Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Churchill und die lila Plüschmöbel

Besuch am Ort eines historischen Handschlags Churchill und die lila Plüschmöbel

Marie Louise Gericke wuchs in jener Villa auf, in der während der Potsdamer Konferenz der britische Premier Churchill residierte. Die 80-Jährige erinnert sich noch genau an jenen Tag im Frühjahr 1945, als ihre Familie das Haus räumen musste.

Voriger Artikel
Weltpolitik im Villenviertel
Nächster Artikel
Endstation Potsdam

Ein letzter Handschlag vor dem Kalten Krieg: Churchill, Truman, Stalin vor der Villa Urbig

Quelle: MAZ (Repro)

Potsdam. Der Handschlag der „Großen Drei“ ist vielleicht das berühmteste Foto der Potsdamer Konferenz. Links der britische Premier Winston Churchill, in der Mitte US-Präsident Harry Truman, rechts der sowjetische Diktator, Generalissimus Josef Stalin. Am Rande vier Bewacher: vorn zwei Sowjets mit Maschinenpistolen, im Türrahmen zwei strammstehende Briten mit Baretts.

„Wie oft wird dieses Foto falsch zugeordnet“, sagt Marie Louise Gericke verärgert. Nicht vor Schloss Cecilienhof, dem Tagungsort der Potsdamer Konferenz, stehen die drei, wie immer wieder behauptet wird. Die Staatsmänner posieren vor dem Haus, in dem Marie Louise Gericke aufwuchs, der Villa Urbig am Griebnitzsee, in der Villenkolonie Neu-Babelsberg. „Der Travertin-Stein, die Efeuranken neben der Tür – das ist unser Haus“, sagt sie. Hier residierte Winston Churchill während der Konferenz.

Die damals 20-jährige Marie Louise Gericke erfuhr wie alle Potsdamer damals fast nichts über die Ereignisse der Konferenz. Heute ist sie eine 80-jährige kunst- und kulturinteressierte Dame, nach langen Jahren in New York und Bonn ist sie in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. Die Villa am Griebnitzsee hat sie gleich nach der Maueröffnung wieder besucht. Zur Erbengemeinschaft der Villa gehört sie nicht: Ihr Vater heiratete nach dem Tod ihrer Mutter in zweiter Ehe die Tochter des Bauherrn Franz Urbig. Der starb 1944. Die Familie war mit den jüngern Geschwistern nach Bayern gezogen, um den Bombardierungen zu entgehen. Im Haus blieb die Studentin Marie Louise Gericke mit ihrer Tante Elisabeth Urbig zurück, in den letzten Kriegsmonaten kamen bis zu 35 Flüchtlinge dazu. Am 27. April rollen die ersten sowjetischen Panzer durch die Ringstraße, es beginnen Plünderungen, Vergewaltigungen. „Das Übliche“, sagt Marie Louise Gericke, „darüber ist genug geschrieben worden.“

1945 ist die Neu-Babelsberger Gesellschaft in Auflösung. Heinz Rühmann kommt vorbei, versteckt eine der damals noch sehr seltenen Fernsehkameras im Komposthaufen der zum Grundstück gehörenden Gärtnerei – die Rotarmisten finden sie dennoch. Der großbürgerliche Lebensstil bekommt etwas Absurdes: „Wir hatten noch unsere Mamsell und das russische Mädchen Katja, die das Essen servierte. Mittags gab es Kartoffeln mit Kohl und abends Kohl mit Kartoffeln, weil wir nichts gehamstert hatten“, berichtet Marie Louise Gericke mit feinem Sinn für die Skurrilität des Dramatischen.
Am 30. Mai, nachts um halb zwölf, dringen rund 20 sowjetische Offiziere in das Haus ein. Angeführt werden sie von einem General, von dem Marie Louise Gericke glaubt, dass es Nikolaj Bersarin gewesen sein muss, der sowjetische Stadtkommandant von Berlin. Sie sind sehr höflich, leuchten mit Taschenlampen in der Villa umher – seit dem großen Bombenangriff auf Potsdam am 24. April gibt es keinen Strom mehr. Sie sind auf der Suche nach Häusern mit großen Räumen. Sie fragen, ob man in der Nachbarschaft weitere geeignete Villen weiß. Es werde eine Konferenz der Siegermächte geben.

Das ist das erste Gerücht, das Marie Louise Gericke hört. Am nächsten Tag kommen erneut sowjetische Offiziere, zwei Tage später kündigt eine Delegation unter Führung des Oberkommandierenden von Potsdam offiziell die Räumung an. Es werde höchstens ein bis anderthalb Monate dauern, man garantierte die Rückkehr und die Unversehrtheit des Hauses. „Wir waren die einzigen, die gewarnt wurden“, sagt Marie Louise Gericke. „Alle anderen in der Straße hatten nur zwei Stunden Zeit, um zu packen.“ Am nächsten Tag fahren Panjewagen vor, sie sollen die Evakuierten ins Sammellager Rehbrücke bringen. Elisabeth Urbig hat eine bessere Idee: Sie kennt die Leiter des Sanatoriums Sinn in Babelsberg. Hier finden die beiden Damen Aufnahme. Marie Louise Gericke erinnert sich an Gartenspaziergänge mit dem Maler Karl Hofer, der unter den Nazis als „entartet“ verfemt war und im Sanatorium überlebte.

Die Straßen von Neu-Babelsberg gelten von nun an als Sperrgebiet. Aber Elisabeth Urbig und Marie Louise Gericke finden Wege, dennoch zum Haus zu kommen. Frauen von NS-Parteimitgliedern sollen die beschlagnahmten Häuser putzen. Mit der Partei haben beide nichts am Hut, aber hier bietet sich eine Chance. Die Arbeitskolonnen stellt der ehemalige Gärtner der Urbigs zusammen. Die beiden finden sich um sechs Uhr morgens am Bahnhof Griebnitzsee ein, lassen sich einteilen und bekommen einen Passierschein. Sie setzen sich ab und ernten Gemüse in ihrem Garten – das wertvollste Ergebnis dieser Ausflüge. Das Leben dreht sich ausschließlich darum, etwas zu Essen zu bekommen. Ein anderer Weg, zur Villa zu gelangen, ist mit dem Boot über den Griebnitzsee. Freunde der Familie wohnen in einem Haus mit Seezugang in der Stubenrauchstraße, bis dorthin wird das Sperrgebiet erst später erweitert. So kann die 20-Jährige auch das im Garten vergrabene Geld retten.

Am 25. Juni 1945 wird die Ringstraße englisch – die Arbeitseinsätze gehen zunächst weiter. Alle Möbel waren weggeschleppt worden, was die Sowjets nicht gebrauchen konnten, wurde ins Waldstück am Bahnhof Griebnitzsee gekippt. Aber die neuen Herren hatten ein Problem: Die Häuser mussten repräsentativ hergerichtet werden. Also holten sie die Möbel aus weiter entfernt liegende Häusern und richteten die Konferenz-Villen damit ein. Bei ihrem letzten Besuch im Haus sieht Marie Louise Gericke ein Ölgemälde aus dem Haus einer guten Freundin an der Wand, dazu „grässliche lila Plüschmöbel von irgendwo her“. Ins Nebenhaus soll der britische Außenminister Anthony Eden ziehen. Und wer bezieht die Villa Urbig? Die Antwort bekommt Marie Louise Gericke, als sie den britischen Posten um einen Passierschein zu ihrem Haus bittet. Das sei leider nicht möglich: „The trouble is, yours is the most important house“ – ihr Haus sei das wichtigste von allen. Zur Villa gebe es kein Durchkommen mehr. Mitte August entdeckt sie bei einem Berlin-Besuch eine britische Zeitung – auf der Titelseite die Villa Urbig. Damals war die Bildunterschrift noch korrekt.

Von Jan Sternberg

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Die "Großen Drei" im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof

Im Potsdamer Schloss Cecilienhof fand vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz statt. Auf höchster Ebene verhandelten hier die drei Hauptalliierten des Zweiten Weltkriegs über das weitere Vorgehen Deutschlands und Europa verhandelt. Aber es gab auch ein Leben neben der Konferenz - und was für eins!

mehr
Mehr aus Potsdamer Konferenz
Sommer '45
Die "Großen Drei" im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof

Im Potsdamer Schloss Cecilienhof fand vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz statt. Auf höchster Ebene verhandelten hier die drei Hauptalliierten des Zweiten Weltkriegs über das weitere Vorgehen Deutschlands und Europa verhandelt. Aber es gab auch ein Leben neben der Konferenz - und was für eins!

mehr
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam