Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Erinnerungen an dramatische Tage

Historiker Jens Schöne bezeichnet den DDR-Volksaufstand „Lernschock“ für die DDR-Führung Erinnerungen an dramatische Tage

Der Buchautor Jens Schöne bezeichnet das, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschah, als Volksaufstand. Als 2003 des 50. Jahrestages der Ereignisse gedacht wurde, bekamen noch nicht alle dieses Wort über die Lippen. Im MAZ-Interview erklärt er warum.

Voriger Artikel
Der 17. Juni 1953 als Graphic Novel
Nächster Artikel
Die gescheiterte Revolution

Steine gegen Stahl: Sowjetische T-34-Panzer schlagen den Aufstand in Ost-Berlin nieder. Demonstranten versuchen in der Leipziger Straße vergeblich, den Vormarsch aufzuhalten. 

Quelle: PICTURE-ALLIANCE

MAZ: Herr Schöne, in Ihrem Buch bezeichnen Sie das, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschehen ist, ganz selbstverständlich als einen Volksaufstand. Als 2003 des 50. Jahrestages der Ereignisse gedacht wurde, bekamen noch nicht alle dieses Wort über die Lippen. Warum?

Jens Schöne: Richtig, bis weit in die 90er Jahre hinein redeten Historiker und Politiker von einem Arbeiteraufstand. Es war aber keiner. Das bestätigten die Forschungsergebnisse, die 2003 auf dem Tisch lagen. Tatsache ist, dass auch in den Dörfern und Kleinstädten rebelliert wurde – und zwar oft ein paar Tage früher als in den Großstädten. Aktuell gibt es eine Liste von 701 Orten, in denen es nachweislich zu Widerstandshandlungen kam. Die bedarf nun allerdings dringend der Korrektur.

Inwiefern?

Schöne : In Brandenburg etwa sind Gemeinden wie Bornim, Mühlenbeck, Märkisch-Buchholz,  Schönwalde bislang nicht erfasst. Generell lässt sich sagen, dass der Anteil der ländlichen Regionen an den Protesten bei weit über 50 Prozent liegt. Insofern ist es in jedem Fall gerechtfertigt, von einem Volksaufstand zu sprechen. Zugespitzt formuliert: Da wurde Wirklichkeit, was die SED immer propagiert hatte, das Bündnis von Arbeitern und Bauern nämlich. Nur nicht in dem Sinne, wie es sich die Partei erhofft hatte.

Wieso waren die Bauern eigentlich schneller zum Aufruhr bereit?  

Schöne : Weil sie die Beschlüsse der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 besonders hart trafen. Der von Partei-Chef Walter Ulbricht verkündete „Aufbau des Sozialismus“ bedeutete für sie Kollektivierung und damit einhergehende Enteignungen. In dem zwischen Brandenburg/Havel und Werder gelegenen Dorf Schmergow wurde beispielsweise schon am 13. Juni 1953 eine Resolution verabschiedet, in der, wie es in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit so schön heißt, „die bekannten Rias-Parolen“ zu lesen waren: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, Senkung der Preise. In der Stadt Brandenburg hatten  sich bereits am 12. Juni mehr als 2000 Leute vor dem Gefängnis versammelt, um die Freilassung des Fuhrunternehmers Kurt Taege zu fordern.

Fühlten die sich durch den „Neuen Kurs“ ermutigt, auf den die SED am 9. Juni eingeschwenkt war?

Schöne : Das war der von Moskau dekretierte Versuch, Druck aus dem Kessel zu lassen. Aber wenn ein Ventil erst geöffnet ist, geht es richtig los. In den Dörfern, wie gesagt, zuerst – und das landesweit. Da werden die bisherigen Gemeindevertretungen ab- und neue gewählt, da melden LPG-Vorsitzende dem Landwirtschaftsministerium, dass ihnen niemand mehr zu folgen gedenkt.

 Am 13. Juni haben aber auch die Berliner Bauarbeiter während einer Dampferfahrt ihren Streik verabredet.

Schöne : Sie gingen aber erst am 16. Juni auf die Straße.

Inwieweit sind denn die Brandenburger Bauern auffällig geworden?

Schöne: Insgesamt gab es ein Nord-Süd-Gefälle. In Mecklenburg-Vorpommern war es tendenziell eher ruhig, in Sachsen und Thüringen der Wille zum Protest am stärksten ausgeprägt, weil dort die alten Strukturen noch funktionierten und die Bodenreform weniger durchgeschlagen hatte. Brandenburg lag also gut im Mittelfeld.

Für die öffentliche Wahrnehmung waren die Protestaktionen in den Industriezentren und Ballungsräumen dennoch unverzichtbar.

Schöne : Keine Frage. Das merken Sie allein daran, dass von dort Fotos überliefert sind. Aus den Dörfern sind mir keine bekannt.

In den Städten entzündete sich der Zorn an den im Mai 1953 verfügten Arbeitsnormerhöhungen um zehn Prozent.

Schöne : Das war der Anlass, nicht die Ursache. Der Volksaufstand ist nicht ohne die Vorgeschichte zu verstehen, die mindestens bis zur 2. SED-Parteikonferenz im Juli 1952 zurückreicht. Als Ulbricht den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ auf Weisung Stalins verkündete, ließ er keine Zweifel daran aufkommen, dass dies auf einen „verschärften Klassenkampf“ hinauslaufen würde und jeder Widerstand gebrochen werden müsste.

Was in der Praxis bedeutete?

Schöne : Endgültiger Abschied von der deutschen Einheit, Sowjetisierung, Orientierung auf die Schwerindustrie, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, systematische Enteignung mittelständischer Handels- und Gewerbebetriebe, Verfolgung der Kirchen und Jungen Gemeinden, Willkürjustiz. So wurde Anfang Oktober 1952 das „Gesetz zum Schutz des Volkseigentums“ verabschiedet. Die Frau, die im volkseigenen Wald Holz gesammelt, oder der Heizer, der ein paar Kohlen mit nach Hause genommen hat, konnten nun bis zu fünf Jahren ins Gefängnis gesteckt werden. Und so geschah es. Die Gefangenenzahlen in der DDR erhöhten sich von Mitte 1952 bis Juni 1953 von 31 000 auf 66 000.

Das Ergebnis war eine Finanz-, Versorgungs- und Ernährungskrise …

Schöne : … und eine massive Fluchtbewegung. Im ganzen Jahr 1952 hatten sich 180 000 Menschen in den Westen abgesetzt, 120 000 waren es allein im ersten Quartal 1953. Die Leute hatten die Nase voll, aber die SED übersah alle Warnsignale, war gewissermaßen im Rausch des Klassenkampfes.  

Aus dem sie dann mit einem Kater erwachte?

Schöne : Im März 1953 war Stalin gestorben und die Führungsriege im Kreml sah sehr wohl, dass die Lage in der DDR äußerst heikel war. Ulbricht & Co. wurden nach Moskau einbestellt und am 2. Juni auf jene „Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR“ eingeschworen,  die dann am 11. Juni in der Parteizeitung „Neues Deutschland“ zu lesen waren. Der „Neue Kurs“ versprach Aufhebung der Steuer- und Preiserhöhungen, Handwerker und Einzelhändler sollten die Restitution ihrer Geschäfte und Betriebe beantragen können, Bauern ihr Land zurückbekommen. Alle Verhaftungen und Urteile sollten überprüft werden, die Kampagnen gegen die Junge Gemeinde ein Ende haben.  Es ist die einzig mir bekannte Veröffentlichung, in der die SED-Führung Fehler eingeräumt hat. Und genau das brachte das Fass zum Überlaufen.

Warum?

Schöne : Weil das Volk nach einem Jahr harter Repressionen Konsequenzen forderte. Die Verantwortlichen sollten, wenn schon nicht bestraft, wenigstens ihrer Posten enthoben werden. Das geschah jedoch nicht. Überdies war die Rücknahme der Normerhöhungen „vergessen“ worden. Also verabschiedeten Berliner Bauleute der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain am 15. Juni eine an  Ministerpräsident Otto Grotewohl gerichtete Resolution, in der sie diese Rücknahme bis zum 16. Juni  ultimativ forderten. Als die Antwort ausblieb, formierte sich der Protest: Bis zu 20 000 Menschen waren schon am 16. Juni in Berlin unterwegs.

Ist der 16. Juni etwa der eigentliche „17. Juni“?

Schöne : Das nicht. Aber die Bedeutung dieses Tages wird immer noch unterschätzt. Die Vorgänge am 16. Juni waren ein Fanal. Ausgerechnet rund um die Schaltzentrale der Macht schlug die Stimmung der Bevölkerung um. Aus Unmut wurde offener Protest – und der Sender Rias berichtete darüber. Nur so ist zu erklären, dass es am Morgen des 17. Juni überall in DDR losging.

Mit handfesten politischen Forderungen?

Schöne : Ja die Menschen forderten die Freilassung politischer Häftlinge, den Rücktritt der Regierung,  freie Wahlen und glaubten, dass das Regime nun abgedankt habe. Was sie nicht wussten: In der Nacht zum 17. Juni war in Moskau entschieden worden, dass der Aufstand unter allen Umständen niederzuschlagen sei. Die Sowjetische Militärverwaltung nahm das Heft des Handelns in die Hand, expedierte das SED-Politbüro  in ihr Hauptquartier in Berlin-Karlshorst, was einiges über die wahren Machtverhältnisse in der DDR verrät, ließ republikweit die Panzer rollen und Tausende Soldaten in Marsch setzen. Kurz, sie griff durch.

Wie?

Schöne : Sie hätte ein Blutbad anrichten können, tat es aber nicht. In der Regel genügte die Präsenz der Panzer oder Lastwagen mit Soldaten. Reichte das nicht, wurde geschossen, zunächst aber über die Köpfe hinweg. Es ging darum, die Mengen zu zerstreuen.  Wirklich gewaltvolle Auseinandersetzungen blieben eher die Ausnahme. Aber wenn ihnen Brutalität notwendig erschien, waren die Sowjettruppen brutal.

Es gab standrechtliche Erschießungen.

Schöne : Die waren in Moskau angeordnet worden – und sollten der Abschreckung dienen. Der erste war Willi Göttling. Dass er aus West-Berlin kam, passte dann prima in die DDR-Propaganda vom „faschistischen Putsch“. Am 17. Juni war der Aufstand jedenfalls vorbei. Doch fest steht: Ohne das Eingreifen der Sowjets hätte die SED-Diktatur diesen Tag nicht überlebt.

Der Fall des Ex-Polizisten Wilhelm Hagedorn, der in Rathenow von einer aufgebrachten Menge gelyncht wurde, beweist immerhin, dass auch die Aufständischen nicht zimperlich waren.

Schöne : Ob die Ereignisse am 17. Juni nun Revolution, revolutionäre Erhebung oder Volksaufstand genannt werden, sicher ist: es war eine Massenbewegung. Insgesamt waren in der DDR mehr als eine Million Menschen auf den Straßen, in Berlin waren es 150 000, aus Hennigsdorf zogen allein 8000 Stahlwerker in die Hauptstadt. Und wo Massen aufstehen, begegnen Sie jeder Form menschlichen Verhaltens. Am 17. Juni waren eben auch  Abenteurer dabei und solche, die offene Rechnungen  begleichen wollten. Was aber alle Beteiligten einte, war eine ungeheure Wut. Es war deshalb nicht ungewöhnlich, dass es zu Gewaltakten kam. Die richteten sich jedoch zuvörderst „gegen Sachen“, in denen sich die SED-Politik manifestierte: Die Menschen  versammelten sich vor den SED-Bezirks- und Kreisleitungen, vor den Gefängnissen oder den Kontrollpunkten des verhassten Amtes zur Kontrolle des Warenwesens an der Grenze zu West-Berlin. Was konkret Hagedorn betraf, so soll der sich öffentlich damit gebrüstet haben, er hätte 300 „Faschisten“ und „Agenten“ entlarvt und ins Gefängnis gebracht. Das rächte sich nun. Die Übergriffe gegen ihn sind trotzdem durch nichts zu entschuldigen. Bemerkenswert ist gleichwohl, dass es landesweit das einzige Vorkommnis dieser Art gewesen ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Am 17. Juni mischte sich auch Wutabfuhr mit politischem Handeln.

Hat wirklich der Rias zu solchen Taten angestiftet?

Schöne : Zunächst hat der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ getan, was die Pflicht freier Medien in einer freien Welt ist: Er hat berichtet. Zum Generalstreik hat er hingegen nicht aufgerufen. Vielmehr war er von den Amerikanern angewiesen worden, nichts zu unternehmen, was die Sowjetunion provozieren könnte. Um den Begriff „ambivalent“ kommen  wir im Rückblick wohl nicht herum. Einerseits sendete er das berühmte „Sucht euch eure Straußberger Plätze überall!“, andererseits riet er über den Äther zur Besonnenheit.  Unbestritten ist indes, dass der Rias das Medium war, das die Nachrichten nach draußen trug. Nach amerikanischen Schätzungen konnten ihn im günstigsten Fall 80 Prozent der DDR-Bevölkerung empfangen. Dass man in Leipzig, Halle oder Magdeburg wusste, was passierte, hatte ohne Zweifel auch mit dem Rias zu tun.

Was geschah nach dem 17. Juni?

Schöne : West-Berlin wurde komplett abgeriegelt, was für 30 000 Berufspendler aus dem Umfeld bitter war. Ansonsten wurde im ganzen Land mit „Zuckerbrot und Peitsche“ durchgegriffen. 18 000 Personen wurden verhaftet, von denen die meisten allerdings bald wieder auf freiem Fuß waren.  Verurteilt wurden etwa 1800 Menschen. Für die SED war der 17. Juni dennoch ein „Lernschock“.

Die SED hat etwas gelernt?

Schöne : Zumindest, dass mit „verschärftem Klassenkampf“ allein nichts zu erreichen ist. In der Geschichte der DDR gab es danach nie wieder eine Phase solch gnadenloser Machtausübung.

Es war der erste Volksaufstand im Ostblock, Ungarn folgte 1956, Prag 1968. Was verbindet diese Ereignisse?

Schöne : Die sowjetischen Panzer. Am 17. Juni hatte die Sowjetunion das klare Statement abgegeben, dass sie in ihrer Einflusssphäre keinen Widerstand duldet. Diese Botschaft kam im Westen wie im Osten an. Im Übrigen gilt es Unterschiede zu beachten: 1953 war es ein antikommunistischer Aufstand, in der Tschechoslowakei ging es 1968 um eine Reform des Sozialismus. Und das verbindet den Prager Frühling zumindest in Teilen mit dem Herbst 1989 in der DDR.

Das Jahr 1989 steht für die Friedliche Revolution. Kann im Rückblick auf 1953  von einer „gescheiterten Revolution“ gesprochen werden?

Schöne : Ja. Wäre der Aufstand erfolgreich gewesen, würden wir heute ohne Zweifel von einer Revolution sprechen und der 17. Juni wäre unser Nationalfeiertag.  

Interview: Frank Kallensee

Experte für DDR-Geschichte

  • Jens Schöne wurde 1970 im sachsen-anhaltinischen Staßfurt, besuchte Jens Schöne in Rhinow (Havelland) die Schule und absolvierte danach eine Berufsausbildung mit Abitur zum Facharbeiter für Tierproduktion. 
  • In Berlin studierte er Geschichte und wurde 2004 mit einer Arbeit über die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft promoviert. In den Jahren 2004 bis 2006 war er Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 
  • Seit 2007 ist er Stellvertreter des Berliner Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und an der Berliner Humboldt-Universität als Lehrbeauftragter tätig. 
  • Er befasst sich mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der DDR, der Agrargeschichte des 20. Jahrhunderts und der Geschichte der Berliner Teilung. 
  • Gerade ist sein Buch „Volksaufstand – Der 17. Juni 1953 in Berlin und der DDR“ (Berlin Story Verlag, 144 Seiten, 14,95 Euro) erschienen.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
DDR-Volksaufstand vor 60 Jahren

Vor 60 Jahren wurde die DDR von einer Protestwelle erschüttert. In den Tagen um den 17. Juni 1953 beteiligten sich viele Brandenburger an Streiks und Demonstrationen. 

mehr
Mehr aus 17. Juni 1953
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg