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Zeppelinstraße Selbstversuch: Im Stau an der Zeppelinstraße
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16:44 27.02.2018
Auf der Zeppelinstraße wird’s täglich eng. Pendler glauben, dass nur eine Umgehungsstraße das Problem Luftverschmutzung lösen kann.   Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

 Das rote Licht geht mir an diesem Tag nicht mehr aus dem Kopf. Bremslicht an Bremslicht, Ampel an Ampel – alles ist in Rot getaucht. Eine Strecke, knapp 15 Kilometer, die ich sonst in einer guten halben Stunde schaffe, wird zu einer Geduldsprobe. Ich habe das Gefühl zu schleichen, zu kriechen, irgendwie so, als würde ich niemals an mein Ziel kommen. So wie mir geht es jeden Tag Tausenden Autofahrern auf dem Weg von Werder nach Potsdam, die über die Zeppelinstraße fahren und oft mehrere Kilometer vor den Toren Potsdams anstehen müssen. Die Zeppelinstraße ist schon seit die Pförtnerampel vor fünf Jahren an der Forststraße eingerichtet wurde ein Nadelöhr. Jetzt ist es so eng, dass die Luft knapp wird, verstopft von so viel Abgasen der Autos, die dort feststecken.

Im Radio wird schon gewarnt

Ich stehe am Bahnhof in Werder und drehe den Zündschlüssel um. Es ist 7.30 Uhr. Normalerweise bin ich um diese Zeit noch zu Hause und fahre meist zwei Stunden später erst von Potsdam aus in die Blütenstadt. Für den MAZ-Selbstversuch „Zeppelinstraße“ mache ich es heute andersrum. Und schon jetzt habe ich ein ungutes Gefühl, denn im Radio wird der Stau schon seit einer Stunde angesagt. Zehn Minuten plus an der Forststraße, sagt der Moderator. Seit es nur noch eine Spur nach Potsdam gibt, könnte diese Ansage fast täglich vom Band kommen.

Diskutieren Sie mit!

Das Thema Zeppelinstraße sorgt für Zündstoff. Die Stadt Potsdam weist immer wieder darauf hin, dass die Luftreinhaltung eine Rechtspflicht ist und sie gezwungen ist, die Situation an der Zeppelinstraße unter die Lupe zu nehmen.

Am 17. Juli, 18 Uhr, bittet die MAZ zum Talk ins Atelierhaus Scholle in Potsdam.

Auf dem Podium sitzen Potsdams Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos), die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe (CDU), und Ingo Baumstark vom Stadtteilnetzwerk Potsdam-West.

Anmeldung für die Veranstaltung unter 0331/2840-294 oder unter www.MAZ-online.de/MAZtalk.

Zudem ist Ihre Meinung bei einer Umfrage gefragt: www.MAZ-online.de/zeppelinstrasse

Mit dem Modellversuch, der „testweisen Einengung der Zeppelinstraße“, die im Juni vorbereitet wurde und seit zwei Wochen gilt, will Potsdam die zu hohen Schadstoffwerte in der Innenstadt reduzieren. Vor allem aber will die Landeshauptstadt die Autos vertreiben und die Pendler dazu überreden, auf Bus, Bahn oder Fahrrad umzusteigen. Ein Versuch, der für viele Pendler, Unternehmer und Politiker zum Scheitern verurteilt ist.

Schon vorm Ortseingangsschild beginnt der Frust

Bis Geltow läuft alles flüssig, der Verkehr rollt. Noch. Nur Minuten später verrät der Blick vom Bayerischen Haus durch die Pirschheide, dass schon vor dem Ortseingangsschild Potsdam nichts mehr flüssig rollt. Ein Kilometer vor dem Luftschiffhafen, bei dem die Einengung erst beginnt, geht es nur noch schleppend voran. Nachdem ich das Ortseingangsschild Potsdams hinter mir gelassen habe, heißt es erstmal kurze Pause an der Tankstelle. Das frühe Aufstehen bin ich nicht gewohnt, also muss ein Kaffee her.

Lieferverkehr oder Krankenpflegedienste stehen mit im Stau

An der Tankstelle treffe ich Andreas Mohr. Der gebürtige Potsdamer pendelt jeden Tag nach Berlin zur Arbeit und kennt die Tücken der Zeppelinstraße nur zu gut. „Es ist eine reine Katastrophe“, sagt er. Nachdem der Verkehr zu Beginn des Modellversuchs fast täglich kollabierte, seien viele Autofahrer auf die Straßen in der Umgebung ausgewichen. „Sie fahren durch Wildpark-West auf die Forststraße oder die Geschwister-Scholl-Straße, um von dort auf die Zeppelinstraße zu kommen“, berichtet er. Lieber nehmen sie einen Umweg durch enge Straßen, die für so viel Verkehrslast nicht ausgelegt sind, in Kauf, als auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen, so wie es die Stadt Potsdam gern hätte. Viele machen das, weil sie keine Alternative haben. „Die Umgehungsstraße liegt schon so lange in den Schubladen der Potsdamer Verkehrsplaner, aber scheinbar interessiert sich niemand dafür“, erzählt Andreas Mohr. „Potsdam ist eine Insel“, sagt er, „es gibt eben nur die zwei großen Brücken und das wird auch so bleiben.“

Die 14-km-Strecke vom Bahnhof Werder über die Zeppelinstraße bis zum Potsdamer Landtag dauert rund 30 Minuten, Stauzeit inbegriffen. Quelle: Screenshot: MAZonline

Volker Viebranz aus Groß Kreutz zeichnet ein ähnlich drastisches Bild. Er ist als Dienstleister unterwegs, unter anderem für den Winterdienst und soll eigentlich für schnee- und eisfreie Straßen in Potsdam sorgen. Das Problem: Er kommt vor dem Ortseingang Potsdam einfach nicht voran. „Wenn es um 5 Uhr schneit, sieht es wirklich schlecht aus. Dann kommen wir voll in den Stau“, berichtet er. Ich fühle mit ihm. Das Gefühl, der Druck ist mir sehr vertraut, wenn die Zeit rinnt, nichts mehr geht und der Termin längst verstrichen ist.

Lieferverkehr, Pflegedienste und Schichtarbeiter nicht im Blick?

Noch schlimmer ist es für Volker Viebranz: „Wir können schlicht unseren Aufgaben nicht nachkommen.“ Auch an den Lieferverkehr, die Krankenpflegedienste oder Schichtarbeiter habe in der Landeshauptstadt wohl keiner gedacht. „Die können selbstverständlich nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen oder mit dem Rad fahren“, sagt er. Einige Supermärkte seien schon zu spät oder gar nicht beliefert worden, weil die Fahrer die Zeitfenster nicht einhalten konnten. Privat mit dem Bus von Groß Kreutz nach Potsdam zu fahren, sei für ihn undenkbar. „Irgendwo fehlt immer der Anschluss.“

MAZ-Redakteurin Luise Fröhlich startete in Werder am Bahnhof – das Ziel: Landtag in Potsdam. Quelle: Privat

Keine Absprachen mit Umland

Bevor ich etwas nachdenklich wieder ins Auto steige und im Augenwinkel schon sehen kann, dass sich der Stau noch nicht aufgelöst hat, spreche ich an der Zapfsäule schnell mit Steffen Hultsch aus Geltow. Der 73-Jährige bestätigt mir das, was ich aus Werder und Schwielowsee schon so oft gehört habe: Es gab keine Absprachen mit den Umlandgemeinden. „Wir fühlen uns übergangen“, sagt er. Zurück auf der Straße hat sich nichts an dem Anblick geändert.

Musste den MAZ-Test auch noch ausbremsen: die Pförtnerampel

Immer noch steht die Blechlawine an der Ampel und wartet darauf, in die Stadt gelassen zu werden. Drei, vier, vielleicht fünf Autos schaffen es über die Pförtnerampel, dann schaltet sie wieder auf Rot. „Erhöhte Schadstoffbelastung“ stand auf der Infotafel geschrieben – natürlich, denn die Feinstaubwolke macht nicht Halt. Gerade an schwülen Tagen wie diesem ist das Limit offenbar schnell erreicht. Endlich in Potsdam-West angekommen, fällt mir zuerst ein verwaister Radweg und dann ein Bus auf, der aus der Spur schwenkt, die extra für ihn eingerichtet wurde, um an die am Straßenrand liegende Haltestelle zu kommen. Der Verkehr stockt wieder. Die nächste Ampel zeigt rot. Es ist ein Trauerspiel.

Ein Gedanke, der hängenbleibt

Irgendwann, ungefähr eine Stunde nach Abfahrt (die Zeit an der Tankstelle herausgerechnet), habe ich es dann geschafft. Ich stehe tatsächlich in der Schlossstraße und sehe das Landtagsgebäude. Die Unzufriedenheit und der Ärger der Pendler war mit jedem Meter spürbar. Es ist, als würden sie mir in den Knochen stecken, als ich den Zündschlüssel wieder herumdrehe. Eine Sache geht mir nicht aus dem Kopf: Wenn es Steffen Hultsch aus Geltow vermeiden kann, nach Potsdam zu fahren, dann macht er es. Seit Jahren und jetzt besonderes. Er wird es seinen Freunden und seiner Familie sagen und die werden es ihren Freunden sagen. Und irgendwann, wenn mit der Großbaustelle an der B 2 im Norden eine weitere Zufahrt zeitweise dicht ist, werden sie alle nicht mehr gern nach oder durch Potsdam fahren. Dichtere Bustakte und tolle Fahrradwege hin oder her.

Von Luise Fröhlich

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