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Potsdamer Konferenz Weltpolitik im Villenviertel
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15:06 13.07.2015
Die Villa Urbig im Sommer 2015. Quelle: MAZonline
Potsdam

Harry S. Truman war nicht gerade begeistert von seiner Residenz, die seine Adjutanten das „Berlin White House“ nannten. Das Problem für den architekturinteressierten Truman war nicht die Lage, es war die Architektur des 1891 für den Verleger Carl Müller-Grote erbauten Hauses Erlenkamp in der Kaiserstraße 2. „Es ist ein ruiniertes französisches Chateau – ruiniert durch das deutsche Bemühen, das Französische zu verstecken“, notierte Truman in seinem Tagebuch. Besonders über die Schornsteine beschwerte er sich, das Haus erinnere ihn damit an den Bahnhof von Kansas City. Die Möbel seien ein „Alptraum für jeden Inneneinrichter“, nichts passe zusammen. Schließlich hatten die sowjetischen Organisatoren eilig Möbel aus anderen Babelsberger Häusern herangeschafft.

Stalin hingegen zeigte sich zufrieden mit seinem Quartier am anderen Ende der Kaiserstraße, das einst dem Kaufhausinhaber Herpich gehört hatte. Bei seiner Ankunft am 17. Juli nach zweitägiger Zugreise aus Moskau ließ er noch „überflüssiges Mobiliar“ aus dem Haus entfernen. Gegenüber am Hang, in der Villa des ehemaligen Direktors der Islamischen Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums, Friedrich Sarre, wurde Marschall Shukow untergebracht.

Auch die Briten waren zufrieden mit ihren Häusern. Das britische Delegationsmitglied Sir Alexander Cardogan notierte, dass Churchills Domizil, die Villa Urbig, ein „charmantes Haus“ sei, „trotz der etwas modernen deutschen Dekoration“. Cardogan machte sich auch Gedanken über die deutschen Bewohner: „Ich glaube, alle diese Villen gehörten deutschen Filmleuten von der UFA. Wo sie hingekommen sind, weiß keiner.“

Neu-Babelsberg wurde in diesen Tagen zu einer Miniaturausgabe Berlins – die Villenkolonie wurde in Sektoren eingeteilt, samt Straßensperren mit Länderwappen. Wenn Churchill die wenigen hundert Meter von Truman in seine Villa in der Ringstraße 23 ging, musste er einen Checkpoint passieren. Die „Großen Drei“ luden sich gegenseitig in ihre Residenzen ein. Im halb-privaten Rahmen und bei den abendlichen Empfängen wurden viele der eigentlichen Entscheidungen getroffen.

Heute sind die drei Villen Touristenziele – zu betreten sind sie im Normalfall nicht. Bei Truman residiert seit 2001 die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung, die das durch Brandstiftung zerstörte Gebäude wieder herrichten ließ und daneben einen charmant-unauffälligen Neubau errichtete. Churchills Villa Urbig ist an einen norddeutschen Bauunternehmer veräußert worden, der dort sein Privatdomizil errichten will. Das Geschäft ist aber noch nicht perfekt. In Stalins sanierter Villa residierte zu DDR-Zeiten zeitweise der Rektor der Filmhochschule, jetzt der Bauindustrieverband Berlin-Brandenburg.

Von Jan Sternberg