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Ich geh’ nicht mehr ins Büro

Homeoffice: Traum oder Albtraum? Ich geh’ nicht mehr ins Büro

Langsam setzt sich auch bei uns das Homeoffice durch. Das Modell verspricht eine optimale Work-Life-Balance, erfordert aber auch klare Grenzen zwischen Job und Privatleben. Weil das nur selten funktioniert, rudern Heimarbeit-Pioniere wie Microsoft wieder zurück. Ihre Mitarbeiter arbeiten wieder wie früher – im Büro.

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Arbeiten im Homeoffice wird nicht nur in Kreativberufen immer beliebter – erfordert aber Selbstorganisation und klare Grenzen.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Was kann es Schöneres geben, als von zu Hause aus zu arbeiten? Kein nerviger Chef, der einem bei jedem Schritt über die Schulter zu schauen droht, keine sozial schwierigen Kollegen, die ihre Wochenenderlebnisse ausführlich im Großraumbüro referieren wollen. Der Arbeitsweg beschränkt sich auf ein paar Schritte vom Bett an den Schreibtisch. Eine Hose ist optional. Das Paradies.

Was kann es Schlimmeres geben, als von zu Hause aus zu arbeiten? Niemand ist da, mit dem man über ein anstehendes Projekt sprechen kann, dafür die ständige Angst, die nächste dringende E-Mail aus der Chefetage zu verpassen. Die soziale Kontrolle des Großraums fällt weg – gut für den Youtube-Konsum, schlecht für die Produktivität. Und ständig stört der Nachwuchs, ein Haustier oder ein tropfender Wasserhahn die Konzentration. Die Hölle.

Zwischen diesen beiden Polen spielt sich seit Jahren die Diskussion über das Homeoffice ab. Die einen halten das ganze Konzept eines zentralen Orts der Arbeitsverrichtung für hoffnungslos veraltet, die anderen fürchten, dass der Beruf durch den flexiblen Arbeitsplatz auch noch die letzten Rückzugsbereiche des Privatlebens vereinnahmt. Schließlich hat das Smartphone den Arbeitnehmer bereits zur ständigen Erreichbarkeit verdammt. Da soll wenigstens der Küchentisch frei bleiben von Excel-Tabellen und Präsentationsentwürfen.

Kulturrevolution in Großunternehmen

Gerade die Unternehmen sehen in Letzterem jedoch kein größeres Problem. Viele sind offen dafür, ihre Angestellten des Öfteren auch mal von zu Hause aus arbeiten zu lassen. So ermittelte das Ifo-Institut im vergangenen Jahr, dass insgesamt 39 Prozent der deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, auch von zu Hause aus zu arbeiten. Ein Anstieg von fast 10 Prozentpunkten in wenigen Jahren. Dabei geht es meist um einzelne Tage. Völlig auf die Präsenz ihrer Angestellten in der Firma würde nur jedes vierte Unternehmen verzichten.

Es sind aber nicht nur die kleinen Kreativklitschen, die ihre Mitarbeiter auch mal ungeduscht und in Schlafklamotten ihre Arbeit machen lassen. Auch Industrieschlachtschiffe wie Daimler verzichten mittlerweile darauf, ihre Angestellten jeden Tag ins Büro zu zitieren.

Die Kulturrevolution wurde eingeleitet, nachdem mehr als 80 000 Mitarbeiter aus den Bereichen Verwaltung und Entwicklung zu ihren Vorstellungen nach einem idealen Joballtag befragt wurden. Satte 80 Prozent wünschten sich damals mehr zeitliche und örtliche Autonomie. Konzernchef Dieter Zetsche ließ sich auf einen Versuch ein. Seit vergangenem Juli dürfen die Mitarbeiter nun in Rücksprache mit ihren Vorgesetzten arbeiten, wann und wo sie wollen. Die erste Zwischenbilanz fiel positiv aus.

“Die zweitschönste Form des Arbeitens“

Dass nicht alle Führungskräfte restlos von dem Modell überzeugt sind, zeigt jedoch ein Blick in den Daimler-Blog. Dort beschreibt ein Abteilungsleiter der Mercedes-Benz-Bank die Freiheiten des Home­office, aber auch die Schwierigkeiten des Modells.

Die Handy-Mailbox läuft schnell voll, der Kontakt zu den Kollegen fehle, Espressomaschine und Kühlschrank entwickelten sich “zum größten Feind“, menschelt es im Text. Das Fazit: “Bei allen Vorteilen des mobilen Arbeitens und der modernen Technik wird es für mich eine tolle Alternative, aber nur die zweitschönste Form des Arbeitens bleiben.“

So richtig überraschend ist diese Schlussfolgerung nicht. Schließlich müssen sich gerade Angestellte mit einigen Tücken auseinandersetzen, wenn sie ihren Job von zu Hause aus machen wollen. Das Korsett der abhängigen Beschäftigung kann, anders als die Dienstkleidung, nicht einfach im Schrank bleiben, nur weil man am Küchentisch und nicht im Büro arbeitet.

Selbstdisziplin ist Pflicht

Denn während Selbstständige und Freiberufler sich ihre Tage zumindest theoretisch nach Gusto einteilen können, bleiben für Angestellte die Zwänge des Jobs natürlich auch dann bestehen, wenn sie nicht in der Firmenzentrale arbeiten. Abläufe müssen eingehalten und ständige Erreichbarkeit muss sichergestellt werden. Und das ist ohne die Struktur des festen Arbeitsplatzes zumindest schwieriger zu bewerkstelligen. Der Zugewinn an Freiheit verlangt deshalb ein hohes Maß an Selbstorganisation. Das kann durchaus anstrengend sein. Und Konsequenzen haben.

So kam jüngst eine Studie zu dem Ergebnis, dass ausgerechnet Angestellte, die regelmäßig von zu Hause aus arbeiten, anfälliger für Krankheiten und Unwohlsein sind, als ihre Kollegen, die immer im Büro ihren Dienst tun. Häufige Symptome sind Schlaflosigkeit und Stress.

“Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen“, erklärten die Studienautoren. Das könne dazu führen, dass viele Angestellte unbezahlte Überstunden machten, die sich bei der Arbeit von zu Hause aus einschleichen. Ein Risiko ist auch, ohne Pausen durchzuarbeiten. Gute Regulierung der Heimarbeit könne jedoch davor schützen.

Die Nachfrage steigt

Doch davon ist man in Deutschland noch recht weit entfernt. Kein Wunder, schließlich ist das Homeoffice hierzulande noch eher die Ausnahme. Nur gut jeder zehnte Angestellte arbeitet gelegentlich von zu Hause aus. Zum Vergleich: In Skandinavien sind es rund 28 Prozent.

Die gute Nachricht ist: Wenn mehr Menschen das Homeoffice für sich entdecken, steigt auch der Druck, die Heimarbeit ordentlich zu regulieren. Wenn das gegeben ist, hat sie durchaus Vorteile. Sie erleichtert Eltern die Kinderbetreuung, ermöglicht eine bessere Work-Life-Balance. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach dem Homeoffice immer weiter steigt. Die Daimler-Mitarbeiter sind keine Ausnahmeerscheinung. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam bereits vor längerer Zeit zu ähnlichen Ergebnissen.

Ein Allheilmittel ist sie trotzdem nicht. Gerade der Verlust des direkten Kontakts zu den Kollegen sollte nicht übersehen werden – und dass nicht nur, weil die gemeinsame Mittagspause so ein nettes Ritual ist. Es gibt durchaus Anhaltspunkte dafür, dass der kurze Dienstweg zu den Mitarbeitern zu besseren Arbeitsergebnissen führt.

Vorteil kurzer Dienstweg

So kam eine Studie der Harvard-Universität zu dem Ergebnis, dass wissenschaftliche Fachartikel von Arbeitsgruppen deutlich häufiger zitiert werden, wenn die Forscher ihre Schreibtische nahe beieinander haben. Soll heißen: Räumliche Nähe zu den Kollegen kann die Kreativität und die Arbeitsqualität steigern. Das ergibt Sinn. Schließlich kommen beim gemeinsamen Brainstorming an der Kaffeemaschine gern neue Ideen oder neue Ansätze zur Problemlösung auf. Der Mensch ist schließlich vor allem durch seine Fähigkeit zur Kooperation erfolgreich.

All das deutet darauf hin, dass der angebliche Siegeszug des Homoffice womöglich doch nicht so umfassend sein wird, wie es sich so mancher deutsche Arbeitnehmer wünscht. In den USA verdichten sich die Anzeichen bereits. So strich der krisengeplagte Suchmaschinenbetreiber Yahoo seinen Mitarbeitern vor einigen Jahren das Homeoffice. Doch auch in erfolgreichen Unternehmen ist das Modell auf dem Rückzug.

So entzog ausgerechnet Vorreiter IBM seinen 2600 Mitarbeitern in der Marketingabteilung im Frühjahr die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Ein Kulturschock. Schließlich hatte das Unternehmen das Homeoffice bereits 1980 eingeführt. 40 Prozent der Gesamtbelegschaft sollen zwischenzeitlich von zu Hause aus gearbeitet haben. Das ist längst vorbei. Die Zukunft, so scheint es, könnte womöglich wieder im Großraumbüro liegen.

Von Julian Heißler

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