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Top-Thema Es geht nicht um die Wurst
Sonntag Top-Thema Es geht nicht um die Wurst
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14:11 16.12.2017
Rund 60 Kilogramm Fleisch isst ein Deutscher im Schnitt pro Jahr. Fleisch gehört zur Kultur – und Fleischverzicht löst immer wieder heftige Debatten aus.  Quelle: Fotolia
Hannover

Sich ohne Fleisch zu ernähren, das ist heute etwas ganz Normales, sollte man meinen. Selbst für mit Fleisch in allen Variationen belegte Burger bekannte Fast-Food-Ketten wie McDonald’s und Burger King bieten mit Veggieburger TS und Country Burger bereits vegetarische Alternativen an. Sogenannte Patties, also die Buletten auf Burgern, aus Gemüse oder Getreide und Tofu-Currywurst sind eben längst nichts Exotisches mehr – zumindest nicht in einer Großstadt.

Doch nur eine Stunde Fahrt mit der Regionalbahn trennen mich von Freunden, die in Einfamilienhäusern mit adretten Vorgärten wohnen und sagen: “Ah, mein Rasen muss noch gemäht werden. Kannst ja den essen.“ Sie setzen fleischlose Ernährung damit gleich, genusslos Grünzeug in sich hineinzuschaufeln. Nach solchen Sprüchen lachen sie kehlig und erwarten, dass ich einstimme. Wenn ich die Miene nicht verziehe, entbrennt die immer gleiche Diskussion über die Art, wie ich mich ernähre.

Ich esse kein Fleisch. Das ist meine Entscheidung. Ich erwarte bei Einladungen auf eine Party auch nicht, dass ich eine – haha – Extrawurst bekomme. Nein, ich bin mit den Gemüsebeilagen vollends zufrieden oder bringe mir selbst etwas zu essen mit. Ich empfehle niemandem, er solle auch lieber Bulgur- statt Rinderhack-Patties auf seinen Burger legen. Könnte mein Gegenüber dann bitte auch endlich damit aufhören, mir ungefragt zu erzählen, was er oder sie von meiner Ernährung hält? Es nervt.

Alkoholfreies Bier müsste Hopfenbrause heißen

In Deutschland gibt es nach Schätzungen des Vegetarierbundes (Vebu) rund 8 Millionen Vegetarier. Das sind immerhin etwa zehn Prozent der Bevölkerung. 1,3 Millionen Menschen ernähren sich zudem laut Vebu vegan, sie verzichten also ganz auf tierische Produkte. Darum ist es kein Wunder, dass in Supermärkten, egal ob im Zentrum einer Metropole oder auf dem Dorf, mittlerweile ganze Regale mit Fleischersatzprodukten bestückt sind. Im Lebensmittelmarkt gibt es heute vegetarische Wurst, Frikadellen oder Schnitzel.

Statt sich über die Vielfalt des Angebots zu freuen, regen sich einige Menschen darüber auf. Da ist zum Beispiel der bisherige Bundesagrarminister Christian Schmidt: Er kritisiert die Bezeichnungen vegetarischer Fleischersatzprodukte wie etwa “Veggie-Wurst“ für Sojaprodukte, weil er diese als irreführend empfindet.

Was für ein Käse. Lebensmittel werden nun einmal – wie fast alles in der Welt – weiterentwickelt. Sicherlich braucht es eine klare Kennzeichnung wie “vegetarisch“. Altbekannte Begriffe wie “Wurst“ geben dem Konsumenten aber gleich eine ungefähre Vorstellung davon, was ihn geschmacklich erwartet. Nach Schmidts Argumentation müsste alkoholfreies Bier auch Hopfenbrause heißen – einer der wichtigsten Bestandteile, der Alkohol, fehlt nämlich. Und zur Wurst: Als ob es ein Naturgesetz wäre, dass einzig und allein ein Produkt aus totem Tier so bezeichnet werden darf.

Hinterfragen ist unbequem

Zwar bezieht sich der bereits vor vielen Jahrhunderten geprägte Begriff etymologisch auf eine “in Därme gefüllte, gewürzte Fleischspeise“. Der Duden zumindest lässt mittlerweile als Bedeutung auch die Alternative “etwas, was wie eine Wurst aussieht, die Form einer länglichen Rolle hat“ zu. Aber um den Schutz des Wortes Wurst geht es eigentlich auch gar nicht.

Menschen, die sich von Rapsölprodukten, die Mortadella heißen, angegriffen fühlen, haben ein ganz anderes Problem. Sie trauen sich nicht, den Blick über den Tellerrand zu wagen. Denn wer ernsthaft eine Debatte über alternative Ernährungsformen beginnt, lässt sich darauf ein, das eigene Handeln zu hinterfragen. Das ist unbequem. Antibiotika im Fleisch, sich wiederholende Tierschutzverstöße bei der Massentierhaltung, Lämmchen mit süßen Knopfaugen und Gülle, die das Trinkwasser verseuchen kann: So betrachtet, kann manches Schnitzel schwer im Magen liegen.

Rund 60 Kilogramm Fleisch isst ein Deutscher im Schnitt pro Jahr. Fleisch gehört hierzulande zweifelsohne zur Kultur. Wer das nicht glaubt, braucht nur einmal an einer urdeutschen Autobahnraststätte haltzumachen. Brötchen heißen hier, klischeehaft nach Truckern benannt, “Manni“ oder “Heinz“ und sind mit Frikadellen, Schnitzeln und Schinken belegt. Zu einem typisch deutschen Gericht gehören Gemüsebeilage, Kartoffeln und ein deftiges Stück Fleisch, übergossen mit brauner Bratensoße.

Erinnerungen an Großmutters Rouladen

Damit lässt sich auch die Antwort auf eine Frage begründen, die jedem Vegetarier oft gestellt wird: Wenn du kein Fleisch essen willst, warum dann einen Ersatz aus Soja? Und warum muss der aussehen wie eine Frikadelle? Ganz einfach – weil es Menschen gibt, die aus ethischen und ökologischen Gründen auf Fleisch verzichten, obwohl es ihnen schmeckt. Fleisch gehört auch zu ihrer Kultur. Sie sind damit aufgewachsen. Viele schöne – nicht nur geschmackliche – Erinnerungen sind mit Großmutters Rouladen am Sonntag, dem Weihnachtsbraten und den Nürnbergern am Grillabend mit Freunden verknüpft.

Nun landen stattdessen hin und wieder industriell verarbeitete Produkte aus Soja auf dem Teller, die wie Würstchen oder Frikadellen aussehen. Sie sind weder besonders gesund, noch schmecken sie genau wie das fleischige Original – darum geht es aber auch gar nicht. Fleischersatzprodukte sind ein Kompromiss zwischen Kulinarik und Kultur. Vielleicht auch nur für eine gewisse Übergangszeit.

Apropos Kompromisse: Egal, wie man sich ernährt, es gibt immer jemanden, der es auf den ersten Blick besser macht. Ich verzichte auf Fleisch, Gelatine, und mein Gürtel ist aus Kunstleder. Auf mein Frühstücksbrötchen lege ich aber trotzdem manchmal eine Scheibe Lachs. Das Label Pescetarier passt wohl am besten zu mir. Dafür habe ich manchmal schon abschätzige Blicke von Vegetariern oder Veganern abbekommen. Denn, klar: Auch Fische sind Lebewesen.

Essen ist kompliziert geworden

Wenn in der Kantine eine Kollegin neben mir zufrieden ein Wiener Schnitzel isst, habe ich kein Problem damit. Richtig lächerlich wird es aber dann, wenn jemand, der sich sonst nie Gedanken über seine Ernährung macht, mich darüber belehrt, wie inkonsequent ich sei. Denn das mit dem Fisch, also das geht ja mal gar nicht. Und meine Wimperntusche, die wurde doch sicherlich an Tieren getestet? Jede Angriffsfläche, die ich biete, wird in solchen Diskussionen – im Extremfall – als Fehler meinerseits interpretiert und genutzt, um nicht das eigene Essverhalten infrage stellen zu müssen. Dabei wünsche ich mir tolerante Gespräche ohne Schwarz-Weiß-Denken. Denn zwischen wahllos Essen in sich hineinzustopfen und auf jegliche Tierprodukte zu verzichten gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten.

Ich gebe ja zu: Die Sache mit dem Essen ist in den vergangenen Jahren ganz schön kompliziert und unübersichtlich geworden. Da erscheint es verführerisch, zu denken “Fleisch habe ich schon immer gegessen“ sei ein Argument, nur um dann noch ein grummeliges “Außerdem lasse ich mir nichts verbieten“ hinterherzuschieben. Darum geht es aber gar nicht. “Dass man sich damit beschäftigt, was man isst, ist eine positive Entwicklung“, sagt zum Beispiel die Autorin Anne-Katrin Weber. Ihr Kochbuch “Last Minute Vegetarisch“ wurde als bestes vegetarisches Kochbuch des Jahres 2017 ausgezeichnet. Die 47-Jährige selbst verzichtet allerdings gar nicht auf Fleisch. Sie isst überwiegend vegetarisch, aber auch gern mal Fisch oder einen Braten.

Wie Weber muss jeder für sich selbst herausfinden, welcher Ernährungsstil am besten passt. Mit meiner Ausnahme beim Lachs bin ich nicht allein. Eine Bekannte isst keine Säugetiere mehr: Fisch, Huhn und Pute aber schon. Ein anderer Bekannter verzichtet auf Fleisch – außer einmal im Jahr an Weihnachten, da gibt es Braten und Döner. Klingt merkwürdig? Das Verhalten ist nicht inkonsequent oder gar sinnlos. Sich mit seiner Ernährung und deren Folgen auseinanderzusetzen, ist immer gut, auch für die kommenden Generationen – genauso, wie bewusst zu konsumieren. Auf welche Weise und was, das sollte jeder für sich entscheiden können.

Von Sarah Franke

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