Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Regen

Navigation:
BER-Manager wegen Korruptionsverdacht beurlaubt

Technik-Chef Jochen Großmann im Fokus der Ermittler BER-Manager wegen Korruptionsverdacht beurlaubt

Der unter Korruptionsverdacht stehende Technikchef des Berliner Hauptstadtflughafens ist beurlaubt worden. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt gegen Jochen Großmann wegen Bestechlichkeit. Es geht um eine halbe Million Euro Schmiergeld: Die Vorwürfe wiegen schwer. Es ist nicht der erste Fall von Korruption am BER.

Voriger Artikel
BER braucht noch mehr Geld
Nächster Artikel
Am BER fliegen nur die Mitarbeiter
Quelle: dpa

Schönefeld. Der unter Korruptionsverdacht stehende Technikchef des Berliner Hauptstadtflughafens ist mittlereweile beurlaubt worden. Das erfuhr die Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch aus verlässlicher Quelle. Demnach will die Flughafengesellschaft sich im Laufe des Tages ausführlich zu dem Fall äußern.

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin prüft jetzt die Unterlagen, die in Büros des unter Korruptionsverdacht stehenden Technikchef des Berliner Hauptstadtflughafens beschlagnahmt worden sind. Dies werde einige Tage dauern, sagte Oberstaatsanwaltschaft Frank Winter. Den Namen des Beschuldigten wollte er nicht nennen.

Jochen Großmann, der wichtigste Mann von Flughafenchef Hartmut Mehdorn, soll bei der Vergabe von Aufträgen an Planungsfirmen „Gefälligkeiten“ eingefordert haben. Der Ingenieur aus Dresden ist für die Umplanung der komplexen Brandschutzanlage am BER zuständig, wegen der die Flughafeneröffnung mehrfach verschoben werden musste. Unlängst hatte Großmann die Anlage als Fehlkonstruktion und „Monster“ bezeichnet.

Der Flughafen hatte die Staatsanwaltschaft selbst eingeschaltet, nachdem er offenbar von einem Planungsbüro über Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe informiert worden war. Großmann soll gegenüber einem potentiellen Auftragsnehmer signalisiert haben, dass er finanziellen Zuwendungen gegenüber aufgeschlossen sei. „Nach unserem bisherigen Erkenntnisstand geht es um rund eine halbe Million Euro Bestechungsgeld“, so Flughafenchef Mehdorn am Dienstag. Um welchen „leitenden Angestellten“ es sich handelt, wollte er nicht sagen.

Jochen Großmann, Technikchef des BER, hier im November 2013.

Quelle: Patrick Pleul

Bei Durchsuchungen in Berlin und Dresden wurden die Ermittler am Dienstag fündig. Laut Oberstaatsanwalt Frank Winter wurden „eher be- als entlastende Beweismittel“ sichergestellt. Großmann ist seit einem Jahr für den BER tätig. Er war zunächst als externer Berater geholt worden. Seit Frühjahr ist er Angestellter der Flughafengesellschaft und neben der Brandschutzanlage auch für die Auftragsvergabe zuständig. Doch der Ingenieur spielt eine nicht unproblematische Doppelrolle: Er ist zugleich Chef des Dresdner Ingenieurbüros Gicon, dessen Mitarbeiter ebenfalls für den BER tätig sind. Unlängst wurde Großmann mit dem sächsischen Unternehmerpreis ausgezeichnet.

Nicht der erste Fall von Korruption

  • Die auf Korruptionsfälle in Brandenburg spezialisierte Staatsanwaltschaft Neuruppin hatte bereits im April 2013 drei Männer angeklagt, weil es beim Bau des neuen Hauptstadtflughafens zu Bestechungen gekommen war.
  • Damals ging es allerdings um Manager von Fremdfirmen. Konkret handelte es sich um den Chef des Märkischen Abwasser- und Wasserzweckverbands (MAWV) und zwei Auftragnehmer. Der Verbandschef soll die beiden Firmen bei der Vergabe von Aufträgen bevorzugt und dafür Gegenleistungen in einer Gesamthöhe von mehr als 50.000 Euro erhalten haben.
  • Die Projekte hatten ein Gesamtvolumen von mehr als 14 Millionen Euro. Der MAWV-Chef war im Zuge der Korruptionsvorwürfe zurückgetreten.

Die Tragweite der Ermittlungen sind noch nicht abzusehen. Sollte bei millionenschweren Aufträgen tatsächlich getrickst worden sein, müssten sie womöglich gestoppt und neu vergeben werden. Das könnte die Fertigstellung des Flughafens weiter verzögern, zumal Flughafenchef Mehdorn wohl einen neuen Technikchef suchen muss. Auch Regressforderungen von unterlegenen Unternehmen sind nicht auszuschließen. Gegen Schadenersatzansprüche in Höhe von bis zu 30 Millionen Euro ist der Flughafen verersichert.

Der Verkehrsexperte der CDU im Landtag, Rainer Genilke, erklärte, er sei „fassungslos“ angesichts der Vorwürfe gegen Großmann. „Auf Grund der Ermittlungen kommen womöglich zusätzliche unkalkulierbare Risiken auf den Flughafen zu.“ Schon jetzt verlangt die Flughafengesellschaft für das nächste Jahr einen finanziellen Nachschlag von 1,1 Milliarden Euro. Die Kosten des BER explodieren und liegen derzeit bei 4,3 Milliarden Euro. FDP-Chef Gregor Beyer vermutet angesichts des Skandals auch Defizite im Kontrollsystem der BER-Spitze. Die Opposition fordert umgehende Aufklärung im Flughafen-Sonderausschuss des Landtags.

BER-Chef gegen Schadenersatzansprüche versichert

Der Chef des Hauptstadtflughafens, Hartmut Mehdorn, ist bis zur Summe von 30 Millionen Euro gegen Schadenersatzansprüche versichert. Versichert sind auch Mehdorns Finanzchefin Heike Fölster sowie die 15 Aufsichtsratsmitglieder um den Vorsitzenden Klaus Wowereit (SPD). Wie der Regierende Bürgermeister mitteilte, wurde die sogenannte Directors-and-Officers-Versicherung noch nicht in Anspruch genommen. Wieviel die Versicherung die Flughafengesellschaft kostet, wollte Wowereit in seiner am Dienstag verbreiteten Antwort auf eine Anfrage der Piratenfraktion nicht kundtun. Dies unterliege dem Betriebsgeheimnis.

Von Torsten Gellner und Volkmar Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Autor Frank Welskop hatte mit seinen Thesen oft Recht

Ein Autor hat bereits vor fünf Jahren das BER-Desaster vorhergesagt. Hören wollte damals niemand auf ihn, doch jetzt werden die Thesen von Frank Welskop von den Experten bestätigt. Für ihn gibt es drei Hauptgründe für das Chaos - und auch die realen Kosten seien viel, viel höher.

mehr
Mehr aus BER Flughafen
Luftbilder vom Flughafen BER

Der Berliner Flughafen BER in Schönefeld aus der Luft. Seit 2006 wir der neue Hauptstadtflughafen gebaut. Mitte Juni 2012 sollte dort der Flugbetrieb aufgenommen werden, doch technische und organisatorische Probleme verzögerten die Eröffnung auf (bisher) unbestimmte Zeit hinaus.