tier ja im Zweifel tatsächlich unberechenbar ist und letztlich die ganze Zeremonie durcheinanderbringen kann.

Apropos durcheinanderbringen – wie halten Sie es mit dem Fotografieren während der Trauung?

Ich lasse keine Fotos mehr von der Zeremonie zu. Jeder hat heutzutage ein Handy. Und selbst wenn ein professioneller Fotograf damit beauftragt wird, alles im Bild festzuhalten, fangen die Gäste dennoch an, selbst zu knipsen. Das bringt nur Unruhe und macht die feierliche Stimmung kaputt.

Wie kommt denn Ihre Argumentation bei den Brautleuten an?

Erstaunlich gut. Die meisten sehen das ein.

Wie halten Sie es mit musikalischen Wünschen?

Da bin ich sehr offen. Die meisten Paare haben allerdings ein gutes Gespür dafür, welche Stücke angemessen sind. Mir ist nur wichtig, dass es auch immer Lieder gibt, bei denen die ganze Gemeinde mitsingt.

Sie haben anfangs gesagt, dass immer mehr Wert auf Äußerlichkeiten gelegt wird. Schlägt sich das auch in der Dekoration nieder?

Allerdings. Und zwar nicht nur, was Blumen angeht. Einem Paar etwa gefiel die Bestuhlung nicht, da hat es kurzerhand mehr als hundert neue Stühle besorgt und der Kirche gespendet. Ein anderes hat in einer Kirche den schon recht abgetretenen Teppich vor dem Altar gegen einen neuen ausgetauscht. Auch das war eine Spende. So was freut einen Pastor natürlich.

Kollegen beklagen, sie fühlten sich immer öfter als Teil einer Show. Geht Ihnen das zuweilen ähnlich?

Als Teil einer Show fühle ich mich schon deshalb nicht, weil nach meiner Erfahrung die große Mehrzahl der Paare ganz bewusst kirchlich heiraten will und in irgendeiner Form eine innere Verbindung zum Glauben hat.

Dennoch gilt die kirchliche Trauung als Höhepunkt einer Traumhochzeit mit viel Pomp, wie sie Bilder aus der Regenbogenpresse oder auch Hollywoodfilmen vermitteln.

Das stimmt. Ich habe das insbesondere gemerkt, als wir als Kirche in diesem Jahr einen Informationsstand auf einer Hochzeitsmesse in Hildesheim hatten. Da kamen Menschen, die sagten, sie würden gern kirchlich heiraten, hätten aber nicht das Budget dafür. Das hat mich sehr bestürzt. Wir müssen da mehr Aufklärungsarbeit leisten, denn offenbar ist nicht allen bewusst, dass es in der Kirche auch ohne weißes Kleid, Kutsche und Tauben geht, sondern dass man auch ganz schlicht, in normaler Kleidung und ohne Gäste heiraten kann – der Pastor kostet nichts.

Von Kerstin Hergt

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