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Ausbildung & Beruf CJD-Wohnhaus in Seefeld wird 10 Jahre alt
Thema Specials Ausbildung & Beruf CJD-Wohnhaus in Seefeld wird 10 Jahre alt
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00:18 22.02.2016
Josefine Karraß in der Beschäftigungstherapie. Quelle: Beate Vogel
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Seefeld

Eine große Party wird es sicher nicht geben, auch wenn das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) Prignitz Grund zum Feiern hat: Die Wohnstätte für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen im Pritzwalker Ortsteil Seefeld wird zehn Jahre alt. Unter Führung von Hausleiter Gordon Krüger werden in dem Gebäude fünf Männer und zwei Frauen zwischen Anfang 30 und Anfang 50 versorgt.

Die Betreuung von autistischen Erwachsenen ist eine hoch spezialisierte Angelegenheit. Das weiß Jörg Stricker, der beim CJD für den Bereich Behindertenarbeit zuständig ist, ebenso wie Abteilungsleiter Patrick Blumenthal. Beide haben bereits in Seefeld gearbeitet. „Als wir das Haus 2006 eröffnet haben, hatten wir bereits eine siebenjährige Erfahrung“, erzählt Stricker. 1999 sei der erste Klient mit Autismus betreut worden – zunächst in einer Einrichtung, in der geistig behinderte Menschen lebten. Dann wurde ein neues Gebäude bezogen. Doch die neue Einrichtung in Giesensdorf, mitten im Ort und mit den langen Fluren waren für den jungen Mann nichts. Er reagierte am Ende aggressiv. Da er aber nicht in der Psychiatrie enden sollte, startete das CJD zunächst mit vier autistischen Erwachsenen ein Pilotprojekt in Beveringen bei Pritz­walk.

Autisten benötigen eine extrem reizarme Umgebung

2006 bot sich die Gelegenheit, das größere Haus in Seefeld zu übernehmen, zu dem auch eine separate Werkstatt gehört. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung benötigen eine extrem reizarme Umgebung. Stricker: „Da müssen wir uns als Betreuer auch selbst zurücknehmen.“ Wer denkt, mit einem hübschen Bild an der Wand tut er den Leuten einen Gefallen, der irrt. Die Räume im Haus sind karg: Kein Zimmerschmuck, keine Poster, keine bunten Vorhänge oder gar Blümchen zieren Wände und Tische. Bis den Betreuern solche Kleinigkeiten klar waren, war es ein langer Weg, erinnert sich Stricker: „Wir sind mit viel Elan eingestiegen und haben auch Fehler gemacht.“

Oft außergewöhnliche Fähigkeiten

Forschungen im Bereich der Theory of Mind haben zu der Theorie geführt, dass die sozialen Defizite autistischer Kinder bedingt sind durch die Unfähigkeit, sich in die Gedanken und Emotionen anderer Personen hineinzuversetzen. Dieser Zusammenhang ist aber noch umstritten. Die Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, Vermutungen über die Bewusstseinsvorgänge oder Gefühle eines anderen Menschen vorzunehmen.

Für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen ist die alltägliche soziale Interaktion nicht nachvollziehbar. Ihre soziale Kompetenz ist so gut wie nicht ausgeprägt. Sie haben im Alltag Schwierigkeiten, Verhaltensweisen anderer vorherzusehen oder nachzuvollziehen, verstehen die Beweggründe für ein bestimmtes Verhalten nicht oder haben kein Gefühl dafür, wie andere das eigene Verhalten bewerten.

In Bereichen, die für viele Menschen ohne eine autistische Störung zu komplex erscheinen – zum Beispiel Mathematik, Navigation oder Musik – können Autisten außergewöhnliche Fähigkeiten haben.

Das betraf auch die Arbeitswelt der Betreuer, denen unglaublich viel abverlangt wird. „Wir mussten uns oft um die Mitarbeiter kümmern.“ Immer zwei stehen einem Klienten zur Seite – ob Wohn- oder im Beschäftigungsbereich, die räumlich getrennt sind. Sie versuchen, die Wahrnehmungswelt des Autisten zu verstehen. „Wir als Betreuer sind so eine Art Dolmetscher für die Betroffenen“, erklärt Abteilungsleiter Blumenthal. Denn deren soziale Kompetenz sei eingeschränkt: „Das tägliche Miteinander ist für sie eine extrem komplexe Welt, die sie nicht verstehen.“ Manchmal reagieren sie aggressiv.

Andererseits gebe es Welten, die sie mit Leichtigkeit beherrschen, die aber für Menschen ohne eine solche Störung viel zu kompliziert sind. Die Autismus-Spektrum-Störungen seien bei jedem Klienten individuell ausgeprägt. „Wir wissen nicht, wo sich die Persönlichkeit da noch weiter entwickeln kann.“ Und ebenso individuell sei der Alltag in der Wohnstätte. Wenn zum Beispiel beim Spaziergang etwas Unvorhergesehenes geschehen ist, könne es sein, dass der Rest des Tages ganz anders verläuft als ursprünglich geplant.

Ambulante Hilfe ist ein wichtiger Bereich

Ein entscheidender Baustein der Arbeit des CJD in dem Bereich ist die ambulante Hilfe. Die Mitarbeiter betreuen Familien mit Kindern in beiden Landkreisen, so Blumenthal. „Oft werden sie geistig Behinderten gleichgesetzt, aber das sind sie nicht.“ Für Autisten sei in den Testverfahren mitunter die Fragestellung, nicht aber die Aufgabe selbst das Problem: „Dann gibt es falsch-positive Einschätzungen.“ Deshalb brauchen die Betroffenen jemanden, der für sie ein bisschen dolmetschen kann. Vor allem in OPR werden noch Mitarbeiter gesucht.

Im Bereich Autismus beschäftigt das CJD im stationären und im ambulanten Bereich 48 Mitarbeiter. „Wir haben Kooperationen mit dem Sozialpädagogischen Zentrum Neuruppin, dem Landkreis Prignitz, der Jugendhilfe und Autismusverbänden“, erklärt Stricker. Das Netzwerk sei sehr wichtig – für die Klienten ebenso wie für die Mitarbeiter. Deeskalationsmanagement, Supervision, Gesundheitsmanagement und Kommunikation sollen helfen, mit der Arbeit zurechtzukommen. „Unser Ziel ist es, für Menschen mit Autismus eine Welt zu schaffen, in der sie unter anderen leben können“, so Stricker. „Wo sie in der Mitte der Gesellschaft leben können, aber nicht dazu gezwungen werden“, ergänzt Blumenthal.

Von Beate Vogel

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