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20:07 02.06.2017
Nur fliegen ist schöner: Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt haben im gleichnamigen Film ihr eigenes Zukunftsmobil. Quelle: StudioCanal Verleih
Hannover

Den Traum gibt es wohl seit dem ersten Stau. Das Auto war noch ein recht schlichtes Fahrzeug, da blühten schon Visionen von der Verkehrszukunft. Sonderbare Radfahrzeuge entstanden auf dem Papier und manchmal sogar in Metall, mit Propeller und Schiffsschraube – vor allem aber mit dem Versprechen, den Menschen auch unter widrigsten Bedingungen mobil zu halten. Wo Hindernisse das Fortkommen bremsen, träumt auch der Erwachsene vom Fliewatüüt.

Anthropologen könnten es vielleicht mit frühem Flucht- und Jagdverhalten erklären: Mobilität ist dem Menschen ein Grundbedürfnis. Ob er sie gerade braucht oder nicht, ob der Nutzen den Aufwand rechtfertigt, ob am anderen Ort wirklich das Bessere wartet – egal, die Möglichkeit zählt. Wir wollen zu jeder Zeit den Ort wechseln können, nichts und niemand soll uns halten. Freiheit ist die Emotion, die in der Autowerbung immer funktioniert und in der U-Bahn-Werbung nie.

Die Technik hat das Auto zum gigantischen Erfolg gemacht. Ein Jahrhundert Feinschliff ließ aus dem schnaufenden Kuriosum rollende Hightech werden. Doch jetzt ist es mit dem Feinschliff nicht mehr getan. Die ersten Vorboten einer neuen Autowelt kommen langsam auf die Straßen, elektrisch betrieben und in jeder Sekunde vernetzt. Die nächsten Jahre versprechen nicht weniger als die Revolutionierung des Fahrens.

Das Konzept ist ausgereizt

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat schon vor Jahren gesagt, dass das größte Problem des Autos sein Erfolg sei. Weltweit sind mehr als eine Milliarde Kraftfahrzeuge unterwegs, jedes Jahr rollen gut 80 Millionen neue Personenwagen aus den Fabriken – mehr als zwei pro Sekunde. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.

Die schiere Menge zwingt zur Regulierung. Das Gerät, das uns Freiheit verspricht, schränkt sie längst ein. Wir richten unsere Städte am Auto aus und nehmen Kredite dafür auf. Wir suchen unseren Kindern straßenferne Spielorte und versuchen mit gigantischem Aufwand den Klimawandel zu bremsen. Eines Tages würden wohl 100 Millionen Autos pro Jahr gebaut, hat Zetsche gesagt – und jeder wisse, dass es nicht die gleichen sein könnten wie heute.

Das Konzept ist ausgereizt. Nach VW-Rechnung müssen 100 Millionen Euro investiert werden, um den Kohlendioxidausstoß pro Kilometer quer durchs Modellprogramm um ein Gramm – weniger als ein Prozent – zu senken. Der schwere Gasfuß des Fahrers treibt ihn dann wieder um 50 Gramm hoch. Die Entwicklung eines neuen Autos kann schnell eine Milliarde kosten. Als größte Innovation sehen wir dann im Werbespot eine Heckklappe, die sich auf eine Fußbewegung hin öffnet. Wir erleben den Gipfel konventioneller Automobiltechnik. Aber Fahrzeuge, von denen die Welt mehr verträgt, entstehen so nicht.

Das Projekt E-Antrieb ist gigantisch

Mit Flugautos übrigens auch nicht, da ist die Physik vor: Es wird immer mehr Energie brauchen, den Menschen und sein Mobil in die Luft zu heben, als die Fuhre zu rollen. Die Revolution findet also auf der Erde statt. Es ist, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Manager, die gestern noch über Brennraumgeometrie und Sounddesign philosophierten, fahren jetzt summende Elektroautos auf die Bühnen der Autoshows. Oder sie lassen sich fahren, denn die Worte der Stunde sind “elektrisch“ und “autonom“.

An den großen Linien hat niemand mehr Zweifel, aber schnurgerade werden sie nicht verlaufen. Der Personenwagen bekommt Elektroantrieb – langsamer, als Umweltpolitiker fordern, aber schneller, als Autoingenieure und Verkehrsplaner geglaubt hätten. In zehn Jahren werden E-Autos nicht die Straßen dominieren, auch in 20 Jahren noch nicht. Aber sie werden vor allem in Europa und China Alltag sein und dafür sorgen, dass die Luft in den Städten sauberer wird. Für das Weltklima ist damit allerdings noch nichts gewonnen: Nur mit Strom aus emissionsneutralen Quellen sinkt der Kohlendioxidausstoß.

Und auch sonst stehen auf dem Weg in eine saubere Autozukunft noch Hürden: Das Ladenetz ist weiter lückenhaft, die Batterietechnologie noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Erst Batterien der nächsten Generation werden den großen Durchbruch bringen – dummerweise weiß man noch nicht, mit welcher Technologie. Oder es setzt sich doch die Brennstoffzelle durch, die kein Reichweitenproblem kennt, aber ein völlig anderes Tanknetz braucht. Sind die neuen Ladestationen in wenigen Jahrzehnten vielleicht schon wieder überholt? Das Projekt E-Antrieb ist gigantisch, und weil die Autoindustrie lange nicht dran glaubte, sieht es jetzt manchmal nach Sturzgeburt aus.

“Ihr habt gelenkt, wie ihr wolltet?“

Da wirkt die Vernetzung auf den ersten Blick vertrauter. Schließlich haben wir alle unser Smartphone in der Tasche, und soll das Auto nicht zum “rollenden Smartphone“ werden? Der Begriff ist schon wieder überholt. Denn das vernetzte Auto der Zukunft ist eher ein Sprachassistent: “Golf, fahr mich ins Kino – bitte was Lustiges.“

Die Argumente für das autonom steuernde Auto sind unwiderstehlich. Es wird weniger verbrauchen, denn der vernetzte Computer fährt vorausschauender als der Mensch. Er “sieht“ die Steigung oder ein Hindernis früher, beachtet grüne Wellen und kennt den Krümmungsgrad der Kurve. Deshalb fährt er auch viel sicherer als der Mensch. In ein paar Jahrzehnten wird man das heutige Fahren für eine ziemliche verwegene Sache halten: “Ihr habt gelenkt, wie ihr wolltet, und Gas gegeben, wie es gerade ging? Irre!“

Das vollautonome Fahren ist noch weit weg, doch Visionäre sprechen davon lieber als von der näheren Zukunft, denn die ist komplizierter. Lücken in der Vernetzung, überlastete Server, das Aufeinandertreffen vernetzter und nicht vernetzter Autos – wie soll das gehen? Der Fahrer werde jederzeit die Kontrolle übernehmen können, heißt es beruhigend. Bitte nicht: Man sieht verschreckte Fahrer vor sich, die Tablet und heißen Kaffee fallen lassen, um wild am Lenkrad zur kurbeln.

IT-Konzerne als Treiber

Für die ferne Zukunft zeichnen Designer dagegen schon rollende Wohnzimmer mit Liegesessel und formatfüllendem Monitor im Seitenfenster. Aus dem gewählten Programm, den bisherigen Gewohnheiten, dem angegebenen Fahrtziel und dem Standort ermittelt der Computer aktuelle Bedürfnisse und kann Vorschläge machen: kurz ins Restaurant, Schwimmbad, Möbelgeschäft?

Denn es ist nicht die Hoffnung auf weniger Unfalltote, die Milliardeninvestitionen in vernetzte Autos lenkt. Dafür zahlt der Kunde nicht. Der Treiber waren auch nicht die Autohersteller. Sie können nur nicht der neuen Konkurrenz das Feld überlassen. Google, Apple und andere IT-Konzerne haben das Auto als letzten netzfreien Raum des wachen Menschen identifiziert. Doch wer ihm das Lenken abnimmt, gewinnt Zugang zu einem gelangweilten Konsumenten. Es locken Stunden gebührenpflichtigen Videostreamings und wertvoller Werbezeit.

Aussteigen wird zur neuen Mobilität

Doch dann hätten Mobilität und Freiheit nichts mehr miteinander zu tun. Der Traum, jederzeit überall hinzukommen, wäre erfüllt. Aber wohin wir wollen, wüssten wir bald selbst nicht mehr. Aus autonomem Fahren würde fein kaschierte Fernsteuerung.

Dann könnte die wahre Mobilität im Aussteigen bestehen. Bahn, Bus, Fahrrad, E-Bike, Carsharing, Minibus, Robotertaxi – an Auswahl fehlt es nicht. Das hätte auch den Vorzug, dass die Straßen wieder Luft bekämen und das Auto Reste seines alten Charmes behalten könnte. Wenn es aber zum Fahrgastraum degeneriert, fällt der Abschied leicht. Die Industrie wäre wohl gut beraten, ihre Kunden nicht zu fest ins Netz einzuspinnen. Schließlich ist es egal, ob das Auto autonom ist. Der Mensch sollte es sein.

Von Stefan Winter

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