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Herzliche Grüße, Deine Handschrift

Schreiben im Tastaturzeitalter Herzliche Grüße, Deine Handschrift

Aus dem Alltag ist sie weitgehend verschwunden, in der Bildungspolitik bleibt sie ein Zankapfel: die Handschrift. Müssen wir im Tastaturzeitalter überhaupt noch zu Stift und Papier greifen? Und muss es unbedingt eine schöne, runde Schreibschrift sein? Ein Plädoyer für die Pflege einer vernachlässigten Kulturtechnik.

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Der teuerste Tag des Lebens

Kulturtechnik oder Relikt des Analogzeitalters: Brauchen wir in Zeiten von Touchscreen und Tastatur noch eine reglementierte Handschrift?

Quelle: Ute Andresen/RND

Hannover. Jetzt, in der Urlaubszeit, wird mancher eine alte Bekannte wiedergetroffen haben: die eigene Handschrift. Ungelenk kriecht sie über die Rückseite einer Ansichtskarte, fremd, fast ein wenig sonderbar. Nur ein paar Belanglosigkeiten über das Wetter, das Hotel, die Schönheit der Landschaft stehen auf der Karte. Eine Geste an die Daheimgebliebenen, mehr nicht – aber doch ein Schriftstück, in das wir mehr Handarbeit investieren als in die meisten anderen.

Die Handschrift ist uns abhandengekommen. Wer schreibt heute noch seitenlange Briefe? Wer legt heute noch seine intimsten Gedanken unter dem sanften Kratzen eines Füllfederhalters auf Tagebuchseiten nieder? Was wir heute zu schreiben haben, passt auf ein paar Haftnotizen: hastig hingeschmierte To-do-Listen, Termineinträge oder Konferenzstichwörter. Eigentlich bedarf es für derartige Alltagsnotizen nicht einmal mehr Stift und Papier. Wozu gibt es Smartphone, Produktivitäts-Apps und zwei Daumen, die gelernt haben, mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Displaytastatur zu huschen?

Die fortschreitende Digitalisierung des Schriftlichen scheint die Kritiker der angeblich nur unter Mühen zu erlernenden Schreibschrift zu bestätigen: Wozu noch Grundschüler mit etwas quälen, das allenfalls noch von kulturellem, aber nicht mehr von praktischem Wert ist? Immer mehr Kinder (und auch Erwachsene) schreiben völlig unleserlich, dennoch gibt es immer mehr Abiturienten und Hochschulabsolventen. Auch ohne gepflegte Handschrift.

Schreibschrift ist eine schnelle Schrift

Doch ausgerechnet in dieser Zeit, in der die Schreibschrift zu verschwinden droht, erwacht neue Lust an schön geschwungenen Buchstaben. “Handlettering“ heißt dieser an Anhängern reiche Trend, der sich in schnörkeligen Lettern auf Glückwunschkarten, Tischkärtchen und Kreidetafeln verewigt. Doch was wie Schreibschrift aussieht, ist zumeist minuziös gezeichnet. Mit wirklichem Schreiben, dem leichthändigen Tanz des Stiftes über das Papier, hat das kaum etwas zu tun.

Denn wesentlich für eine Schreibschrift ist ihr verbundener Charakter: So gut wie jeder ihrer Buchstaben ist so gestaltet, dass er sich fließend mit jedem anderen Buchstaben verbinden lässt. Nach geduldigem Training lassen sich Wörter, Sätze, ganze Texte schnell und formklar schreiben. Schreibschrift ist eine schnelle Schrift.

Vier Schriften werden derzeit an deutschen Grundschulen gelehrt, nur zwei davon – die aus den Fünfzigerjahren stammende Lateinische Ausgangsschrift und die 1968 in der DDR entwickelte Schulausgangsschrift – sind solche verbundenen, also “echten“ Schreibschriften. Die heute gebräuchlichste Schulschrift, die in den Siebzigern eingeführte Vereinfachte Ausgangsschrift, ist eine modulare Schrift, die aus dem Bestreben resultiert, die hohen feinmotorischen Anforderungen (Bögen, Schwünge, Richtungswechsel) zu verringern. Das allerdings geht – etwa durch beständiges Neuansetzen des Stiftes, sogenannte Luftsprünge – auf Kosten des Schreibflusses und erlaubt es kaum, in höherem Tempo leserlich zu schreiben.

Schreibschrift im Wandel (von oben)

Schreibschrift im Wandel (von oben): Während die Lateinische Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift verbundene, also “echte“ Schreibschriften sind, werden die Buchstabenverbindungen bei der Vereinfachten Ausgangsschrift lockerer und lösen sich bei der Grundschrift gänzlich auf.

Quelle: Ute Andresen

Die jüngste, ebenfalls modulare Schulschrift, die seit 2011 an einzelnen Schulen praktizierte Grundschrift, vollzieht den Schritt zur Druckschrift noch konsequenter. Sie will die Schüler nicht in eine Standardschrift zwingen, sondern bei den spielerischen Schreibversuchen der Vorschulzeit ansetzen, jedes Kind gewissermaßen dort abholen, wo es gerade steht: “Schrift ist Vorschulkindern heute nichts Fremdes mehr“, meint Mitentwickler Horst Bartnitzky in einem Thesenpapier zur Grundschrift. “Zumindest ihren Namen können die meisten Kinder schreiben, viele schreiben auch schon mehr. Und sie verwenden dabei die Buchstabenformen, die sie überall in ihrer Lebenswelt entdecken: die Buchstabenformen der lateinischen Druckschrift.“

Ebenso frei, wie die Schüler aus ihrer kindlichen Druckschrift das Alphabet entwickeln sollen, sollen sie sich später die Buchstabenverbindungen erschließen. Verpflichtendes Lernziel ist ein verbundenes Schriftbild indes nicht, sondern nur, wie von der Kultusministerkonferenz gefordert, eine leserliche und flüssig geschriebene Handschrift am Ende der Grundschulzeit.

Das Zutrauen, dass sich dieses Ziel mit einem derart offenen Konzept erreichen lässt, ist offenbar nicht allzu groß: An etlichen Schulen, die mit der Grundschrift arbeiten, mehren sich Elternproteste, Bayern und Baden-Württemberg sind ganz aus dem Experiment ausgestiegen, Schleswig-Holstein will nun nachziehen.

Vorbild DDR-Schreibunterricht?

Auch Ute Andresen, Schreiblehrerin und Vorsitzende der Allianz für die Handschrift, hält nicht viel von der Grundschrift: “Das Konzept unterstellt, dass Schüler sich das Schreiben selbst beibringen könnten. Ein Irrglaube. Sie brauchen Anleitung, und falsche Bewegungsmuster müssen sofort und konsequent korrigiert werden, damit sie sich nicht festsetzen“, mahnt Andresen. Denn die spätere Rettung einer entgleisten Handschrift sei oftmals noch mühsamer als das Schreibenlernen selbst.

Als gute Orientierungshilfe sieht Andresen den Schreibunterricht in der DDR: “Die Lehrkräfte waren für das Unterrichten der Schrift planmäßig ausgebildet und selbst imstande, vorbildlich zu schreiben.“ Der ostdeutschen Schulausgangsschrift, die druckschriftähnliche Groß- mit Kleinbuchstaben kombiniert, die jenen der Lateinischen Ausgangsschrift ähneln, bescheinigt Andresen beste Eignung für den Schreibunterricht: “Sie ist für fließendes Verbinden konzipiert und auf die Grundlinie orientiert. Das ergibt ein klares Schriftbild auch bei hohem Schreibtempo.“ Zudem würden Wörter durch die verbundene Schreibweise leichter als Sinneinheiten verstanden, was dem Sprachverständnis und der Rechtschreibsicherheit zugutekäme.

Schritthalten mit den Gedanken

Gestützt werden Andresens Thesen durch eine 2012 veröffentlichte Studie aus Kanada, die einen Zusammenhang zwischen der Schreibfertigkeit und der korrekten Rechtschreibung sowie der inhaltlichen Textqualität nahelegt. Ein Hinweis womöglich, dass unsere Handschrift nicht nur äußere Erscheinungsform unseres Denkens, sondern vielmehr ein wichtiges Element im Erkenntnisprozess ist.

Für die Bestsellerautorin Cornelia Funke etwa, für die nur eine flüssige Schreibschrift “Gedanken fliegen lässt“, ist die schreibende Hand weit mehr als nur die Sekretärin des Gehirns. Auch Martin Luther, der der bedachtsamen Kalligrafie in Schreibstuben und Lateinschulen seine kraftvoll vorwärtsstrebende Kursivschrift entgegensetzte, wird sicher auch deshalb weitgehend verbunden geschrieben haben, um mit der Rasanz seiner Gedanken Schritt halten zu können.

Bis ins 15. Jahrhundert reicht unsere Schreibschrift zurück. Große Geister haben große Gedanken mit ihr verewigt. Und wir? Könnten eingedenk dieser glanzvollen Tradition in das Schreiben der nächsten Postkarte ruhig etwas mehr Hingabe investieren. Dann kommen mit der leserlichen Handschrift womöglich auch ein paar unerwartet kluge Gedanken.

Von Daniel Behrendt

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