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Analphabet: Mein Feind, der Fragebogen

Bildung in Brandenburg Analphabet: Mein Feind, der Fragebogen

Etwa 30.000 Menschen in der Region können nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen – sie leiden unter funktionalem Analphabetismus. Mit speziellen Kursen wollen die Volkshochschulen den Betroffenen helfen, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Einer, der sich getraut hat, ist Peter Krause. Sein Beispiel könnte anderen Mut machen.

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In einem Kurs der Volkshochschule Teltow-Fläming verbessert Peter Krause (47) seine Lese- und Schreibfähigkeiten.

Quelle: Küper

Dahmeland-Fläming. Autofahren ist für Peter Krause ein ganz besonderes Vergnügen, denn es erinnert ihn jedesmal an einen seiner größten Triumphe: die bestandene Führerscheinprüfung. Vor allem der theoretische Teil war eine echte Herausforderung, denn Peter Krause ist funktionaler Analphabet. Der 47-Jährige kann zwar leidlich lesen und schreiben, aber wenn die Informationen zu schnell auf ihn einprasseln, blockiert sein Verstand – nichts geht mehr. Der Spaß am Fahren ist aber nicht der einzige Grund, weshalb er gerne jeden Mittwochabend die mehr als 30 Kilometer von Zesch am See nach Ludwigsfelde zurücklegt.

„Der Kurs hier ist einfach wunderbar, die freundschaftliche Stimmung, eine richtig gute Truppe.“ Seit vier Jahren besucht Peter Krause den Kurs der Volkshochschule (VHS) Teltow-Fläming. Zehn Teilnehmer zwischen 16 und 48 Jahren sind es zurzeit, die sich einmal in der Woche am Marie-Curie-Gymnasium in Ludwigsfelde treffen, um Lesen, Schreiben und den Umgang mit dem Computer zu lernen. Hin und wieder kommt jemand dazu, ein anderer geht, aber Neuankömmlinge sind schnell integriert, berichtet VHS-Dozent Armin Duscha, der den Kurs vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. „Ich hatte schon ewig nach so einem Kurs gesucht, um mein Lesen und Schreiben zu festigen“, erzählt Peter Krause. „Das Arbeitsamt hat mich dann hierher vermittelt und es hat sofort gepasst.“

Lesen und schreiben lernen

Lesen und schreiben lernen: Das geht auch noch im fortgeschrittenen Alter, wenn man sich nur traut.

Quelle: DPA

In der kleinen Gruppe wird jeder individuell gefördert, die Teilnehmer helfen sich gegenseitig, das Tempo ist entspannt und niemand wird gehänselt. Im Fall von Peter Krause hat wohl am meisten sein Selbstwertgefühl profitiert: „Es tut unheimlich weh, wenn Leute einen ablehnen, weil man nicht richtig lesen und schreiben kann“, sagt der gebürtige Brandenburger. Das passiert ihm inzwischen nur noch selten, warum auch, schließlich bereiten ihm Straßenschilder, Stadtpläne oder die Verpackungen im Supermarkt keine großen Schwierigkeiten mehr.

Komplizierte Fragebögen: Hier braucht es etwas Hilfe

Haarig wird es allerdings, wenn er es mit Formularen und Fragebögen beim Arbeitsamt zu tun bekommt – und das war in den vergangenen Jahren nicht selten der Fall. Der gelernte Betonierer hat die meiste Zeit auf dem Bau gearbeitet, bis es ihm irgendwann die Gesundheit ruiniert hat. Zuletzt hat er als Hausmeister gejobbt, aber auch das lässt sein Rücken inzwischen nicht mehr zu. Sein gewachsenes Selbstbewusstsein hilft ihm zwar, wenn er auf dem Amt mal wieder verhandeln muss. Aber beim Ausfüllen der Formulare nimmt er doch gerne die Hilfe seiner Frau oder seiner Kinder in Anspruch.

Claudia Hoffmann vom Alpha-Bündnis in Teltow-Fläming

Claudia Hoffmann vom Alpha-Bündnis in Teltow-Fläming.

Quelle: Alpha-Bündnis TF

Schwierig: Die Betroffenen erkennen und motivieren

Peter Krause ist beileibe kein Einzelfall. Eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 kam zu dem Ergebnis, dass in ganz Deutschland etwa 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen können. Rein statistisch dürften in der Region Dahmeland-Fläming also um die 30 000 Menschen vom sogenannten funktionalen Analphabetismus betroffen sein. Für die damalige Bundesregierung war die Studie Anlass genug, eine „Dekade für Alphabetisierung“ auszurufen.

„Der schwierigste Teil ist es, die Betroffenen zu erkennen und zu motivieren“, sagt Claudia Hoffmann vom Alpha-Bündnis Teltow- Fläming. „Oft haben die Leute ja ein unterstützendes Umfeld, das ihnen Texte vorliest oder mit Formularen hilft.“ Das Alpha-Bündnis existiert seit einem guten halben Jahr und wurde mit Geld von der Mittelbrandenburgischen Sparkasse ins Leben gerufen. Seither ist Claudia Hoffmann im Landkreis unterwegs und klärt über das Thema Analphabetismus auf.

Ihre Strategie: sogenannte Multiplikatoren ansprechen, also zum Beispiel Arbeitgeber oder Führungspersonal in Verwaltungen und im Bildungssystem. Diese sollen sensibilisiert werden für die Vermeidungsstrategien von Analphabeten und diese dann behutsam auf die Möglichkeiten zur Weiterbildung (siehe Infokasten) hinweisen: „Natürlich kann es sein, dass jemand tatsächlich seine Brille vergessen hat, wenn er etwas vorlesen soll“, erläutert Claudia Hoffmann, die selbst mehr als zehn Jahre lang in der Erwachsenen- und Gesundheitsbildung an der VHS engagiert war. „Aber wenn das jedesmal passiert, ist es schon ein Anzeichen.“ Auch eine Beförderung kategorisch abzulehnen, könne der Angst geschuldet sein, entdeckt zu werden. Um ihre Schwachstelle zu verdecken, könnten Analphabeten dafür häufig sehr gut auswendig lernen. „In unserer Gesellschaft ist lesen und schreiben zu können kaum verzichtbar. Wer das nicht kann, wird abgehängt.“

Jeder hat eine reelle Chance

Claudia Hoffmann ist überzeugt, dass jeder eine reelle Chance hat, lesen und schreiben zu lernen und damit am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Und wenn man Peter Krause glaubt, dürfte auch die Strategie der persönlichen Ansprache aufgehen: „Da lief vor Jahren mal diese Kampagne zur Alphabetisierung im Fernsehen“, erinnert er sich. „Aber ich fand, das haut überhaupt nicht hin. Es gibt so viele Leute, die sich nicht trauen. Man braucht jemanden, der einen direkt anspricht und einem die Angst vor so einem Kurs nimmt.“

Von Martin Küper

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