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Bauen & Wohnen Zahlensalat in der Lärmschutzdiskussion
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14:31 09.06.2015
Lärmschutzwand an der Nutheschnellstraße.  Quelle: MAZ
Drewitz

 Wenn Dennis Dahn die offiziellen Zahlen liest, kommt ihm der Kaffee hoch. „Die rechnen sich das schön, um nichts machen zu müssen“, ärgert sich der 43 Jahre alte Drewitzer, der sein großelterliches Haus in der Turmstraße rund 50 Meter neben der Nutheschnellstraße zu stehen hat: „Seit 15 Jahren fordern wir hier Lärmschutzwände, und nichts passiert.“ Zuletzt hatten der Landesbetrieb für Straßenwesen und die Stadtverwaltung Potsdams vor drei Wochen klar Nein gesagt und erklärt, es seien noch lange nicht die Grenzwerte erreicht, die einen Mauerbau zum Schutz der Anwohner ermöglichen.

Doch die Verkehrsbelastung, die dem Nein zu Grunde liegt, ist zweifelhaft. Den jüngsten Angaben des Landesamtes und von Oberbürgermeister Jann Jakobs im Hauptausschuss zufolge passieren zwar 64000 Fahrzeuge pro Tag die Schnellstraße zwischen Horstweg und Stern-Center; und fürs Jahr 2025 rechnet man mit 81 000. Doch Dahn hat Dokumente auf dem Tisch, die eine andere Sprache sprechen, eine viel dramatischere. So nannte das Umweltamt der Stadt in einem Schreiben an die Nachbarsfamilie Fröhlich im April 2006 schon 74 000 Fahrzeuge. Rüdiger und Ingrid Fröhlich sprechen in einer Beschwerde an den Landesbetrieb im Jahr 2010 sogar von inzwischen 81 000 Fahrzeugen, eine Zahl, die das Infrastrukturministerium des Landes schon 2008 genannt hatte.

Enttäuschte Hoffnung

Das Landesumweltamt hatte damals eine Lärmkartierung der Schnellstraße vorgenommen und den Abschnitt zwischen Wetzlarer und Neuendorfer Straße als den meistbelasteten ausgemacht: 81 000 Fahrzeuge. 75 000 zählte man werktags auf dem Stern-Center-Abschnitt zwischen Neuendorfer Straße (zum Kirchsteigfeld) und Konrad-Wolf-Allee (nach Drewitz), immerhin noch 71000 in den Bereichen vom Horstweg zur Wetzlarer Straße und von der Konrad-Wolf-Allee, also in allen Abschnitten mehr als jetzt. Laut Landesumweltamt sind in der Zuständigkeit des Landes zwischen Zentrum-Ost und Autobahnzubringer A115 rund 1000 Menschen vom Lärm der Schnellstraße betroffen, die als Piste mit der höchsten Verkehrsbelegung in Potsdam bezeichnet wird. Doch nur ein Teil liegt auch wie die Dahns und die Fröhlichs im 100-Meter-Bereich links und rechts der Straße. Dahn geht von etwa 300 Betroffenen aus, denn allein in seinem westlichen Teil der von der Schnellstraße zerschnittenen Turmstraße gibt es außer zahlreichen Einfamilienhäusern auch ein Familienhaus der Arbeiterwohlfahrt. Dahn sagt, die Awo habe bei der Stadt auf Lärmschutz gedrungen, aber nichts erreicht. Er selbst schöpfte im Juni 2008 Hoffnung, als ihm das Straßenverkehrsamt der Stadt schriftlich mitteilte, der Landesbetrieb Straßenwesen plane eine „Lärmschutzwand entlang der Nuthestraße“. Die Hoffnung ist zerstoben.

15 000 Euro für Lärmschutzfenster

 Maximal erlaubt sind 72,9 Dezibel Lärm am Tage und 64,1 dB des nachts, doch bei den Rüdiger und Ingrid Fröhlich, die nur 20 Meter neben der Nuthestraße wohnen, kam man auf 75,5 am Tage und 66,7 in der Nacht. Wie Ingrid Fröhlich berichtet, bot man ihnen ein Ersatzgrundstück in Kleinmachnow an; doch sie wollten das Haus ihrer Eltern nicht verlassen und zahlten die Lärmschutzfenster selbst. Auch Dennis Dahn hat das getan und 15 000 Euro dafür hingeblättert. Man hört den Krach von draußen aber immer noch und auch dann, wenn alle Fenster geschlossen sind. Donnert ein Lastzug mit Hänger mit Tempo 80 vorbei, klappern die Heizung und die Gläser im Küchenschrank, bebt der Boden, schlagen die Deko-Herzen aus Blech an die Fenster. Dahn berichtet, man habe bei ihm eine seismografische Messung gemacht, außerhalb der Berufsverkehrszeit und trotzdem mit Werten deutlich oberhalb des Erlaubten. Das liegt seiner Einschätzung nach am Aufbau der Straße, die einst als Damm durch die sumpfigen Nuthewiesen errichtet wurde mit Bauschutt aus West-Berlin, nicht zermahlen, nur grob verdichtet. Deshalb, so Dahn, habe man vor einigen Jahren schon Absackungen ausgleichen müssen.

Eindeutig laut: Die Lärmwerte in der Nähe des Hauses von Dennis Dahn übertreffen die Grenzwerte bei weitem. Quelle: Rainer Schüler

Den Kfz-Mechaniker Dahn ärgern die Durchschnittswerte, die nicht gemessen, sondern nur berechnet werden, um etwa von Wetterlagen unabhängig zu sein. Das ist bundesweite Praxis, aber trügerisch, weil die häufigen Lärmspitzen hier einfach untergehen: Lastwagen und Busse beim Beschleunigen bergauf in Richtung Stern-Center und beim Bremsen in Richtung Stadt zum Beispiel. Steht der Wind aufs Haus, ist es lauter, und ganz besonders laut ist es bei Regen. Belaubte Bäume dämpfen etwas, winterkahle Bäume nicht. Wegen der aktuellen Baumaßnahmen ist der Verkehr auf Tempo 50 reduziert und damit vorübergehend auch der Krach. Trotzdem merken die Anwohner, dass es vor sieben fließt und viele Laster fahren; das donnert. Wenn der Berufsverkehr einsetzt am Morgen und am Nachmittag stockt der Verkehr und wird erträglich leise, um nach 20 Uhr vor allem durch die Laster wieder anzuschwellen. Dann ist Schlafenszeit, und darum haben die Dahns die Schlafzimmer auch von oben nach unten verlegt und keine Fenster mehr zur Schnellstraße hinaus.

Vor allem die schweren Motorräder nerven

„Als wir das Haus 1978 von den Großeltern übernommen haben, war der Verkehr so dünn, dass wir Jungs mit Katapulten zwischen den Fernwärmerohren auf Autos lauern mussten für einen Schuss. Heute würde ich mit geschlossenen Augen treffen.“ Aber der Verkehr nimmt nicht nur ständig weiter zu; er wird auch anders: Autos haben viel breitere Reifen als vor 20 Jahren, die Rollgeräusche sind deutlich lauter. Auch schwerer sind die Autos inzwischen und viel mehr Lieferlaster unterwegs. Am nervigsten indes findet Dahn die schweren Motorräder, die bergauf so gerne aufdrehen „die Chopper vor allem“. Vor ein paar Jahren fragte ihn die kleine Tochter mal, warum es in Drewitz so oft gewittert; es war kein Donner aus den Wolken.

Einige Häuser sind nur einen Steinwurf von der Schnellstraße entfernt. Quelle: MAZ

Damit es weniger lautstark rollt, baut der Landesbetrieb offenporigen Asphalt, der dämpfen soll, um zwei Dezibel. Drei dB mehr oder minder bedeuten der gängigen Rechnung nach einer Verdoppelung oder Halbierung des Verkehrs. Wenn die aktuelle Baumaßnahme beendet ist, will der Landesbetrieb nochmal selber zählen über 24 Stunden, um „endlich belastbare Werte an der Neuendorfer Straße“ zu bekommen. Vielleicht bekommen die Anwohner dann ja doch noch eine Lärmschutzwand.

Von Rainer Schüler

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