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Handballer macht Alkoholsucht öffentlich

Wünsdorf-Spieler wagt ungewöhnlichen Schritt Handballer macht Alkoholsucht öffentlich

Landesliga-Handballer Ronny Lange macht auf der Internetseite seines Vereins MTV Wünsdorf seine Alkoholsucht publik und spricht über Reaktionen, berührende Momente und seinen Gang an die Öffentlichkeit. Am vergangenen Mittwoch hat der 33-Jährige seine stationäre Therapie beendet und ist jetzt dabei, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu leiten.

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Wünsdorfs Ronny Lange (mit Ball) ist am Mittwoch aus der stationären Therapie entlassen worden.

Quelle: Tom Nerlich

Wünsdorf. Ronny Lange, Handballspieler des MTV Wünsdorf, hat sich vor wenigen Tagen zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Er machte seine Alkoholsucht auf der Internetseite des Landesligisten öffentlich. Die Resonanz war gewaltig. Im Interview spricht der 33-Jährige über eine ganz besondere Umarmung, eine Flut von Reaktionen und die Gerüchteküche.

Herr Lange, hinter Ihnen liegen turbulente Tage. Ihr Artikel hat alle Rekordzugriffszahlen auf der Homepage des MTV übertroffen. Halten Sie den Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen, auch jetzt noch für richtig?

Ja. Ich bereue nicht, dass ich es gemacht habe. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass es eine solch starke Resonanz geben würde, aber ich habe das Gefühl, ich habe richtig was losgetreten, wie die Reaktionen zeigen.

Was gab es für Reaktionen?

Durchweg positive. Viele Leute haben Respekt gezollt, einige – auch aus der Sportszene – haben sich geoutet und gesagt, dass sie ebenfalls ein Problem haben. Einige wollen sogar Beratungsstellen aufsuchen. Viele haben angekündigt, sich mit dem Thema zu befassen und ihren Alkoholkonsum kritisch zu hinterfragen.

Bier trinken nach dem Training oder Spielen ist bei fast jeder Mannschaft, unabhängig von der Sportart, ein weit verbreitetes Ritual. Welche Rolle hat das Thema Alkohol im Sportverein gespielt?

Bei mir hat das keine große Rolle gespielt. Natürlich haben wir auch Bier getrunken bei Siegesfeiern und ich habe dort sehr viel mehr getrunken als die anderen, ich habe aber auch an den anderen Tagen getrunken und persönliche Probleme damit verdrängt. Irgendwann habe ich mich dann körperlich schlecht gefühlt, ich war müde und nicht mehr leistungsfähig. Es war klar, dass es so nicht weitergehen kann.

Welche Mengen haben Sie konsumiert, bevor Sie professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben?

An Wochentagen mindestens fünf bis sechs Bier täglich, am Wochenende habe ich dann richtig exzessiv getrunken und in der Regel bis zum Mittwoch gebraucht, um mich wieder auf die Reihe zu bekommen. Im vergangenen Jahr habe ich mich dann entschlossen, einen Arzt aufzusuchen.

Am Mittwoch ging Ihre dreimonatige stationäre Therapie zu Ende. Warum sind Sie kurz vorher an die Öffentlichkeit gegangen?

Im Prinzip blieb mir nichts anderes übrig: In den vergangenen Monaten sind eine Menge Gerüchte entstanden, weil ich weg war. Im Januar habe ich wieder für den MTV Wünsdorf gespielt, da gab es persönliche Angriffe gegen mich. Die Mannschaft, die Bescheid wusste, hat sich vor mich gestellt. Ich wollte da aber niemanden mit hineinziehen. Um diesen Zuständen und dem Gerede ein Ende zu setzen, habe ich mich geoutet. Es gab allerdings auch noch einen ganz anderen Grund.

Welchen?

Ich muss jetzt niemandem mehr dreimal erklären, warum ich kein Bier trinken möchte, das macht es für mich einfacher. Jeder kann jetzt für sich entscheiden, wie er damit umgehen will.

Wie geht es nun weiter?

Ich muss mich jetzt beruflich neu orientieren, ich hatte eine Ausbildung zum Steuerfachgehilfen angefangen, musste diese aber wegen der Therapie abbrechen. Es prasselt im Moment unheimlich viel auf mich ein, das muss ich alles erst mal sacken lassen. Immer wieder kommt es aber auch zu sehr berührenden Momenten, die mir viel Kraft geben.

Welche?

Eine Verkäuferin, bei der ich früher öfter Bier gekauft habe, war ganz verwundert, als ich kürzlich eine Cola bestellt habe. Sie hat dann extra noch mal nachgefragt, ob es wirklich kein Bier sein soll. Nachdem der Artikel auf der Homepage erschienen war, kam sie beim nächsten Mal um den Tresen und sagte: Ich muss dich jetzt erst mal drücken. Da standen mir die Tränen in den Augen.


Interview: Lars Sittig

Von Lars Sittig

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