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Der Bahnhof Wünsdorf Wechselvolle Geschichte
Wechselvolle Geschichte
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10:33 29.07.2013
Der Wünsdorfer Bahnhof an einem verschneiten Wochentag. Quelle: Klaus Stark
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Wünsdorf

Tatsächlich liegt über dem Bahnhof von Wünsdorf (Teltow-Fläming) ein dunkler Schatten. Im Dezember 2010 ist hier ein 15-jähriges Mädchen aus Berlin gestorben. Sie stand auf dem schmalen Bahnsteig zwischen zwei Gleisen, als ein Schnellzug durchfuhr.

Vor Schreck machte sie wohl einen Schritt rückwärts, geriet ins andere Gleisbett und wurde dort vom gleichzeitig passierenden Vogtlandexpress erfasst. Sie starb noch am Unfallort an ihren schweren Kopfverletzungen.

An diesem Vormittag erinnert nichts an den tragischen Unglücksfall vor zwei Jahren. Am Fahrkartenautomaten steht ein älteres Ehepaar und drückt schon seit ein paar Minuten erfolglos auf den Tasten herum. "Ach herrje", klagt die Frau, "wenn man nur einmal im Jahr mit dem Zug fährt, ist das eine Katastrophe."

Der schmale Bahnsteig existiert heute immer noch. Ein vergittertes Tor soll verhindern, dass ihn jemand zum falschen Zeitpunkt betritt. Ein Mitarbeiter der Bahn öffnet es, wenn ein Zug hält, und versperrt es danach wieder. Das war im Prinzip damals auch schon so – aber an diesem Abend könnte es möglicherweise offen gestanden haben. Deswegen hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Fahrdienstleiter erhoben. Derzeit wird noch geprüft, ob er überhaupt verhandlungsfähig ist.

Gleich nach dem Unfall hat die Bahn einen zusätzlichen langen Zaun ziehen lassen. "Alles nach Recht und Gesetz", erklärt ein Bahnsprecher in Berlin. Dann sagt er noch: "Es gibt keine Möglichkeit, Leute davon abzuhalten, auf die Gleise zu laufen." Und: "Sie können Menschen nicht vor allem schützen."

Es ist kalt an diesem Vormittag im verschneiten Wünsdorf. Irgendwas stimmt mit den Zügen nicht. Auf der digitalen Fahrgastinformation ist zu lesen: "RE 18712 aus Dessau, planmäßige Ankunft 10.53 Uhr, fällt heute aus. Es verkehrt Ersatzzug RE 18750 aus Berlin Ostbahnhof, geplante Ankunft 10.53 Uhr. Dieser Zug endet hier." Hat das irgendetwas zu bedeuten? Hat das Konsequenzen, wenn man um 11.12 Uhr mit dem RE7 nach Berlin-Schönefeld fahren will? Keine Ahnung.

Niemand weiß es. Der Angestellte, der das Tor öffnet und schließt, steht für Auskünfte offenbar nicht zur Verfügung. An seiner Bürotür hängt statt dessen ein Zettel mit einer Telefonnummer in Potsdam. Der Mann mit der Schneeschaufel sagt: "Denken macht bei der Bahn keinen Sinn. Irgendein Zug fährt schon." Sonst ist keiner da.

Nachher sitzt man im neuen Talent 2, der wie ein Luftkissenboot über die Landschaft schwebt, und stellt sich Fragen. Ist ein Bahnhof wirklich sicher, bei dem man ständig etwas tun – also eine Tür öffnen und schließen – muss, damit nichts passiert? Bei dem der Zuständige keinen Fehler machen darf? Wie viel würde ein neuer, breiter Bahnsteig kosten und warum ist der Bahn das Wohl ihrer Kunden nicht dieses Geld wert? (Von Klaus Stark)

Wir fragen die MAZ-Leser: Wo muss dringend saniert werden?

  • Die Deutsche Bahn steckt jährlich zweistellige Millionenbeträge in die Bahnhöfe Brandenburgs. Im Jahr 2011 waren es 35 Millionen Euro, 2012 ebenfalls 35 Millionen Euro, in diesem Jahr werden es 30 Millionen Euro sein.
  • Im vergangenen Jahr wurde viel Geld für Stationen in Forst (Spree-Neiße), Fürstenwalde (Oder-Spree), Bernau (Barnim), Templin und Prenzlau (beide Uckermark) ausgegeben. 2013 sollen unter anderem Wildau und Königs Wusterhausen (beide DahmeSpreewald) saniert werden.
  • Die MAZ stellt in loser Folge Brandenburger Bahnhöfe vor, wo besonders großer Handlungsbedarf besteht. Dabei bitten wir Sie um Ihre Mithilfe: Wo gibt es bei Regen keinen Wetterschutz? Wo stimmen die Anschlüsse gar nicht? Wo ist der Service umgekehrt ausgesprochen gut?
  • Bitte schreiben Sie uns unter bahnhof[at]mazonline.de oder an Märkische Allgemeine, Stichwort: Bahnhof, Postfach 60 11 53, 14411 Potsdam.
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