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Garnisonkirche in Potsdam "Man müsste Heiligkreuzkirche sagen"
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11:29 23.07.2014
Manfred Stolpe spricht sich für eine Umbenennung der Garnisonkirche aus. Quelle: Detlev Scheerbarth
Potsdam

MAZ: Herr Stolpe, hat Sie der Erfolg des Bürgerbegehrens, bei dem mehr als 16.000 Unterschriften zusammengekommen sind, sehr überrascht?
Stolpe: Ich habe damit gerechnet. Weil die Befürworter – und dazu zählt auch das Kuratorium der Garnisonkirchenstiftung und auch ich – sehr wenig gemacht haben, um zu erklären, was sie vorhaben.

Da klingt aber Kritik durch.
Stolpe: Ganz ohne Zweifel.

Was muss kommen?
Stolpe: Es ist das Gute an dem Bürgerbegehren, dass wir jetzt allmählich nachdenken müssen, wie wir unsere Position rüberbringen. Ich trete dafür ein, dass man Turm und Kirchenschiff nicht immer in einen Topf wirft. Das sind zwei verschiedene Vorhaben. Am Ende wird der Turm stehen mit einem Schiff, von dem ich noch nicht sagen kann, wie es aussieht. Es gibt ja Leute, die wollen es modern haben. Sie ahnen gar nicht, wie viele Nutzungs-Ideen ich aus der Stadt gehört habe: Kulturzentrum, Versammlungsort, Galerie. Für mich fängt die Diskussion schon da an, ob man nicht "Heiligkreuzkirche" sagen müsste. 1949 hat die Gemeinde die Kirche mit Zustimmung der Kirchenleitung in Heiligkreuzkirche umbenannt. Damals ist eine Weiche gestellt worden gegen Militarismus, für Frieden und Toleranz.

Contra Kirche: Lutz Boede (49) ist der eloquente Vertreter der linksalternativen Szene in der Politik. Er sitzt für die Gruppierung "Die Andere" in der Stadtverordnetenversammlung und hat gute Kontakte in die SV-Babelsberg-Fanszene. In der DDR war er einige Monate wegen politischer Aktivitäten im Stasi-Knast in der Lindenstraße inhaftiert. Er ist einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens gegen den Wiederaufbau der Kirche. Quelle: Detlev Scheerbarth

Herr Boede, 16.000 Stimmen gegen die Kirche. Ist das wirklich ein Erfolg, wenn nur jeder zehnte Potsdamer gegen den Wiederaufbau ist.
Boede: Na, wir werden einmal sehen, ob es wirklich nur jeder zehnte ist. Ein Bürgerbegehren ist ja rechtlich ein Antrag auf einen Bürgerentscheid. Der Antrag ist eingebracht, und wir werden sehen, was die Stadt damit macht. Wir hoffen, dass die Verantwortlichen in Stadt und Land alles dafür tun, diesen Entscheid zu verbinden mit der Landtagswahl. Das ist der allgemeine Trend. Wir gehen davon aus, dass die Trickserei mal ein Ende hat.

Der „Ruf aus Potsdam“ für den Aufbau der Kirche ist zehn Jahre her. Herr Boede, warum kam Ihr Bürgerbegehren erst im Vorfeld der Kommunal- beziehungsweise der Landtagswahl? Warum nicht vorher?
Boede: Es gibt ja schon seit Jahren kritische Stimmen zu dem Aufbauprojekt, zu denen auch meine gehört. Für ein Bürgerbegehren gibt es eine hohe Hürde in Brandenburg. Hätte der Bund nicht die Mittel für den Wiederaufbau freigegeben, wäre es schwierig geworden. Wir haben alle nur begrenzte Lebenszeit und unsere Einschätzung war: Jetzt ist die Zeit reif, dieses Bürgerbegehren zu starten, und der Erfolg gibt uns ja recht.

Der Streit

  • Die Garnisonkirche war beides: Bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands und Symbol für den Aufstieg des Nationalsozialismus ("Tag von Potsdam", 21. März 1933). Der höchste Turm der Stadt und Kultort des preußischen Militarismus.
  • Die Initiatoren des Bürgerbegehrens wollen die Stadt zwingen, den Wiederaufbau zu behindern. 16.000 Stimmen haben sie gesammelt.
  • Die Wiederaufbau-Freunde hoffen hingegen, dass der Turmbau bald starten kann – die Turmbasis ist bereits freigelegt.

Herr Stolpe, die Verwendung von Steuermitteln für den Wiederaufbau ist einer der Hauptkritikpunkte. Ist das gerechtfertigt und warum?
Stolpe: Das sind die Mittel, die die Kulturministerin freigibt für Kulturpflege und Erhalt von Denkmälern. Das gilt für ganz Deutschland. Die Frage der Wiedergutmachung spielt hier aber auch eine Rolle. Und da setzt mein persönliches Erleben ein, wie das 1968 gelaufen ist. Wir hatten ja eine richtig komplette Kapelle eingebaut im Turm. Er war keine Ruine. Die Stadt war nicht für den Abriss. Aber 1968 war das Jahr des Prager Frühlings. Ulbricht wollte zeigen, wer in der DDR Herr im Hause ist.

Zurück zu den Steuermitteln. Es gab das Versprechen des damaligen Chefs der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau (FWG), Johann-Peter Bauer, dass kein Steuergeld verwendet wird. Wie passt das zusammen? Kritiker sagen, es ist ein Wortbruch.
Stolpe: Es ist ja wirklich ein ganz spezielles Geld, das da eingesetzt wird zum Erhalt und zum Wiederaufbau von denkmalwerten Gebäuden.

Pro Kirche: Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD, 78) ist ein Kirchenmann mit viel diplomatischer Erfahrung: 1982 bis 1990 war er Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und Vize-Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Mit dem Schicksal des Garnisonkirchturms war der Kirchenjurist schon vor dessen Sprengung 1968 beruflich befasst. Heute sitzt Stolpe im Kuratorium der 2008 gegründeten Stiftung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche und ist trotz seiner Krebserkrankung der wohl aktivste Wiederaufbau-Vorkämpfer. Quelle: Detlev Scheerbarth

In Brandenburg haben aber viele Kirchen einen Sanierungsstau.
Stolpe: Sie können das Geld nicht umleiten. Man kann nicht sagen, dass man eine Zusage über zwölf Millionen hat und die teilt man dann auf die anderen Kirchen auf.
Boede: Ich denke, das kann man so nicht stehen lassen. Es gab das Versprechen: Keine Steuergelder für die Kirche. Ohne dieses Versprechen hätten die Stadtverordneten damals nicht so zugestimmt.
Stolpe: Weiß man nicht.
Boede: Für mich ist die Geschäftsgrundlage entfallen durch diesen Wortbruch. Man kann auch nicht so tun, als wäre dieses Geld sonst nicht verwendbar. Es gibt so viel schützenswerte authentische Bausubstanz, etwa die Friedenskirche. Das Geld könnte man auch aus diesem Topf nehmen.
Stolpe: Das bestreite ich.

Herr Boede, trauen Sie der Potsdamer Zivilgesellschaft eigentlich nicht zu, dass sie die Garnisonkirche so im Auge behalten würde, dass dort nichts Schlimmes passiert?
Boede: Die Zivilgesellschaft lässt man ja da nicht machen. Man entzieht ja dieses Projekt komplett der öffentlichen Diskussion. Man zieht das ins Kirchenrecht hinein.
Stolpe: Aber es diskutiert doch alle Welt.
Boede: Aber ungefragt und ungewünscht. Und unserem Oberbürgermeister gefällt das nicht.
Stolpe: Und ich will dazu sagen: Das, was Sie in Gang gesetzt haben, brauchen wir eigentlich! Ich als jemand, der im Kuratorium sitzt, bin froh, dass endlich das Gespräch in Gang kommt.
Boede: Ja, das hoffen wir auch. Und wir hoffen, dass Sie als Mitglied im Kuratorium sich dem Votum der Bevölkerung beugen werden, falls der Bürgerentscheid erfolgreich ist. Wir würden es andersrum auch so machen.

Potsdam hat den Wiederaufbau der in der DDR als Kriegsruine gesprengten Garnisonkirche genehmigt. Im Herbst 2017 soll mit dem Bau der Replik des prägnanten Barockturms mit einer spektakulären Aussichtsplattform beginnen.

Sie würden es akzeptieren, falls es ein Votum für die Kirche gibt?
Boede: Ja. Wenn die Mehrheit das so entschieden hat, dann kann ich meinen Frieden damit machen. Allerdings glaube ich das nicht. Und die Kirche täte auch gut daran zu sagen, dass es eine Grenze gibt für das Bauvorhaben: Wenn die Bevölkerung das ablehnt, kann man das in einer Demokratie nicht bauen.
Stolpe: Da muss ich Ihnen zur Seite treten. Was da jetzt mit dem Bürgerbegehren läuft, ist ja rechtlich sehr umstritten. Das ist aber gar nicht mein Thema. Mein Thema ist, dass Menschen unterschrieben haben, dass sie Zweifel haben an dem Aufbau. Ich möchte mit denen ins Gespräch kommen. Klar ist: Im Turm ist ein Zentrum für Frieden und Abrüstung, Toleranz und Dialog, gegen Krieg und Militär vorgesehen. Wir müssen uns auch noch intensiver als bisher damit befassen, wie man den Neonazis begegnet. Ich schaue mit Besorgnis auf die Gefahren von Rechts, gerade im Hinblick auf die Landtagswahl.
Boede: Wenn die Kirche sich diesen Themen widmet, ist das völlig legitim und das begrüßen wir. Aber dafür hat die Kirche genug andere Räume.
Stolpe: Nicht an so einem markanten Punkt, wo das festgemacht werden kann.
Boede: Die Frage ist, ob das in der Formensprache der Garnisonkirche sein muss. Gegen ein Versöhnungszentrum an diesem Ort hätte niemand etwas – und es wäre günstiger. Da frage ich mich: Wie wichtig ist den Leuten Versöhnungsarbeit? Und warum fangen sie nicht einfach an?

Prüfung von Bürgerbegehren Garnisonkirche beendet

Die Prüfung der Unterschriften des Bürgerbegehrens Garnisonkirche ist beendet. Der Wahlleiter der Stadt, Matthias Förster, werde am Montag (21. Juli) das Ergebnis vorstellen, teilte ein Sprecher am Freitag mit. Damit sich das Potsdamer Stadtparlament mit der Initiative gegen den Wiederaufbau der zerstörten Garnisonkirche befasst, sind 13.500 gültige Unterschriften nötig. Die Initiatoren hatten am 7. Juli mehr als 16.000 Unterschriften übergeben. Das Wahlamt hat dessen Gültigkeit überprüft. Zudem sei eine rechtliche Prüfung vorgenommen worden, ob die Fragestellung zulässig sei, sagte der Stadtsprecher.

Die Debatte wird sehr unversöhnlich geführt. Es gibt eine Spaltung in der Stadt. Herr Stolpe, Sie waren immer ein Mann des Kompromisses. Wo ist für Sie die Kompromisslinie mit den Gegnern?
Stolpe: Ich habe ja die Hoffnung, dass wir bei Inhalt und Gestaltung des Turm-Innenraums nicht weit voneinander entfernt sind. Es ist Ihnen doch auch wichtig, gegen Neonazismus und für Frieden und Versöhnung einzutreten. Die Diskussionsbereitschaft, die Sie zeigen, macht mir deutlich, dass man miteinander Dialog führen kann. Ich wünschte mir eigentlich von Ihnen, dass Sie sagen: Ich mache mit; will aber wissen, was daraus wird.

Und wo ist Ihre Kompromisslinie, Herr Boede?
Boede: Wenn die Garnisonkirche vom Tisch ist, kann die Bevölkerung in einem Ideenwettbewerb darüber diskutieren, was man mit diesem Ort machen soll: eine Erinnerungsstätte, ein Gedenkzentrum. Und am Ende überlegt man, in welcher Formensprache man das machen möchte. So ein Projekt könnte versöhnen.

Ihre Meinung ist gefragt

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Die Kirche ist für Sie also nicht kompromissfähig?
Boede: Nein, der nach außen originalgetreue Aufbau ist ja kein Kompromiss, sondern eine Maximalforderung.

Was wird in zwei Jahren über das Projekt in der Zeitung stehen?
Stolpe: Dass am Turm gebaut wird.
Boede: Ich weiß nicht, ob das Thema in zwei Jahren schon erledigt ist. Aber in 20 Jahren wird keiner mehr verstehen, wie man je auf die Idee kam, diese Kirche wiederaufzubauen.

Interview: Ulrich Wangemann und Ildiko Röd

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