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Über den Wolken keine Freiheit

Vom Niedergang des Fliegens Über den Wolken keine Freiheit

“Nur Fliegen ist schöner“ wurde früher die Luftfahrt als Gipfel aller Genüsse gepriesen. Heute herrscht vom Einchecken bis zum Ausrollen Stress bis hin zur Gewalt. Vom Niedergang einer einst fürstlichen Fortbewegungsart.

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Von der einst glamourösen Fortbewegungsmethode zur Tortur über den Wolken: Fluglinien muten ihren Passagieren immer unwürdigere Zustände zu.

Quelle: Getty

Hannover. Vor ein paar Jahrzehnten war das Fliegen noch richtig lustig, wenn auch nicht unbedingt bequemer: “Eines der faszinierendsten Abenteuer, die die Menschheit kennt“, nannte Loriot diese Art der Fortbewegung Ende der Siebzigerjahre. Und dann sahen wir den begnadeten Humoristen nebst Evelyn Hamann in einem Sketch, wie sich die beiden über den Wolken auf engstem Raum mit Folienessen Anzug und Kleid vollkleckerten und dabei verzückt Rilke zitierten.

Heute sind Rilke-Zitate unvorstellbar. Der Humor ist Vielfliegern vergangen. Sie lassen sich in ihre Sitze fallen und schweigen erschöpft, während sie die üblichen Bordansagen zu Sicherheit und Rauchverbot über sich ergehen lassen.

Immerhin servierten die Stewardessen Loriot noch Speis und Trank. Inzwischen bekommt man in einer Billiglinie nicht einmal dann ein Glas Wasser angeboten, wenn man fünf Stunden lang nach Teneriffa unterwegs ist. Dafür muss sich das Kabinenpersonal auf 10 000 Meter Höhe nach Marktschreier-Manier abrackern, um zollfreie Parfüms oder Zigaretten zu verhökern. Das Nebengeschäft ist ebenso wichtig wie der Popcornverkauf im Kino. Früher hätte sich wohl kein stolzer Flugbegleiter vorstellen können, in einem Supermarkt zu arbeiten und Berge von Plastikmüll wegzuräumen.

Gnadenloser Konkurrenzkampf ums günstigste Ticket

Wie konnte es mit der Freiheit über den Wolken nur so enden? Auf historischen Bildern sieht man noch ganz andere Begegnungen zwischen Passagier und Personal: Entspannt rekeln sich Fluggäste auf großzügigen Sitzen, genauso entspannt servieren Stewardessen Champagner und kleine Häppchen. Aber diese Szenen stammen tatsächlich schon aus einer weit entfernten Vergangenheit. Damals hat Flugpionier Charles Lindbergh noch gelebt. Die eigentlich zu begrüßende Demokratisierung des Fliegens hatte noch gar nicht begonnen – und damit auch nicht der gnadenlose Konkurrenzkampf ums günstigste Ticket, der gerade Air Berlin in die Insolvenz getrieben hat.

Der Niedergang des Fliegens erreichte einen vorläufigen Höhe-, also Tiefpunkt, als vor ein paar Monaten ein United-Airlines-Passagier mit körperlicher Gewalt aus seiner Maschine gezerrt wurde. Das Flugzeug auf dem Weg von Chicago nach Louisville war überbucht, eine gängige Praxis, um sicherzustellen, dass auch noch der letzte Platz besetzt ist – und womöglich doppelt bezahlt wird.

Doch jetzt sollte auch noch eine United-Crew in die Kabine gequetscht werden. Der Passagier, nach eigenen Angaben ein Arzt auf dem Weg zu seinen Patienten, weigerte sich, den eingenommenen Sitz wieder freizugeben. Die Polizei rückte an. Bei den Handybildern von dem blutenden Mann, der durch den schmalen Flugzeuggang geschleift wird, heulte die zur Mobilität verdammte globale Reisegesellschaft im Internet wütend auf. Selten genug.

Schon im Regelbetrieb an den Grenzen

Mit reichlich Verzögerung folgte eine Entschuldigung des United-Airline-Bosses, der erst gar nicht begriffen hatte, dass irgendetwas faul an dem gewalttätigen Prozedere war. Das hier war kein Fall eines üblichen Ärgernisses in der Holzklasse, hier wurde einem Menschen körperliche Gewalt angetan.

Normalerweise wird die geradezu entwürdigende Behandlung, die Fluggäste über sich ergehen lassen müssen, apathisch hingenommen. Es dürfte noch schlimmer kommen: Statistiker rechnen damit, dass sich die Zahl der Flugpassagiere bis zum Jahr 2035 auf weltweit 7,2 Milliarden beinahe verdoppeln wird. Mit kleinen Spenden zum Klimaschutz, um Umweltschäden fürs eigene Gewissen zu kompensieren, dürfte es dann nicht mehr getan sein. Der Fehler liegt im System, das schon im Regelbetrieb an seine Grenzen kommt. Glücklich die, die nicht in die Luft gehen müssen.

Man stelle sich ähnliche Zustände wie in der Luft am Boden bei der sonst so gern verlachten Deutschen Bahn vor: Stunden vor der Abfahrt ist das Eintreffen Pflicht, die erste Schlange erwartet den Gast beim Kofferaufgeben. Bei der Sicherheitskontrolle stauen sich Passagiere ohne Hosengürtel und ohne Schuhe. Die Nerven liegen blank, niemand lässt irgendwem den Vortritt – hier geht es schließlich um Beförderung oder Nichtbeförderung. Das “Boarden“, das Verbringen der Passagiere in den Flieger, geht jede Sekunde los. Schon mancher Passagier hat zwar seine Bordkarte ordnungsgemäß aufs Handy heruntergeladen, dann aber zu viel Zeit bei der obligatorischen Leibesvisitation verloren. Spätestens jetzt würden Zuggäste erst den Schaffner niederbrüllen, dann den Kopf des aktuellen DB-Chefs fordern.

Schuhe ausziehen, Gürtel raus

Schuhe ausziehen, Gürtel raus: Schon am Flughafen verliert das Fliegen alle Grandezza.

Quelle: iStock

Beim Fliegen dagegen gehört der Stress zum Programm – und jeder lässt alles mit sich geschehen. Viele Passagiere verzichten darauf, ihre Rechte bei Verspätungen geltend zu machen. Dabei ist die europäische Fluggast-Rechteverordnung bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Kraft. Etliche Unternehmen bieten ihre Dienste an, übernehmen den bürokratischen Hickhack – und, auch das, einen ordentlichen prozentualen Anteil an der finanziellen Wiedergutmachung.

Allerdings helfen Entschädigungen kaum, um gegen das vorherrschende Sardinenbüchsengefühl anzukommen. Gefeilscht wird um jeden Zentimeter: Airbus will künftig noch mehr Menschen in seinen einstigen Paradevogel A 380 quetschen: So soll der teure Ladenhüter finanziell attraktiver gemacht werden, der für die Airlines nur zwischen den großen Drehkreuzen lukrativ ist. So weit sind wir womöglich gar nicht mehr entfernt von der einstigen Schnapsidee des Billiganbieters Ryanair, der schon mal darüber sinniert hat, seine Passagiere stehend transportieren zu wollen.

Wenigstens dürften diese – vermutlich gegen einen kleinen Aufpreis – noch ihr Handgepäck mitnehmen: Die Tendenz geht dahin, Passagiere von ihren Habseligkeiten getrennt zu befördern. Laptops stehen bei Anflügen auf die USA aus einigen Ländern im Nahen Osten bereits auf der schwarzen Liste. Im Namen einer vermeintlichen Terroristenabwehr lässt sich jede Absurdität durchsetzen – auch Passagiere, die in ihren Sportschuhen Gelpolster integriert hatten, sollen schon des Flugzeugs verwiesen worden sein.

Beinfreiheit auf dem Weg zu Mars

Hundertprozentige Sicherheit wäre wohl erst dann erreicht, wenn man Fluggäste sediert oder gut verpackt in Kälteboxen transportieren würde. Aus jedem Science-Fiction-Film, der auf sich hält, kennt man die Bilder von Menschen im interstellaren Dornröschenschlaf.

Vielleicht wird ja alles besser, wenn die Menschheit sich wieder besinnt, dass das Unterwegssein kein Zustand ist, den man passiv erleiden muss. Wenn sie sich wieder größere Ziele setzt und nicht mehr nur von Meeting A in den Kurzurlaub B rund um den Planeten jettet (und in vielen Fällen sowieso besser und lieber zu Hause geblieben wäre). US-Unternehmer Jeff Bezos träumt bereits vom Sternentourismus. Konkurrent Elon Musk will Reisen rund um den Mond anbieten. Womöglich geht so viel Abenteuerlust ja auch wieder einher mit ein wenig Genuss und mehr Beinfreiheit – wenigstens auf dem Weg zum Mars.

Kann aber auch sein, dass wir unterwegs im Weltraum endgültig den Moment erreichen, an dem die Seele auf der Strecke bleibt. Dann sollten wir unbedingt nach dem Positiven beim Fliegen suchen, so wie es auch Loriot getan hat. Wir sollten nie vergessen, so verkündete er in seinem Sketch wie stets mit ernster Miene, dass unsere Großeltern auf Annehmlichkeiten dieser Art hätten verzichten müssen.

Von Stefan Stosch

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