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Deutschlands junge Wilde

Tierische Einwanderer Deutschlands junge Wilde

Einwanderer, Rückkehrer, Besucher: Im Wildtierreich ist Bewegung. Fremde Arten werden sesshaft, ausgerottete Rassen kommen wieder, exotische Besucher testen das Terrain. Ob Wisent, Waschbär, Wolf oder Biber – die "Neuen" machen die heimische Fauna vielfältiger. Oder etwa nicht? Der "Problembiber" ist in Brandenburg jedenfalls gar nicht gerne gesehen.

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Im Sumpf der Fußball-Funktionäre

Nandus sind in Deutschland auf dem Vormarsch.

Quelle: Krus

Erst kommt die Polizei. Dann der Jäger. Dann die Feuerwehr. Sie rücken mit mehreren Wagen an. Sie tragen Netze, Käscher, Helme und Waffen. In voller Montur nähern sie sich dem Eindringling. Der liegt tiefenentspannt unter einer Tanne, die Sonne wärmt sein rostrotes Fell, der Trubel scheint ihn nicht zu kümmern.

"Ich habe ihn entdeckt, als ich mittags mit den Kindern nach Hause kam", erzählt Lisa Fritsche. Einen Fuchs, im Garten, an einem friedlichen Frühlingsnachmittag, mitten in der Stadt. Sie habe nicht gewusst, was sie tun soll, sagt Fritsche. Sie alarmiert die Polizei. Lange stehen die Beamten im Garten, rätseln, diskutieren. Sie rufen den Stadtjäger, er will den Fuchs schießen, was die Polizisten entsetzt: "Nicht hier, mitten im Wohngebiet."

Fuchsjagd im Vorgarten

Mit vereinten Kräften: Polizei und Feuerwehr können dem Fuchs im Garten nicht habhaft werden.

Quelle: dpa

Sie rufen die Feuerwehr, die schickt ihr Tierrettungsteam, das den Eindringling mit einem Netz fangen will. Polizei und Jäger geben Rückendeckung, Fritsches Kinder fiebern vom Balkon aus mit. Fast haben die Retter das Raubtier erreicht, da steht Reineke auf, reckt sich und schnürt am Netz vorbei zum Gartentor hinaus. Die Männer sind perplex, erst nach Sekunden laufen sie los – auf den Bürgersteig, die Straße entlang, quer durch die Siedlung, immer dem Rotfuchs hinterher.

"Der war natürlich weg", erzählt Lisa Fritsche. Sie sieht den schlauen Kerl nie wieder. Aber sie muss das gesamte Gartenspielzeug waschen, der Besucher könnte Träger des für Menschen lebensgefährlichen Fuchsbandwurms sein. Erst nach dem nächsten Regen dürfen die Kinder wieder im Garten spielen.

Landflucht und Einwanderung

Ob in Hannover, Kiel oder Rostock – Fritsches Fuchs ist Teil einer Bewegung. Vulpes Vulpes sucht die Nähe zum Menschen. Er nascht aus Mülltonnen, streift über Kinderspielplätze, er jagt Mäuse auf Verkehrsinseln und gräbt seine Röhren auf Friedhöfen. In vielen Metropolen leben Füchse inzwischen ganz lässig vor sich hin. Und nicht nur sie.

Auch Wildschweine, Marder, Waschbären und Ringeltauben haben längst erkannt, dass die Stadt für Wildtiere ein Schlaraffenland ist: Nahrung gibt es an jeder Ecke, Unterschlupf auch, das Klima ist mild, es gibt (fast) keine Jagd. Wer sich mit Verkehr und Lärm arrangiert, wird die Landflucht nicht bereuen.

Verstädterte Wildtiere sind nur eins von mehreren Phänomenen, die unsere Fauna derzeit durcheinanderbringen. Verwirrung stiften auch viele neue Tierarten, die plötzlich in Deutschland auftauchen und bleiben. Da sind die Rückkehrer: der Wolf, der Luchs, der Wisent oder der Biber. Da sind die Einwanderer: das Grauhörnchen, der Marderhund oder die Feuerlibelle. Da sind aber auch die Exoten: der Nandu, die Nutria oder der Mink.

Intelligentes Pelztierchen: Der Waschbär

Intelligenter Problembär: In Deutschland sollen heute zwischen ein und zwei Millionen Waschbären leben.

Quelle: dpa

Bekanntester Vertreter jener Neozoen, wie man Tierarten bezeichnet, die absichtlich oder unabsichtlich in einem fremden Gebiet freigesetzt wurden, ist der Waschbär. Der kleine, intelligente Räuber stammt aus Nordamerika. In den Dreißigern fand er seinen Weg nach Deutschland. Herrmann Göring, Reichsjägermeister und Hitlers rechte Hand, soll persönlich für die Waschbärimmigration verantwortlich gewesen sein.

Auf Geheiß der Jagdbehörde in Berlin öffnete Forstamtsleiter Wilhelm Sittich Freiherr von Berlepsch am 12. April 1934 an der Südseite des Edersees in Hessen eine Transportkiste und entließ zwei Waschbärpärchen ins Unterholz. Der Rest ist Geschichte. Spätestens nachdem 1945 noch einmal 25 Exemplare aus einer Pelztierfarm nahe Berlin entwichen, hat der "Nazi-Raccoon", wie eine britische Boulevardzeitung unseren Waschbären hämisch nennt, Deutschland flächendeckend erobert.

Heute leben hierzulande etwa ein bis zwei Millionen Waschbären, genau weiß das niemand. Am genauesten meinen es die Jäger zu wissen. "Unser Monitoring zeigt, dass der Waschbär jetzt in jedem zweiten Jagdrevier vorkommt", sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband (DJV). Besonders die Länder Brandenburg, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben es dem Kleinbären angetan.

Gefährlicher Allesfresser

Auf den ersten Blick wirkt der Waschbär wie eine echte Bereicherung. Mit seinem schwarz maskierten Gesicht, dem geringelten Schwanz, dem dichten Haar, niedlichen Öhrchen und Pfötchen sieht Procyon lotor aus wie frisch dem Kuscheltierregal entsprungen. Das putzige Äußere aber täuscht. Der Waschbär steht an der Spitze jener Neuzugänge, die der biologischen Vielfalt gefährlich werden.

Für Jäger und Naturschützer ist er ein gefährlicher Räuber, der den heimischen Tierarten an den Kragen will. Da der Allesfresser schrubbt und verputzt, was ihm zwischen die Pfoten kommt, kann er für ohnehin schon bedrohte Arten wie Sumpfschildkröte, Auerhuhn und Uhu das baldige Aus bedeuten.

Auch immer mehr Haus- und Schrebergartenbesitzer, insbesondere in Kassel, Leipzig oder Berlin, stehen mit dem plündernden Problembären auf Kriegsfuß. Während er in den ländlichen Gebieten seit 1954 bejagt werden darf – im letzten Jahr kamen bundesweit etwa 96 000 Waschbären zur Strecke – ist dem kleinen Räuber in der Stadt allerdings schwer beizukommen.

Ungeliebter Untermieter

Zwar darf der ungeliebte Untermieter vertrieben werden. Mancherorts droht für das Anlocken von Wildtieren zudem ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro. Die tierische Invasion verhindern aber tut das nicht. Wer auf verwüstete Dachböden und geplünderte Obstbäume keine Lust hat, baut sein Heim also letztlich zur waschbärdichten Festung um.

Freilich haben sich weder der Waschbär noch all die anderen Neozoen ihr Leben in Deutschland ausgesucht. Der Mensch ist schuld, dass sie überhaupt hier und unserem Ökosystem zur Last geworden sind. Er hat sie wie den Fasan, das Kaninchen, die Regenbogenforelle oder den Damhirsch wissentlich eingeführt und ausgewildert.

Er hat sie wie den Guppy, den Goldfisch oder das Streifenhörnchen für den Heimtierzoo gekauft und aus Tierliebe wieder freigelassen. Er hat sie wie den Asiatischen Marienkäfer als biologische Schädlingsbekämpfer absichtlich ausgesetzt. Er hat sie wie die Wanderratte, die Wollhandkrabbe oder die Rosskastanienminiermotte aus Versehen per Schiff oder Flugzeug eingeschleppt – und steht nun hilflos vor den Schäden, die die Fremdlinge anrichten.

Chinesische Wollhandkrabbe

In Abwehrstellung: Die Wollhandkrabbe kommt ursprünglich aus China, fühlt sich aber auch in Elbe, Weser, Ems und Rhein wohl.

Quelle: Christian Fischer / CC BY-SA 3.0

Der Nandu wiederum ist einfach ausgebüxt. Seit dem Jahr 2000 lebt der südamerikanische Laufvogel ausgerechnet in Nordwestmecklenburg. Sechs Tiere, ein Hahn und fünf Hennen schlüpften damals aus einem Privatgehege in Groß Gronau bei Lübeck. Sie schwammen durch die Wakenitz, machten rüber über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, nach Mecklenburg-Vorpommern.

Heute, 15 Jahre später, zählt Experte Frank Philipp mindestens 177 Nandus in der Schaalseeregion. "Das sind 33 mehr als im Vorjahr", erklärt er. Der Bestand wachse stetig, lediglich harte Winter und heimtückische Eierdiebe könnten ihm etwas anhaben. Außerdem rückten die Nandus Richtung Osten vor. Einzelne Tiere hätten es bereits bis zum Seebad Heiligendamm nahe Rostock geschafft, berichtet der Nandu-Forscher stolz.

Bei Touristen ist der norddeutsche Pampastrauß ein Hit. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) feiert den Neubürger. Von seiner "Willkommenskultur für den Nandu" wollen die örtlichen Landwirte allerdings nichts wissen. Zu groß sind die Spuren, zu erheblich die Schäden, die die Exoten aus Übersee auf ihren Äckern hinterlassen. Frisst sich der Nandu durch ihren Raps, entschädigt niemand für den Ernteausfall – Wildschadensersatz gibt‘s nur bei heimischen Arten.

Jammer über Biberburgen

Viele Bauern wünschen sich die "potenziell invasive Art" deshalb wieder fort, zumindest aber wollen sie ihre Aufnahme ins deutsche Jagdrecht. Daraus wird jedoch nichts: Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen ist der Nandu streng geschützt. Sollte er nicht irgendwann als invasiv eingestuft werden, also erhebliche ökonomische oder ökologische Verluste anrichten, ist sein Siegeszug kaum mehr zu stoppen.

Noch einen würden Bauern und Naturschützer gerne wieder stoppen: den Biber. Europas größtes Nagetier galt hierzulande als ausgerottet, bis man ihn an der Elbe wieder ansiedelte. Aus dem Jubel, mit dem jede neue Biberburg anfangs begrüßt wurde, ist inzwischen ein Jammern geworden. Der "kleine Bruder", wie die Indianer Nordamerikas den mutigen Wanderer nannten, erobert Fluss für Fluss, Bundesland für Bundesland, selbst die Hauptstadt hat er schon erreicht.

Je präsenter der Biber ist, desto mehr Feinde ruft er auf den Plan. "Bei uns gibt es fast 5000 Biber", sagt Georg Baumann, Geschäftsführer vom Landesjagdverband Brandenburg. Das seien mehr, als Land und Leute verkraften könnten.

Detlef Ebert und eine Biberhinterlassenschaft

"Der Kerl hockt in jedem Graben": Ein Biber hat sich an dieser Pappel von Detlef Ebert im Havelland betätigt.

Quelle: Herzog

Das Problem ist nicht der Biber an sich. Das Problem ist das, was der fleißige Architekt anrichtet: vernässte Wiesen, abgesackte Wege, umgelegte Bäume, unterhöhlte Deiche. Kollateralschäden, die der tierische Workaholic mit seinen geliebten Dämmen anrichtet. "Das Ausmaß der Schäden liegt inzwischen weit außerhalb des Akzeptablen", präzisiert Baumann.

Detlef Ebert, Leiter der Agrargenossenschaft Stölln im Havelland, kann davon ein Lied singen. Erst kürzlich ist er mit einem Trecker umgekippt, weil das Feld vom Biber geflutet war. "Der Kerl hockt in jedem Grabensystem", sagt der Landwirt. "Er liebt angestautes Wasser, er stopft alles zu." Damit mache der Biber die Infrastruktur kaputt, die Feldwege, Plattenstraßen, Überfahrten und Entwässerungsgkanäle. Die Wasser- und Bodenverbände kostet das mehrere 100 000 Euro pro Jahr.

Und noch eins bereitet Ebert Sorge: Der Baumliebhaber Biber, eigentlich auf Weichhölzer wie Pappeln, Weiden und Erlen spezialisiert, entwickelt sich zum Kulturfolger. Er legt um, was er zwischen seine großen, orangefarbenen Nagezähne bekommt, egal ob Eiche, Buche, Raps oder Mais, berichtet der Landwirt.

Verordnung gegen "Problembiber"

Ebert ist nicht der Einzige, der dafür plädiert, den Biber wieder jagen zu dürfen. Auch Förster, Fischer und Umweltschützer sind überfordert mit der Biberinvasion. Nur: Die vor Kurzem noch bedrohte Tierart steht in Deutschland auf der Roten Liste, genießt europaweit Schutz. Wer dem Biber ein Haar krümmt, macht sich strafbar.

In Bayern und Brandenburg allerdings ist der Biber nicht mehr sicher. Hier erlaubt eine Verordnung, "Problembiber" zu vergrämen, umzusiedeln oder sogar zu töten. Erledigen dürfen diesen Job nur Fachleute der Unteren Naturschutzbehörde. "Bis die eingreifen, dauert‘s aber lange", sagt Baumann. Für den Landesjagdverband Brandenburg ist das Ganze daher nur eine Notlösung: "Wenn die Regulation des Bestandes notwendig wird, sollte das im Rahmen des Jagdrechts geschehen, denn genau für solche Fälle wurde es gemacht." Wo es ums Jagen gehe, seien Jäger die besseren Experten, erklärt Baumann.

Kein Wunder, dass man in der Bibergegend auffällig häufig über eine wenig bekannte Seite des Nagers spricht: Sein Fleisch ist eine Delikatesse. Das ist ihm schon einmal zum Verhängnis geworden. Im 16. Jahrhundert wurde der Biber wegen seines schuppigen Schwanzes und seines Lebens am Wasser von der katholischen Kirche kurzerhand zum Fisch erklärt – und war somit als Fastenspeise erlaubt. 300 Jahre später war der Biber in Deutschland ausgerottet.

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