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Am BER fliegen nur die Mitarbeiter

Korruptionsverdacht am Flughafen Am BER fliegen nur die Mitarbeiter

Die Korruptionsaffäre am BER droht den Zeitplan für den Bau des Großflughafens weiter zurückzuwerfen. BER-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn hat seinen Technikchef wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit beurlaubt und kämpft nun gegen weitere Verzögerungen. Der Entwickler der umstrittenen Entrauchungsanlage am Hauptstadtflughafen hat indes Hilfe angeboten.

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Jochen Großmann, beurlaubter Technikchef des Hauptstadtflughafens, steht unter Korruptionsverdacht.

Quelle: dpa

Schönefeld. Der Entwickler der umstrittenen Entrauchungsanlage am Hauptstadtflughafen, Alfredo Di Mauro, hat Flughafenchef Hartmut Mehdorn seine Hilfe angeboten. "Ich stehe ab sofort parat", sagte Di Mauro am Donnerstag. Zuerst hatte er seinen Beistand in einem rbb-Interview angeboten. Di Mauro war erst vor wenigen Wochen von der Flughafengesellschaft entlassen worden, weil der neue Technik-Chef Jochen Großmann seine Planungen für fehlerhaft hielt. Die Pläne des Ingenieurs landeten im Reißwolf. Unterdessen hat Mehdorn aber seinen neuen Technikchef wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit beurlaubt.

Di Mauro traut sich zu, die Entrauchung in Gang zu bekommen. "Ich werde die Anlage, die ich kenne, in Betrieb bringen", sagte er dem rbb. Ein Flughafensprecher wollte das Angebot nicht kommentieren.

Korruptionsaffäre: Alles halb so wild?

Hartmut Mehdorn übt sich inpuncto Korruptionsaffäre in Gelassenheit. „Es steht und fällt nicht mit einem einzelnen Mitarbeiter“, sagt der Flughafenchef. Alles also halb so wild? Der einzelne Mitarbeiter, von dem Mehdorn spricht, ist nicht irgendwer. Jochen Großmann war der Hoffnungsträger, der mit nüchternem Sachverstand die verworrene Brandschutzanlage am Flughafen reparieren und damit den BER in Schönefeld (Dahme-Spreewald) endlich startklar machen sollte.

Am BER fliegen nur die Mitarbeiter

  • Am Flughafen BER sorgen Personalrochaden und Rauswürfe für Schlagzeilen. Der Bundesrechnungshof warnte sogar schon vor Personalengpässen und forderte den Aufsichtsrat auf, Flughafenchef Hartmut Mehdorn besser zu kontrollieren.
  • Hans-Joachim Paap: Der Architekt war kurz nach der verpatzten Eröffnung gefeuert worden. Mehdorn holte ihn nach einem Jahr wieder zurück.
  • Horst Amann: Der Technikchef vertrug sich gar nicht mit Mehdorn. Amann wurde die Entsorgungssparte des BER zugeteilt. Inzwischen ist er freigestellt – bei vollen Bezügen.
  • Harald Siegle: Der Chef des Immobilienbereichs des Flughafens warf in einem Brandbrief an den Aufsichtsrat Mehdorn Konzeptlosigkeit vor, nachdem Mehdorn Siegles Abteilung abwickeln wollte. Siegle ist gefeuert.
  • Regina Töpfer: Mehdorn beförderte die Arbeitsschutzleiterin zur Bau-Chefin. Wenige Monate später ließ er sie wieder abberufen.
  • Alfredo di Mauro: Der Planer zeichnet für die nicht funktionsfähige Brandschutzanlage verantwortlich und wurde auf Betreiben des nun ebenfalls freigestellten Technikchefs Jochen Großmann gefeuert. Di Mauro bietet nun seine Hilfe an.

Der Dresdner Ingenieur, der Honorarprofessor der BTU Cottbus ist, wurde am Mittwoch von seinen Aufgaben entbunden, nachdem die Staatsanwaltschaft Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) gegen ihn wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Eine halbe Million Euro soll Großmann eingefordert haben im Rahmen eines verbotenen Kick-back-Geschäfts: Für die Vergabe eines Auftrags an eine Planungsgesellschaft im niedrigen einstelligen Millionenbereich, wie es heißt, soll Großmann eine Extrazahlung in Höhe von rund 500.000 Euro verlangt haben. Die Summe sollte als Dienstleistungsauftrag kaschiert an Großmanns Dresdner Firma Gicon fließen, kam dort aber nie an. Die Mitarbeiter in der Bieterfirma wurden offenbar wegen der Extrazahlung stutzig und informierten die Flughafengesellschaft. Die schaltete am Mittwoch vergangener Woche die Staatsanwaltschaft ein, die auch gegen einen Mitarbeiter der Bieterfirma ermittelt.

Aufsichtsrat steht vor einer Sondersitzung

Großmann konnte, wie neulich im Sonderausschuss BER im Brandenburger Landtag, mit ernsthafter Begeisterung erklären, warum die Entrauchung des BER-Terminals nicht funktionierte und wie die Steuerung gemeinsam mit den Technikern von Siemens nun in den Griff zu kriegen ist. Mehdorn hält an Großmanns Vorarbeit fest. „Für die wesentlichen technischen Fragestellungen, die bislang einer Eröffnung des BER im Weg standen, haben wir Lösungen erarbeitet und die Planungen aufgenommen“, sagt er. „Das Inbetriebnahmeprojekt ist sehr solide aufgestellt.“ Großmanns Aufgaben soll kommissarisch Bauleiter Frank Röbbelen übernehmen.

Der Aufsichtsrat, der am Dienstag telefonisch über den Fall informiert wurde, will es genauer wissen und steht vor einer Sondersitzung. „Wir brauchen schnellstens Klarheit über den Vorfall selbst, mögliche Weiterungen und insbesondere über die möglichen Auswirkungen auf den weiteren Planungs- und Bauablauf“, sagt Brandenburgs Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider (SPD). Dahinter steht die begründete Angst, dass der Korruptionsfall das Pannenprojekt um weitere Monate zurückwerfen könnte. Schließlich fehlt nicht nur der zentrale Planer, es ist auch völlig unklar, ob weitere Aufträge und Planungen unter Großmanns Ägide unrechtmäßig erfolgt sind.

Grüne fordert: „Es ist höchste Zeit, Herrn Mehdorn abzuberufen“

Aufsichtsratschef Klaus Wowereit (SPD), der sich gerade in Peking befindet, steht weiter hinter seinem Flughafenchef. Niemand sei vor kriminellen Handlungen gefeit, sagt er. Mehdorn habe richtig und unverzüglich gehandelt. Das sehen manche anders. Der Aufsichtsrat habe Mehdorn zu lange freie Hand gelassen, konstatiert Brandenburgs Grünenfraktionschef Axel Vogel. Mehdorns Personalpolitik (siehe Kasten) habe dem Projekt schweren Schaden zugefügt, so Vogel. „Es ist höchste Zeit, Herrn Mehdorn abzuberufen“, fordert er.

Die Korruptionsaffäre rückt das interne Vergaberegelwerk der Flughafengesellschaft in den Fokus. Die Regeln seien in Ordnung, sagt Mehdorn. Trotzdem wird sich der BER-Sonderausschuss im Landtag wohl auch mit der Frage befassen, warum Jochen Großmann mit seiner Firma den Flughafen beraten konnte, gleichzeitig aber für die Auftragsvergabe zuständig war und inwiefern dabei seine eigene Firma profitiert hat.

Von Torsten Gellner

 

Am BER fliegen nur die Mitarbeiter

Torsten Gellner zum Korruptionsverdacht am BER
Es hilft nur noch Sarkasmus: Wenigstens etwas läuft am BER wie geschmiert, und sei es die unkonventionelle Art der Auftragsvergabe. Es ist gar nicht mal so überraschend, dass ein derart unübersichtliches Bauprojekt den einen oder anderen in die Versuchung bringt, sich persönlich zu bereichern. Beispiellos ist, dass es ausgerechnet der gut bezahlte Technikchef und Hoffnungsträger Jochen Großmann sein soll, der sich einen üppigen Bakschisch sichern wollte.

Die Kommentare aus dem Aufsichtsrat sind so erwartbar wie banal. Niemand sei vor krimineller Energie gefeit. Stimmt schon. Aber die Causa Großmann ist ein weiterer Beleg für eine völlig wirre und verfehlte Personalpolitik, die der zunehmend hilflos wirkende Aufsichtsrat einfach hinnimmt. Planer und Architekten wurden gefeuert, dann wieder zurückbeordert. Der rausgeekelte Technikchef Horst Amann wird fürs Nichtstun bezahlt. Bauleiterin Regina Töpfer hatte kaum ihren Helm aufgesetzt, als sie schon wieder gehen musste. Und Liegenschaftsmanager Harald Siegle flog, weil er Kritik an den Zuständen in Schönefeld wagte.

Flughafenchef Hartmut Mehdorn lügt sich selbst in die Tasche, wenn er behauptet: „Das Inbetriebnahmeprojekt ist sehr solide aufgestellt.“ Es gibt keinen Kostenplan, keinen Eröffnungstermin, keinen Technikchef mehr, und alle Aufträge und Planungen, die Jochen Großmann zu verantworten hatte, müssen nun womöglich revidiert werden.
Wenn es das ist, was Mehdorn unter solide versteht, dann darf er am BER keinen Tag länger die Geschäfte führen.

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Luftbilder vom Flughafen BER

Der Berliner Flughafen BER in Schönefeld aus der Luft. Seit 2006 wir der neue Hauptstadtflughafen gebaut. Mitte Juni 2012 sollte dort der Flugbetrieb aufgenommen werden, doch technische und organisatorische Probleme verzögerten die Eröffnung auf (bisher) unbestimmte Zeit hinaus.