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Landtagswahl 2014 Torben Reichert übt sich früh in Opposition
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13:23 30.08.2014
Torben Reichert ist seit 2012 Vorsitzender des Stadtverbandes Potsdam der Piratenpartei. Quelle: Volker Oelschläger
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Potsdam

Der Vater Direktor einer kleinen Bank und später im Hedgefondsvertrieb tätig, die Mutter Hausfrau. Die Familie evangelisch und seit Großvaters Zeiten "klassische SPD-Klientel". Der Sohn ein Pirat. Aufgewachsen ist Torben Reichert (32) in Engelskirchen bei Köln. Er besucht das Collegium Josephinum in Bonn. Betreiber der Internatsschule in einem alten Kloster sind die Redemptoristen, die römisch-katholische Ordensgemeinschaft der "Kongregation des Heiligsten Erlösers". Zum Kloster gehört ein kleiner Zoo. Im Schulflur haust ein Ara, im Klassenzimmer werden in einem Terrarium Wüstenspringmäuse gehalten, als Anschauungsobjekt und als Futter für zwei Königspythons: "Man hat da ein bisschen den Kreislauf des Lebens vor Augen gehabt." Realschüler Reichert übt mit kritischen Fragen Opposition: "Ich war da ein ziemlicher Stänkerer. Einer der Pater hat mich liebevoll mit 'Da ist ja der Ketzer!' begrüßt." Ersten Kontakt mit Computerspielen hatte er im hochgerüsteten Funkerkeller des Großvaters. Bei den Redemptoristen gab es einen Computerraum. Für die Schulfeste programmierte Reichert "Spielhöllen mit mehren Computern". Der Erlös ging an die Partnerschule in Togo.

Nach dem Schulabschluss wechselt der Vater den Job und die Familie zieht nach Fichtenwalde. Der Sohn besucht ein Gymnasium in Neukölln und tritt in Brandenburgs SPD ein: "In meinem Ortsverein habe ich den Altersschnitt um 50 Jahre unterboten." Mit einem CDU-Kollegen im Gymnasium "habe ich durchgerechnet, dass wir uns im Bundestag wiedertreffen". 2004 beginnt er ein Jurastudium an der Uni Potsdam.

Freifunker, Kletterer, Computerexperte

  • Torben Reichert, geboren am 29. April 1982, aufgewachsen in Engelskirchen im Rheinland in einer „Patchworkfamilie“. Er zieht 1998 mit dem Vater ins Berliner Umland, kehrt für den Zivildienst 2002/03 in Bonn zurück an den Rhein. Seit 2004 Jurastudium an der Universität Potsdam.
  • Erste politische Gehversuche bei der märkischen SPD enden im Verdruss. 2008 tritt Reichert für die Potsdamer SPD auf einem hinteren Listenplatz im Kommunalwahlkampf an. Kurz darauf verlässt er die Partei. Der Computerspezialist wird Mitglied des Chaos Computer Clubs. 2009 sammelt er Unterschriften für den Europawahlkampf der Piratenpartei. 2011 wird er Mitglied, 2012 Vorsitzender des Stadtverbandes Potsdam. Reichert engagiert sich für den Freifunk Verein, der ein frei zugängliches WLan-Netz aufbauen will, und ist seit sechs Jahren aktiver Kletterer im Alpenverein.
  • Im Wahlkreis 21 mit der nördlichen Innenstadt, den nördlichen und westlichen Vorstädten sowie Babelsberg tritt Torben Reichert an gegen Klara Geywitz (SPD), Anita Tack (Linke), Wieland Niekisch (CDU), Axel Graf Bülow (FDP), Marie Luise von Halem (Grüne), Wolfgang Cornelius (BVB), Alexander Gauland (AfD) und Bettina Franke (Die Partei).

Das Zwischenmenschliche bei den Sozialdemokraten sagt ihm nicht zu. Er beobachtet die Entwicklung der Piratenbewegung. Doch zunächst wird Reichert Mitglied im Chaos Computer Club, der ein Menschenrecht auf weltweite, ungehinderte Kommunikation durchsetzen will. Wegen des umstrittenen Stoppschildgesetzes, mit dem die damalige CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen den Zugang zu Internetseiten etwa mit Kinderpornographie erschweren will, verlässt Reichert die SPD, die in der Koalition Treue zeigte. Er meint, dass Sperren mehr schaden als nützen, einfacher wäre die Löschung solcher Seiten. Das Gesetz wird 2011 aufgehoben.

2011 ziehen die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus ein: "Eigentlich wollte ich nie wieder in eine Partei eintreten. Doch nach der Berlin-Wahl sind so viele Leute hineingekommen, dass Grundüberzeugungen wie die Informations- und Meinungsfreiheit ins Hintertreffen gerieten." Seit 2012 ist Reichert Vorsitzender des Stadtverbandes Potsdam mit seinen 130 Mitgliedern. Im Wahlkreis 21 bewirbt er sich nun als Direktkandidat für den Landtag. Es ist das zweite Mal nach 2008, dass er um ein politisches Amt kämpft. Zur Kommunalwahl kandidierte Reichert damals am Schlaatz auf einem Listenplatz für die SPD.

Drei Fragen an Torben Reichert

Welche Projekte wollen Sie im Falle des Erfolges in Ihrem Wahlkreis voranbringen?
Ich weiß, dass ich keine Chance auf einen Erfolg habe. Wir wollen den Wahlkampf nutzen, um Themen zu kommunizieren, die uns wichtig sind.

Was für Themen sind das?
An erster Stelle steht für mich die Informationsfreiheit mit der Maßgabe: öffentliche Daten nutzen, private Daten schützen. Genauso wichtig sind mir frühzeitige Beteiligung und Transparenz bei politischen Verfahren.

Trotz thematischer Steilvorlagen wie dem Überwachungsskandal können die Piraten öffentlich kaum noch punkten. Wo liegt das Problem?
Trotz niedriger Beteiligungsschwelle fehlt uns für politische Arbeit oft Struktur. Die Beschlussfindung nur in Anwesenheitsparteitagen ist zudem undemokratischer als etwa Parteitage mit Delegierten.

Von Volker Oelschläger

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