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Kinderhaus Neu Redlin bietet eine Chance

Hilfe für vernachlässigte Kinder Kinderhaus Neu Redlin bietet eine Chance

Die lerntherapeutische Gemeinschaft im Kinderhaus der Jugendhilfe Rabenhorst bietet vernachlässigten Kindern und Jugendlichen eine Chance, Geborgenheit und Zuwendung zu erfahren. Hausleiterin Christiane Weiss und ihr zehnköpfiges Team werden dabei oft mit schlimmen Schicksalen konfrontiert.

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Die Jungs toben sich auf dem weitläufigen Grundstück aus – auch im Winter. Das ist wichtig, sagt Christiane Weiss.

Quelle: Beate Vogel

Neu Redlin. Mit strahlenden Augen geht Paul auf einen zu, ein freundlicher, lebhafter Junge. Und er lacht über das ganze Gesicht. Dass Paul es im Leben nicht immer einfach hatte, merkt man ihm nicht an. Er wohnt zusammen mit sechs anderen Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren im Kinderhaus der Jugendhilfe Rabenhorst in Neu Redlin (Amt Meyenburg). „Mir gefällt es hier. Ist besser als Zuhause“, sagt Paul.

Christiane Weiss ist Mitbegründerin und Leiterin der Einrichtung in der kleinen Siedlung an der Grenze zu Mecklenburg. Acht Plätze bietet das knallbunte Einfamilienhaus, sieben sind aktuell belegt. Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, das nach seinen Wünsche gestaltet wird. Paul zum Beispiel mag Blau. „Unsere Kinder kommen aus Großstädten und Ballungsgebieten, viele zum Beispiel vom Großen Dreesch in Schwerin“, sagt die 52-Jährige. „Und sie tragen alle ein enormes Bündel mit sich.“ Hier fänden sich alle Schicksale, „die Sie in der Bildzeitung lesen können“. Körperliche und seelische Gewalt zählen dazu, sexueller Missbrauch, totale Vernachlässigung.

„Meine Seele bekommt keine Hornhaut“

Christiane Weiss gehen die Schicksale nahe – auch wenn sie schon viele Jahre im Beruf ist: „Ich könnte mit den Kindern Rotz und Wasser heulen. Meine Seele bekommt keine Hornhaut.“ Manche haben regelmäßig erlebt, dass am Monatsende das Geld nicht mehr fürs Essen reicht. Andere haben versucht, kleinere Geschwister vor Übergriffen zu schützen, luden sich etwas auf ihre schmalen Schultern, das sie gar nicht tragen konnten, so sehr sie sich auch bemühten. „Viele haben klebrige Finger, wenn sie kommen, weil sie ihr ganzes Leben zu kurz kamen.“ Oft seien es erstgeborene Töchter und Söhne, die zum Beispiel bei Alleinerziehenden den Partnerersatz antreten. Sie wurden mit Dingen konfrontiert, mit denen Kinder nichts zu tun haben sollten.

Über das zuständige Jugendamt werden die Kinder an Einrichtungen wie die in Neu Redlin verwiesen. „Nach einem Besichtigungstermin“, erklärt die Hausleiterin. Oft machen die Schützlinge verschiedene Phasen durch, sind vielleicht erst ganz ruhig und fangen später an, sich auszuprobieren. Erst, wenn die neuen Bewohner sich sicher und geborgen fühlen, packen sie aus. Das kann eine Weile dauern. „Einer, ein schmächtiger Elfjähriger, hat mich mal drei Tage lang total aggressiv beschimpft“, erzählt die 52-Jährige. Er habe es Zuhause nie anders gelernt: „Nur so bekam er Aufmerksamkeit“, erklärt sie. Die Geschichten, die die Betreuer zu hören bekommen, sind für viele unvorstellbar. „Da ist eine ganze Gesellschaftsschicht im freien Fall“, meint die Hausleiterin.

Zum Mittag wird gemeinsam gekocht

Sind die Kinder angekommen, müssen sie lernen, sich nach einem strikten Tagesablauf zu richten. Nach dem frühen Aufstehen geht es in die Schule. Unterrichtet werden die Mädchen und Jungen in zwei Dorfschulen in Mecklenburg, einer Grundschule und einer Förderschule. Sie sind nur mit dem Auto zu erreichen. „Manche werden bis zum Klassenzimmer gebracht.“ Das ermögliche zudem zweimal täglich einen engen Kontakt der Erzieher mit den Lehrern.

Zum Mittag wird gekocht. „Ich möchte wissen, was im Essen ist, und die Kinder reagieren stark auf Zucker“, sagt Christiane Weiss. Vor allem solche mit Aufmerksamkeits Defizit Hyperaktivitäts Störung (ADHS) werden da rasch hibbelig. „Und sie sollen ja lernen, wie man kocht“, wünscht sich die Betreuerin. Viele setzen Kochen mit dem Öffnen und Erhitzen einer Dose gleich. Christiane Weiss bietet viel Gemüse an – nicht immer zur Freude der jungen Bewohner.

Nach dem Mittagessen werden Hausaufgaben gemacht, dann die Förderpläne umgesetzt. Dabei werden die derzeit sieben Kinder von zwei Lerntherapeuten, einem Traumapädagogen, Ergotherapeuten, einer Sozialpädagogin, Erzieherinnen und Freizeitpädagogen unterstützt. Toben auf dem Gelände – dem grünen Wohnzimmer – gehört dazu. Draußen warten eine Crossbahn, eine Slackline, ein Baumhaus, eine Tischtennisplatte und mehr. Schon früh gibt es Abendessen, spätestens 20.30 Uhr sind die Kinder und Jugendlichen im Bett. Einmal im Jahr fahren alle zusammen in den Urlaub, gern ins Ausland.

Zehn Betreuer gehören zum Team

Dass das Kinderhaus so abgelegen ist, ist volle Absicht, so Christiane Weiss: „Wir haben damals in Hamburg mit unserer Arbeit begonnen, aber das ging nicht.“ Zu groß seien die Verlockungen der Stadt gewesen. „Manche Kinder waren gar nicht mehr im Schulbetrieb.“ Zunächst bot sich ein Hof in Vietlübbe an, den Christiane Weiss zusammen mit ihrem damaligen Mann kaufte. 2008 kam das Kinderhaus in Neu Redlin hinzu, das sie nun leitet.

Zehn Betreuer gehören zum Team in Neu Redlin, fast alle sind Teilzeitkräfte. Die Freizeit ist wichtig, sagt die Chefin: „Das ist hier der Hardcore-Bereich für Erzieher.“ Wegen der hohen, vor allem seelischen Belastung leiste sie sich viel Personal. Fast alle Kollegen sind Umschüler, die bereits mit einer gewissen Lebenserfahrung und Standfestigkeit ins Team kommen. Sie bringen den Kindern Respekt, Achtung, Fürsorge und Vertrauen entgegen. Nach einer gewissen Zeit – momentan etwa zwei Jahre – kommen die Kinder wieder in ihre Familien. Das ist nicht immer einfach für die Betreuer. „Vor allem, wenn wir wissen, dass sie in genau die gleiche Situation gehen aus der sie gekommen sind“, sagt die 52-Jährige. Sind die Jugendlichen alt genug, können sie auch in ein eigenes Leben starten.

Von Beate Vogel

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