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Landtagswahl 2014 Das sind die Polit-Neulinge der AfD
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13:20 16.09.2014
Von links oben im Uhrzeigersinn: Birgit Bessin, Franz Wiese, Steffen Königer, Christina Schade, Thomas Jung, Rainer van Raemdonck. Quelle: dpa/Stähle
Potsdam

Birgit Bessin war noch nie im Potsdamer Landtag, nicht als Besucherin, geschweige denn als Politikerin. In einem Monat, wenn sich der neue Landtag formiert, wird die 36-Jährige dort ihren Arbeitsplatz einrichten – als eine von elf Abgeordneten der Alternative für Deutschland (AfD). "Fassen kann ich das noch nicht", sagt sie am Tag nach der Landtagswahl. "Das kommt wohl erst, wenn ich den Landtag das erste Mal betrete."

In ihrer neuen Fraktion wird die Wirtschaftsjuristin aus Nuthe-Urstromtal (Teltow-Fläming) in der Minderheit sein. Sie ist mit Christina Schade aus Hoppegarten (Märkisch-Oderland) allein unter Männern, fällt aber auch aus der Rolle, weil die AfD ihre erste politische Heimat ist. "Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich wählen könnte", sagt sie. Dann sei die AfD gekommen und habe sie mit ihren Themen überzeugt.

Die meisten ihrer Mitstreiter haben dagegen schon eine ganze Reihe von Parteibüchern verschlissen. Die Biografien der AfD-Abgeordneten decken das gesamte politische Spektrum ab. Sie waren in der FDP, bei der CDU, den Republikanern oder bei der islamfeindlichen Freiheitspartei. Selbst ehemalige SED-Mitglieder und Mitstreiter des Neuen Forums ziehen mit der AfD in den Landtag ein.

Was sie eint: Sie alle verweisen gerne auf den "gesunden Menschenverstand", den sie zurück in die Politik bringen wollen. Aber was heißt das? So unterschiedlich die politischen Erfahrungen der AfD-Repräsentanten sind, so unterschiedlich könnten ihre Erwartungen an die Fraktionsarbeit sein. Flügelkämpfe, Personalquerelen und Dilettantismus will AfD-Landeschef Alexander Gauland (73) vermeiden. Noch am Wahlabend wies er die Neulinge deshalb auf die "große Verantwortung" hin, die mit ihren Mandaten einhergeht. "Wir müssen noch viel lernen", erklärte er.

Vielleicht hatte er dabei auch Franz Wiese im Blick, einen Exil-Bayern mit breitem Kreuz und ebensolchem Dialekt, der im Oderbruch ansässig geworden ist. Wiese, der über Listenplatz drei in den Landtag zieht, hat eine eigene Vorstellung von der Arbeit, die ihn dort erwartet. Das Aktenwälzen wolle er lieber seinen "Referenten" überlassen, sagte er. "Ich werde reisen. Wenn meine Anwesenheit im Landtag nicht dringend erforderlich ist, werde ich unterwegs sein."

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Viele der Neulinge sind parteipolitisch Enttäuschte. Gauland selbst kehrte seiner langjährigen Heimat, der CDU, den Rücken, als diese sich bis zur Profillosigkeit modernisierte. Auch Steffen Königer aus Werder (Havel) hat manche Enttäuschung hinter sich. Er sagt heute von sich, er sei ein „freiheitsliebender Bürgerlich-Konservativer“. Zur Wendezeit war er beim Neuen Forum, kam dort aber mit seinem Deutschlandbild nicht gut an. Zehn Jahre später heuerte er beim "Bund freier Bürger" an, einer Splitterpartei, die der Verfassungsschutz als „nationalliberal“ einstufte. Dann suchte Königer Kontakt zur CDU, doch die wollte ihn nicht. Sein Job war der Partei offenbar zu heikel: Königer arbeitete vier Jahre für die umstrittene rechtskonservative Zeitung "Junge Freiheit". Im Landtag wird er schon durch seine sportliche Statur und seinen Zopf auffallen. 1995 war er zum schönsten Mann der Mark, zu "Mister Brandenburg" gekürt worden.

90.000 Euro im Monat für die Fraktion

  • 89.468 Euro Fraktions- und Oppositionszulage erhält die neue elfköpfige AfD im Brandenburger Landtag im Monat.
  • Einer der neuen Abgeordneten konnte es am Wahlabend kaum erwarten: Als Erster habe er per Fax mitgeteilt, dass er die Wahl annimmt, sagte Wahlleiter Bruno Küpper gestern. Dabei stand das Endergebnis noch nicht fest. Wer der vorschnelle Abgeordnete war, verriet Küpper nicht.
  • Ihr bestes Ergebnis fuhr die AfD in Lawitz (Oder-Spree) mit 28,1 Prozent ein. In Zeestow (Havelland) kam sie auf 27 Prozent.

Eine noch buntere Biografie, die ihn vom linken bis an den rechten Rand führte, hat Rainer van Raemdonck aus Falkensee (Havelland) hinter sich. Zu DDR-Zeiten gehörte er der SED an, die er nach eigenen Angaben im März 1989 verließ. Später ging er zur CDU, um dann, beflügelt von den Thesen Thilo Sarrazins, bei der euro- und islamkritischen Partei "Die Freiheit" sein Glück zu suchen.

Dort war er stellvertretender Landeschef – hinter seinem neuen Fraktionskollegen Thomas Jung. Auch er war bei der CDU, engagierte sich dann im "Aktionsbündnis Linkstrend stoppen" gegen die Öffnung der CDU. Neben Kritik an der Homo-Ehe machte diese Basisinitiative enttäuschter Konservativer Stimmung gegen die Euro-Rettungspolitik. Ein Thema, das Jung als Landeschef der "Freiheit" wieder aufgriff.

Thomas Jung kämpft gegen die Verbreitung der Gender-Lehre, die traditionelle Geschlechterbegriffe infrage stellt. Darin ist er sich einig mit seinem Parteifreund Andreas Galau aus Hennigsdorf (Oberhavel). Er fordert drastische Mittelkürzungen bei den "Lieblingsprojekten linker Sozialromantik" wie die "Gender-Religion oder die Einheitsschule". Galau hat politisch viele Farben getragen. Erst war er bei der CDU, dann bei den Republikanern, schließlich lange bei der FDP.

Parteichef Alexander Gauland hatte kürzlich erklärt, man könne doch niemandem die Mitgliedschaft in der AfD verweigern, nur weil er für kurze Zeit „Mitglied in einer rechten Partei“ gewesen sei. Schließlich bestehe auch die Linkspartei zu einem großen Teil aus Menschen, die sich einmal auf einem politischen Irrweg befunden hätten.

Von Torsten Gellner

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