Startseite MAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Wir sind das Volk der Pendler

Immer längere Arbeitswege Wir sind das Volk der Pendler

Die Deutschen legen immer weitere Wege zur Arbeit zurück. 1,3 Millionen Arbeitnehmer fahren täglich mehr als 150 Kilometer – pro Strecke. Sie tun es, um Miete zu sparen, aus Ortsverbundenheit oder weil der Arbeitsmarkt nichts anderes hergibt. Der Preis für diese Flexibilität ist immer öfter die Gesundheit.

Hannover 52.3758916 9.7320104
Google Map of 52.3758916,9.7320104
Hannover Mehr Infos
Nächster Artikel
Schöne Lage, böser Geist

Weniger Zeit für Freunde, Familie, Erholung: Wer täglich zur Arbeit pendelt, braucht starke Nerven.

Quelle: Fotolia

Hannover. Pendeln nervt. Frühes Aufstehen, stockender Berufsverkehr oder überfüllte Züge und stets die Gefahr, dass ein Unfall auf der Strecke oder eine Signalstörung am Gleis den auf Kante genähten Zeitplan völlig aus der Bahn werfen. Auch das Gefühl, dass die Kollegen ohne lange Anreise ausgeschlafener wirken und mehr Zeit mit der Familie verbringen, kann auf Dauer ziemlich frustrierend sein.

Dennoch nimmt die Zahl der Pendler immer weiter zu. Heute nehmen deutlich mehr Deutsche einen längeren Arbeitsweg in Kauf als noch zur Jahrtausendwende. 60 Prozent der Arbeitnehmer sind es mittlerweile, so eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

Die Gründe liegen auf der Hand: Gerade in Zeiten steigender Mieten in den Großstädten überlegen sich viele Arbeitnehmer gut, ob ein Umzug in die teurere Innenstadt sich wirklich lohnt. Schließlich bekommt man im Umland für dasselbe Geld deutlich mehr Quadratmeter als in München, Frankfurt oder Berlin. Und gerade diese boomenden Großstädte sind es, die zusätzliche Arbeitskräfte anziehen – und damit die Umlandbewohner ins Auto oder die Regionalbahn zwingen.

1,3 Millionen Fernpendler

Die Anziehungskraft der Städte strahlt zudem immer weiter ins Land hinaus. Heutige Durchschnittspendler legen 16,8 Kilometer bis zu ihrer Arbeitsstelle zurück. Dass es allerdings auch deutlich weiter geht, zeigt ein Blick auf die Pendlerkarte Deutschlands des BBSR. Gerade im Norden und Nordosten finden sich dort immer wieder nachtblaue Flecken. Das heißt: Wer hier wohnt, hat regelmäßig einen durchschnittlichen Arbeitsweg von mehr als 34 Kilometern vor sich – pro Strecke.

Die sogenannten Fernpendler – auch ihre Zahl steigt kontinuierlich – wohnen gar mehr als 150 Kilometer von ihrer Arbeitsstelle entfernt. Davon betroffen sind immerhin 1,3 Millionen Menschen. Jeder von Ihnen, so hat es das Jobportal Stepstone ausgerechnet, verbringt bei 40-jähriger Berufstätigkeit rund zwei Jahre seines Lebens mit der Pendelei. Es sind vor allem die strukturschwachen Regionen Sachsen-Anhalts, Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs, in denen die Menschen derartige Strecken auf sich nehmen.

Dass auch diese Arbeitnehmer einfach nur an der Miete sparen wollen, glaubt Thomas Pütz vom BBSR nicht. Viele seien schlicht mit ihrem Heimatort verwachsen und wollen nicht in die Anonymität der Großstadt. „Diese Leute wollen aus ihrer Heimat nicht wegziehen“, erklärt er. So pendeln Arbeitnehmer aus der strukturschwachen Altmark ins florierende Wolfsburg, von Mecklenburg nach Hamburg. Sie verbringen mitunter drei, vier Stunden täglich im Zug oder im Auto – und wohl nahezu jeder, der seine Arbeitsstelle bequem zu Fuß erreicht, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum tun die sich das an?

Leben “auf Achse“

Es gibt Menschen, die sich mit einem solchen Leben “auf Achse“ arrangieren, das Beste aus den Stunden im Zugabteil machen, sie nutzen, um Arbeit zu erledigen, Hobbys nachzugehen, zu lesen, sich zu bilden. Der wissenschaftliche Mitarbeiter etwa, der es an seiner Universität im Ruhrpott nicht aushält, lieber in Berlin wohnt und die langen Zugfahrten nutzt, um die Klausuren seiner Studenten zu korrigieren. Der Sachbearbeiter aus Berlin, dessen Frau einen neuen Job in Hamburg hat, weshalb er jetzt die täglichen ICE-Fahrten nutzt, um seine Serien zu gucken, die sie ohnehin nicht leiden kann.

Oder der Vertriebsleiter, der auf seinen langen Autofahrten aus der Stadt zurück ins ländliche Einfamilienhaus Hörbuch um Hörbuch lauscht und so ganz nebenbei zum Kenner der Weltliteratur wird. Andere lernen auf ihren Arbeitswegen Fremdsprachen, hören Musik, planen Urlaubsreisen, unterhalten sich angeregt mit ihren Pendlerbekanntschaften oder pflegen ihren Internetblog. Der Fahrersitz und erst recht das Zugabteil können Freiraum geben, sie können Orte sein, an dem man weder den Erwartungen der Kollegen noch jenen der Familie ausgesetzt ist. Orte, an denen man Zeit mit (und für) sich verbringt.

Die meisten Pendler allerdings werden zeitraubende Arbeitswege eher als Belastung empfinden – erst recht, wenn sie mit dem Auto unterwegs sind. Britische Forscher fanden in einer Studie mit rund 18 000 Probanden heraus, dass gerade Autopendler deutlich häufiger an Stresssymptomen litten als jene, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen – allem Ärger über steigende Beförderungspreise und ständige Verspätungen zum Trotz. Freilich war die Zufriedenheit der Bahnfahrer gegenüber Arbeitnehmern, die ihren Job wiederum zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen, auch nicht allzu hoch.

Pendeln gefährdet die Gesundheit

Hiesige Experten sind ebenfalls davon überzeugt, dass Pendeln “die körperliche und psychische Gesundheit der Erwerbstätigen gefährden“ könne, wie es beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heißt, allein schon, weil die Regenerationszeiten gegenüber ortsansässigen Kollegen kürzer seien. Laut der Techniker Krankenkasse erhöht Pendeln gar das Risiko, psychisch zu erkranken.

Zu diesem Schluss kommt auch Steffen Häfner, Chefarzt der Abteilung für Verhaltensmedizin und Psychosomatik an der Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren in Bad Elster: “Ich habe den Eindruck, dass die Zahl der Rehabilitanten bei uns in der Klinik zunimmt, bei denen das Pendeln das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagt der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Laut Häfner, der bereits seit Jahrzehnten über die Auswirkungen des Pendelns forscht, leiden Menschen, deren Anfahrt täglich mehr als 90 Minuten betragen, signifikant häufiger an Erschöpfung, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche und an Kopf-, Magen- und Rückenschmerzen als Arbeitnehmer mit kurzen Wegen. Häfner führt diese Auswirkungen vor allem auf die kürzeren Nächte zurück, an die Pendler sich gewöhnen müssen. “Durch die langen Arbeitswege besteht die Gefahr, dass sie in einen Konflikt mit ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus kommen“, sagt er. Schließlich müssen Pendler oft deutlich früher aufstehen als ihre Kollegen.

Immer mehr, immer weiter

Hinzu kommt, dass Pendler durch ihre langen Fahrtzeiten oft auf Arztbesuche verzichteten, “weil die Sprechstunden mit den Fahrtzeiten oft schwer zu vereinbaren sind“, sagt er. Selbst Vorsorgeuntersuchungen würden deshalb seltener in Anspruch genommen, erste Symptome möglicherweise schwerer Erkrankungen länger ignoriert.

Und doch pendeln die Deutschen immer mehr und immer weiter. In anderen Ländern sieht das anders aus. Zwar pendeln nicht nur die Deutschen täglich über weite Strecken, doch in kaum einem anderen Land wird beruflich so viel gefahren wie hier. Das zeigen Zahlen der Europäischen Union. 4,3 Millionen Inlandspendler gibt es laut europäischer Statistikbehörde in Deutschland. Das reicht für Rang zwei unter allen 28 Mitgliedsstaaten. Lediglich im Vereinigten Königreich pendeln noch mehr Menschen. Doch dort konzentriert sich der Pendelverkehr vor allem auf London und Umgebung. Außerhalb des Einzugsbereichs der Hauptstadt werden die durchschnittlichen Arbeitswege wieder deutlich kürzer.

Nach dem Brexit wird Deutschland also alleiniger europäischer Spitzenreiter beim Pendeln sein. Für die Pendler heißt das: immer mehr verstopfte Straßen, immer vollere Vorortzüge, immer weniger Zeit mit Freunden und der Familie. Neben einem zuverlässigen Auto oder einer Nahverkehrsdauerkarte werden sie also auch in Zukunft vor allem zweierlei brauchen: starke Nerven – und die Fähigkeit, das Beste draus zu machen.

Von Julian Heißler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema