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Essen & Trinken Freie Früchte von fremden Bäumen
Thema Specials Essen & Trinken Freie Früchte von fremden Bäumen
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11:42 07.07.2015
Brandenburger lieben Kirschen, doch im Supermarkt sind sie teuer. Am Straßenrand gibt es sie hingegen oft umsonst. Quelle: dpa
Potsdam/Stahnsdorf

Lust auf Kirschen? In Stahnsdorf gibt es die leckeren roten Früchte in voller Reife – und das ganz umsonst. Dutzende Kirschbäume stehen auf einer alten Streuobstwiese. Sechs Hektar ist sie groß und gehört dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Stahndorf (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Kürzlich haben sich viele helfende Hände zur ersten Kirschernte in diesem Jahr getroffen. Die Initiative „mundraub.org“ hatte zu der gemeinsamen Kirschernte aufgerufen. Die Idee dahinter: Menschen sollen erkennen, wie viel Obst im öffentlichen Raum reif an Bäumen und Sträuchern hängt – häufig aber verkommt. Neben Streuobstwiesen gibt es in Brandenburg vor allem Apfel- und Birnenbäume an Alleen, aber auch Kirschen, Esskastanien oder Nüsse.

Selbstgepflücktes schmeckt anders

Mehr als 20 Menschen haben sich als „Mundräuber“ zum Erntetag angemeldet, eine bunte Truppe: Sie sind Anfang 30, bereits um die 50 oder noch im Kindesalter. Bei Temperaturen weit über 30 Grad stellen sie Leitern an die knorrig-alten Kirschbäume und pflücken das schon fast überreife Obst von den Zweigen: nahezu schwarze, dicke Süßkirschen, rot-gelbliche Glaskirschen und kleine, hellrote säuerlich-süße Früchte.

Kai Gildhorn ist der Gründer der Initiative mundraub.org. Er hat am Wochenende in Stahnsdorf ebenfalls Kirschen gepflückt. Quelle: dpa-Zentralbild

Die Anstrengung lohnt: „Wenn du die Kirschen vom Baum selbst pflückst, schmecken die ganz anders“, meint Eva Rohde. Die Assistentin der Geschäftsleitung für ein Berliner Start-Up trägt zwei Plastikkisten voll Kirschen zu einem Holzverschlag auf der Wiese.

Digitale Karte belebt alte Traditionen

Die 33-Jährige ist zusammen mit ihrem Freund Jan Dreger da. Er meide Obst aus dem Discounter möglichst, berichtet der 34-Jährige. Die Qualität leide unter dem Preisdruck – bei dem Obst auf der Wiese könne man hingegen sicher sein, dass es nicht mit Pestiziden behandelt sei. „Hier haben die Kirschen nur Maden“, sagt er.

Beide sind auf dem Land aufgewachsen und leben jetzt in Berlin – ohne eigenen Garten. Bei einem „Mundraub“-Erntecamp sind sie zum ersten Mal. Sie wissen aber, dass das Pflücken von öffentlich zugänglichem Obst früher für viele Menschen normal war. Irgendwann sei diese gute Idee dann aber wohl eingeschlafen, meint Eva Rohde.

Kai Gildhorn, der das Portal „mundraub.org“ vor sechs Jahren gegründet hat, will sie zum Leben erwecken. Der Weg: Eine digitale Karte mit Punkte, an denen Essbares im öffentlichen Raum - etwa Pflaumen an einem Allee-Baum oder Walnüsse an einem Strauch neben einem Parkplatz - entdeckt wurden. Die Gemeinschaft besteht inzwischen aus über 25 000 Nutzern, über 16 000 Fundorte sind bereits eingetragen. Das Prinzip ist einfach: Habe ich eine öffentliche Stelle mit Früchten, Nüssen oder Gemüse entdeckt, kann ich sie auf der Webseite hinzufügen. In Brandenburg gibt es etliche Einträge – doch es gibt noch viel Kapazität nach oben.

Eigentumsrechte müssen geklärt werden

Zuvor sollten allerdings die Eigentumsrechte geklärt sein, betont Eike Baur von „mundraub.org“. Die Plattform biete den Dienst als gemeinnütziges Unternehmen an, rechtliche Verantwortung für die Obsternte trage sie nicht. Im Zweifelsfall solle nachgefragt werden, ob ein Stück Land nicht doch verpachtet ist oder einen privaten Eigentümer hat, rät er.

Auch in Naturschutzgebieten ist das Ernten verboten. Und übertreiben sollte man nicht: Nach der „Handstraußregel“ darf jeder nur so viel ernten darf, wie er in der Hand mitnehmen kann. Nachzulesen sind derartige Regeln im „Mundräuber Handbuch“ der Initiative.

Die Organisation möchte Menschen mit Hilfe der Daten selbst Aktionen wie Erntecamps motivieren. In Kooperation mit Unternehmen und Kommunen setzt die Initiative sich dafür ein, dass Kulturlandschaften wie alte Obstbaum-Alleen in Brandenburg nachgepflanzt werden. „Das Obst in den Alleen ist nicht mehr ernährungsrelevant, sondern eher lästig, weil Obstbäume Arbeit machen“, erklärt Gründer Gildhorn.

Nach dem Motto „Freies Obst für freie Bürger“ wollen die Initiatoren die Menschen dazu ermutigen, das Allgemeingut für sich zu nutzen - etwa für eine Apfelernte im kommenden Herbst.

Von Charlotte Gerling und MAZonline

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