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Schöne heile Welt

Miniatur Wunderland Hamburg Schöne heile Welt

Das Miniatur Wunderland ist einfach eine Modelleisenbahn in Hamburg. Ausländische Touristen dagegen wählten sie jetzt zur beliebtesten Sehenswürdigkeit Deutschlands. Vor Dresden, vor Heidelberg. Wie kann das sein? Ein Erklärungsversuch.

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Richtung Hölle durch mehr Zölle

Kommentar zur Weltlage: Mit einer Mauer um Las Vegas demonstrieren die Wunderland-Macher gegen die Abschottungspolitik Donald Trumps – prompt protestierten einige Besucher.

Quelle: Miniaturwunderland

Hamburg. Diese Stadt ist ein wunderlicher Ort, ein Platz wie aus einem Märchen. Es brennt hier sehr oft, alle 15 Minuten sogar, mal ist es eine Wohnung, mal ein Schloss, aber nie kommt jemand zu Schaden. Es gibt Verbrechen, Drogenhandel und Überfälle, aber nie stirbt jemand, nie wird jemand süchtig, nie verreckt jemand auf einer Bahnhofstoilette. Es gibt auch eine Abschiebung, aber nur im hintersten Teil des Flughafens, ganz versteckt, und die Familie muss das Land auch nie verlassen, sie bleibt für immer hier. So geht es zu in Knuffingen.

Dieses Knuffingen führt, so könnte man sagen, ein Doppelleben. Einerseits gibt es diese Stadt nicht wirklich, sie ist nur ein Modell, die Abbildung einer Stadt, eine Fantasiewelt im Maßstab 1 : 87, überwiegend jedenfalls.

Andererseits ist dieses Knuffingen ein sehr realer Ort, man kann ihn, wenn gerade niemand hinschaut, sogar berühren. Er liegt in einem ausgedehnten Speicher im Hamburger Hafen, er hat einen eigenen Radiosender und eigene Fernsehnachrichten, und mehr als eine Million Menschen kommen jedes Jahr hierher, um ihn sich anzuschauen. Menschen wie die Studentin Elly Wong aus China, die gerade in Reims in Frankreich studiert und nun für einen Tag nach Hamburg gereist ist.

Was sie sich anschaut? Die Elbphilharmonie, den Hafen, den Michel? Nichts von alldem. Einziger Programmpunkt: Knuffingen und die kleine Welt darum herum. „Es erinnert mich an ähnliche Welten in meiner Heimat“, sagt sie. „Ich wollte viel lieber hierher als nach Berlin.“

Zweifellos hinterlässt Knuffingen bei vielen Menschen einen sehr viel prägenderen Eindruck als viele andere, sehr viel größere deutsche Städte.

Knuffingen, eine ausgedachte idealtypisch durchschnittsdeutsche Modellstadt, liegt im Miniatur Wunderland in der Hamburger Speicherstadt, und sie ist damit Teil einer sehr erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Im 16. Jahr seit der Eröffnung ist sie nicht nur längst die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. 1,3 Millionen Menschen sahen sie sich im vergangenen Jahr an, was nicht nur angesichts der Enge und Lautstärke in der alten Speicherstadt-Etage und der Wartezeiten von manchmal eineinhalb Stunden und mehr sehr bemerkenswert ist.

Vor allem aber kann das Miniatur Wunderland seit Neuestem noch einen weiteren Superlativ für sich reklamieren: Es ist laut einer Umfrage der sehr seriösen Deutschen Zentrale für Tourismus die beliebteste Sehenswürdigkeit Deutschlands. Mehr als 44 000 Deutschland-Reisende aus 66 Ländern haben im vergangenen Jahr abgestimmt, was ihnen in Deutschland am besten gefallen hat. Auf Platz zehn kam die Dresdener Altstadt, „mit Frauenkirche und Zwinger“. Auf Platz neun liegt der Kölner Dom. Platz vier: Neuschwanstein. Zweite wurde die Altstadt von Heidelberg.

Herr der kleinen Welten

Herr der kleinen Welten: Gerhard Dauscher ist der wichtigste Modellbauer im Miniatur Wunderland.

Quelle: Agnieszka Krus

Und auf Platz eins: das Miniatur Wunderland. Eine Modelleisenbahn. Nirgends ist Deutschland beliebter als auf diesen 1490 Quadratmetern auf der Elbinsel Kehrwieder, Block D. Kann man das erklären? Was ist das eigentlich für eine Welt, mit der sich die Menschen aus dem Ausland so überaus wohlfühlen? Und was ist das für ein Deutschland, das den Menschen offenbar sympathischer ist als das reale?

„Wir versuchen eben, nicht so politisch zu sein“, sagt zum Beispiel Gerhard Dauscher, der Modellbauchef des Miniatur Wunderlands.

„Wir machen hier ja vor allem die schöne Welt, nicht so sehr die dreckige“, sagt Felix Ellhardt, Modellbauer, Spezialist für Wasser und Gebirge.

„Wir sind hier alle positiv Verrückte“, sagt Christian Schuh, ein anderer Modellbauer, der hier unter anderem den Flughafen mitgebaut hat, der zu der Anlage gehört, eine Nachbildung des Hamburger Flughafens, mit startenden und landenden Flugzeugen.

Und Frederik Braun erklärt: „Wir erzählen hier im Wunderland Geschichten. Diese Geschichten erzeugen Gefühle. Und an diese Gefühle erinnert man sich nach einer Reise vielleicht stärker als an alle beeindruckenden Sehenswürdigkeiten, die man noch besucht hat.“

Frederik und sein Zwillingsbruder Gerrit Braun sind die Gründer des Wunderlands. Es war im Jahr 2000, da spazierte Frederik Braun durch Zürich. Vor einem Modelleisenbahngeschäft blieb er stehen und betrachtete mit zunehmendem Staunen die kleine Welt, die vor ihm aufgebaut war.

Frederik rief seinen Bruder an. Gemeinsam hatten sie in den Jahren zuvor in Hamburg eine Disco betrieben, das „Voilà“, einen sehr erfolgreichen Club. Jetzt, mit Anfang 30, waren sie das Nachtleben leid.

Das hier, sagte Frederik, könnte unsere nächste große Sache werden: die größte Modellanlage der Welt. Er, der Zuversichtliche, brauchte eine Weile, bis er seinen Bruder, den Zahlenmenschen, überzeugt hatte. Dann hatte er ihn so weit.

So fing es an. Aber sie wären nie so weit gekommen, wenn sie außer der Hamburger Sparkasse nicht auch Gerhard Dauscher hätten überzeugen können. Dauscher, ein eher vorsichtiger, zurückhaltender Mann, 50, wichtigster Modellbauer des Wunderlands. Damals arbeitete der gelernte Werkzeugmacher für Märklin. Ungezählte Modellbahnanlagen hatte er da schon konstruiert, viele für wohlhabende Geschäftsleute. Ganz ausgefüllt fühlte er sich nicht.

Als die Brauns ihn anriefen und von ihrem Plan erzählten, „da dachte ich zunächst: So eine Spinnerei“. Die weltgrößte Modellanlage, wie sollte das gehen? Dann, als er merkte, dass die Brauns rechnen können, sah er die Sache anders. „Das hier“, sagt er, „empfand ich als Befreiung.“

„Befreiung“, das meint Dauscher in mehrererlei Hinsicht. Eine Befreiung in räumlicher Hinsicht, schließlich sollte es mal nicht mehr um 90 Quadratmeter im Keller gehen, sondern um ganze Welten. Den Harz, Knuffingen, Hamburg samt Stadion und neuerdings auch Elbphilharmonie, Skandinavien, Las Vegas, Italien, alles das haben sie
inzwischen nachgebaut. Eine Befreiung war es aber auch in technischer Hinsicht – allein schon der Flughafen, den sie bauen wollten, mit Maschinen auf der Start-und-Lande-Bahn, mit richtigem Betrieb also. „Dafür gab es ja überhaupt kein Vorbild“, sagt Dauscher.

Aber er meint das mit der Befreiung eben auch inhaltlich. Modelleisenbahnanlagen, das waren bis hierhin ja auch immer sehr biedere Welten. Ein bisschen Mittelgebirge, ein paar Fachwerkhäuser, ein Bahnhof mit zwei Gleisen, Dampflok. Deutschland gestern. Oder eher: vorgestern.

Das Wunderland ist anders. Größer natürlich, moderner, aber auch: frecher. Wenn man mit Dauscher durch das Wunderland geht, dann zeigt er auf die Details, die vielen erst auf den zweiten Blick auffallen, wenn überhaupt. Da ist die Dienstmagd, die die Modellbauer zwischen die Heiligenfiguren am Petersdom geschummelt haben. Da ist Michelangelo, der auf dem Trampolin springt, um die Kuppel der Sixtinischen Kapelle zu bemalen.

Besuchermagnet

Besuchermagnet: Im Hamburger Miniaturwunderland konnte man die Elbphilharmonie schon bestaunen, bevor das Original seine Pforten geöffnet hat.

Quelle: Agnieszka Krus

Es gibt unzählige solcher kleinen Szenen. Es gibt zum Beispiel einen Pornofilmdreh, einen Raubüberfall und eine Frau, die auf einer Bank ein Kind zur Welt bringt, weil sie es nicht mehr ins Krankenhaus geschafft hat.

„Ausgerechnet bei dieser Szene gab es dann Proteste“, sagt Dauscher. Er überlegte, die Szene rauszunehmen. „Dann kam eine Frau, die empört sagte, das sei doch eine ganz natürliche Sache.“

Da haben sie die Szene dringelassen. Aber manchem war das offenbar ein bisschen zu viel Wirklichkeit im Wunderland.

Ausgerechnet mit einer gebärenden Frau sind die Macher des Wunderlands also ausnahmsweise mal an ihre Grenzen gestoßen.

Mit dem Realismus ist es im Wunderland ja so eine Sache. Man kann das gut sehen, wenn man Felix Ellhardt an seinem Arbeitsplatz besucht. Ellhardt, Ende 20, ist eigentlich Werbegrafiker, aber nachdem er auf Weltreise gewesen war, war er dafür verloren, Kaktusdüngerflaschen zu designen.

Ellhardts Arbeit ist ein Beispiel für die Detailversessenheit, mit der sie hier arbeiten. Bevor sie Italien nachbauten, sind er und seine Kollegen nach Italien gefahren und haben sich alles noch mal angesehen, die Küste Liguriens, den Vatikan, das Kolosseum.

Ellhardt ist kein sehr formaler Typ, er mag das Du lieber als das Sie. Aber er ist auch ein Perfektionist. „Jetzt sitze ich gerade am Wasser von Venedig“, sagt er. Venedig ist das nächste große Projekt, an dem sie bauen, und natürlich spielt das Wasser da eine große Rolle. Nur gibt es eben tausend Arten von Wasser. Es gibt das hellblaue Wasser an einem Sommermittag, es gibt das fast weiße, nervös-schäumende Wasser einer Sturmflut, es gibt graues und grünes Wasser. Daher gibt es auch tausend Arten, Wasser nachzubilden. Man kann es mit Gips und Lack versuchen. Oder mit Kunstharz, wie Ellhardt gerade. Seit er im Wunderland arbeitet, habe er begonnen, die Welt anders anzusehen, viel genauer. Er sagt, er sehe Dinge, die er zuvor nicht gesehen hat. Die Frage ist dann nur, ob er allles auch genau so nachbaut, wie er es mit diesem neuen Blick wahrnimmt.

„Am Ende soll es ja auch immer so sein, wie man es von der Postkarte kennt“, sagt Ellhardt.

Sie wollen hier also durchaus ganz realistisch sein. Aber doch bitte auch nicht zu sehr. Es gibt eine Abteilung zur Geschichte. Darin gibt es einen Marktplatz aus der Nazi-Zeit. Da hängen auch Nazi-Flaggen, nur ohne Hakenkreuz. Das Wunderland darf sie nicht zeigen, es ist kein Museum. Aber es passt am Ende vielleicht doch alles ganz gut.

Wunder im Kleinen

Wunder im Kleinen: Im Miniatur Wunderland gibt es etliche kuriose und anrührende Szenen zu entdecken.

Quelle: Agnieszka Krus

Die Welt des Wunderlands ist also eine sehr eigene. Das Böse, das Unglück, auch das hat hier alles seinen Platz. Aber hier ist es eben klein, beherrschbar,und wenn mal irgendwas entgleist, kommt sofort ein Mitarbeiter, der dies auf einem der 50 Bildschirme der Steuerungszentrale gesehen hat, und setzt alles wieder aufs Gleis. Sogar ein bisschen frech darf es sein. Nur bitte nicht so sehr, dass es irgendwen verschreckt.

Am Ende ist das Wunderland die perfekte Liaison aus deutscher Gründlichkeit und jener Lockerheit, wie man sie von der Fußball-WM 2006 kannte. Damals stiegen die Beliebtheitswerte Deutschlands sprunghaft an. Und nun gibt hier nicht wenige Menschen, für die das Wunderland ein sehr zentrales Stück dieses Landes ist.

Da ist zum Beispiel José Frederico Aquino, ein Anwalt aus Fortaleza, Brasilien. Er ist zum ersten Mal in Deutschland, für eine Woche. Er ist im Harz gewesen, „da habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen, Wahnsinn“. Jetzt ist er hier und genauso begeistert, und wahrscheinlich, sagt er, werde ihm beides in Erinnerung bleiben, der erste Schnee und diese Welt in klein. Oder Marco Nicolas, ein Tourismusmanager aus Italien. „Unglaublich“, sagt er, sei der Detailreichtum, die Fülle an Ideen. Nicolas organisiert auch Deutschland-Reisen für italienische Touristen. Viele haben nur wenige Tage in Deutschland. „Aber hier sollen sie hingehen.“

Es kommt nur ganz selten vor, dass sie sich im Wunderland verschätzen. Gut möglich, dass es ihnen vor ein paar Tagen passiert ist. Da haben die Macher eine Mauer um Las Vegas gebaut. „Lass die Welt wieder groß sein“, haben sie darauf geschrieben, eine Kritik an Donald Trump und seinen Plänen.

Binnen eines Tages verlor das Wunderland daraufhin 400 Follower auf Facebook. Es gab Kritik, „ihr seid keine Erzieher“, schrieb jemand, es gab aber auch viel Lob. Es war eine umstrittene Aktion.

In ein paar Tagen, schreibt das Wunderland, werde die Mauer wieder abgebaut.

Von Thorsten Fuchs

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