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Zu Besuch im Brandenburger Amazon-Lager

Online-Riese gewährt seltenen Einblick Zu Besuch im Brandenburger Amazon-Lager

Wenn das Weihnachtsgeschäft beginnt, gehen bei Amazon in Brieselang (Havelland) bis zu 100.000 Pakete am Tag raus. Die Geschäfte laufen glänzend für den Online-Riesen. Und das, obwohl Amazon wegen der Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik steht. Jetzt hat der Online-Riese einen seltenen Blick in sein Lager in Brieselang gewährt.

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Flüchtlingswelle sorgt für Jobwunder

In Spitzenzeiten verlassen mehrere 100 000 Pakete das Amazon-Versandzentrum in Brieselang.

Quelle: Fotos: julian stähle

Brieselang. Für Doreen Bewersdorf ist jetzt schon Weihnachten. „Was gezahlt wird, ist prima“, sagt sie, die 42-Jährige aus Rathenow (Havelland), gelernte Bürokauffrau, eine Tochter, kennt es auch anders. Vor ihr stapelt sich die Arbeit und sie ist froh, bei Amazon in Brieselang (Havelland) untergekommen zu sein. Ihr Job ist es, die Waren für den Versand zu verpacken. 160 CDs schafft sie in einer halben Stunde, sind es viele unterschiedliche Produkte, dauert es länger.

Wieviele Waren in Brieselang umgeschlagen werden, soll unklar bleiben

Für den weltweit führenden Internethändler hat das gewinnträchtige Weihnachtsgeschäft längst begonnen. Pro Tag erreichen 50 Lkw-Ladungen das Versandzentrum am westlichen Berliner Ring. Wie viele Waren in der Saisonhochzeit umgeschlagen werden, will Standortleiter Karsten Müller nicht verraten. Nur so viel: Zu Spitzenzeiten gehen mehrere 100.000 Pakete raus. Die Geschäfte laufen bestens, schließlich gelingt es dem US-Konzern, seine Umsätze jedes Jahr aufs Neue um gut 20 Prozent zu steigern.

Amazon expandiert nach Osteuropa – mit Folgen für Brieselang

Am Standort in Brieselang arbeiten 600 Festangestellte, im Weihnachtsgeschäft kommen diesmal 500 Saisonarbeitskräfte wie Doreen Bewersdorf dazu. Im Vorjahr waren es noch doppelt so viele. In der Branche geht es schnelllebig zu, dieses Jahr ist Amazon nach Osteuropa expandiert. Die Zahl der Logistikstandorte wuchs von 39 im Jahr 2009 auf 109 im vergangenen Jahr. Haben die jüngst eröffneten Umschlagplätze in Breslau, Posen und Prag zur Ursache, dass es jetzt in Brieselang weniger zu tun gibt? Oder wie ist zu erklären, dass in diesem Jahr bei den Saisonkräften gespart wird?

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Wenn das Weihnachtsgeschäft beginnt, gehen bei Amazon in Brieselang (Havelland) bis zu 100.000 Pakete am Tag raus. Die Geschäfte laufen glänzend für den Online-Riesen. Und das, obwohl Amazon wegen der Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik steht. Jetzt hat der Online-Riese einen seltenen Blick in sein Lager in Brieselang gewährt.

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Standortleiter Müller lächelt solche Fragen milde weg. Man müsse ja auch sehen, dass Amazon ständig neue unbefristete Arbeitsplätze schaffe – auch in Brieselang. Und selbst wenn jetzt etwas weniger Waren umgeschlagen werden, stehen die Zeichen doch auf globales Wachstum. „Die Arbeit wird im gesamten Netzwerk verteilt“, sagt Müller. Viele Beschäftigte wird es nicht mehr brauchen, wenn erst einmal die Roboter die Arbeit übernehmen. „Amazon Robotics“ heißt das Programm, mit dem der Konzern seine Arbeitsprozesse weiter optimieren will. Die Lagermitarbeiter müssen nicht mehr durch die langen Gänge irren, Roboter bewegen die Regale zu ihnen. Kürzere Laufwege, verdoppelte Lagerkapazitäten, mehr Lieferungen in weniger Zeit. Es mutet wie eine Zukunftsvision an, tatsächlich hat im Oktober in Breslau das erste Logistikzentrum mit Robotersystemen eröffnet.

Vermögen des Amazon-Chefs Bezos beträgt 46,7 Milliarden US-Dollar

In der Lagerhalle in Brieselang braucht niemand zu befürchten, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden, zumindest vorerst nicht. In demonstrativer Gelassenheit schlendern die „Picker“ durch die Regalreihen, die angeordnet sind wie die Straßenzüge US-amerikanischer Großstädte. Bei Amazon pflegen sie das abgehangene Bild vom Start-up, das in einer Garage erfunden wurde. Die von Jeff Bezos sah aus wie eine bessere Gartenlaube. 1995 setzte der Amazon-Gründe seine Idee um, im Internet Bücher zu verkaufen. Heute ist bei Amazon wirklich alles zu haben, Bezos’ Vermögen wird auf 46,7 Milliarden US-Dollar geschätzt. 2013 kaufte er für 250 Millionen die Zeitung „The Washington Post“. Die einen verstehen es als Geste, den kriselnden Journalismus zu retten. Die anderen erkennen darin ein Sinnbild für den unersättlichen digitalen Wandel.

Kleinere Händler ächzen unter der Amazon-Konkurrenz

„Wir haben eine Vision“, sagt Karsten Müller, „ein virtuelles Warenhaus, das weder Wände noch Decken kennt.“ Das schier unbegrenzte Online-Sortiment wird vor allem kleineren Wettbewerbern zum Verhängnis. Die Einzelhändler verschwinden aus den Innenstädten, während in den Brieselanger Regalen Kinderpuzzle, Glühbirne und Magnetunterlage auf die nächste Bestellung warten.

Milliardenumsätze in der Weihnachtszeit

88,99 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielte Amazon im vergangenen Jahr weltweit. Allein im Weihnachtsquartal erwartet der US-Konzern einen Umsatz zwischen 33,5 und 36,7 Milliarden Euro.

183.100 Beschäftigte zählte Amazon im Sommer 2015. In den deutschen Logistikzentren sind es mehr als 10 000 mit unbefristeter Festanstellung.

2013 eröffnete der Logistikstandort in Brieselang (Havelland) . Mittlerweile arbeiten dort 600 Beschäftigte, davon sind 450 unbefristet angestellt – ein Anteil von 72 Prozent. Im Sommer 2014 wurde erstmals ein Betriebsrat gewählt.

10.000 Saisonkräfte stellt Amazon Deutschland in der Weihnachtszeit ein. In Brieselang sind es 500.

Bei Verdi ist man nicht gut auf Amazon zu sprechen. Die Dienstleistungsgewerkschaft ruft Amazon-Beschäftigte immer wieder zu Streiks auf. Mit überschaubarem Erfolg. Amazon weiß offenbar, wie man Mitarbeiter zu Loyalität verpflichtet. In Brieselang gibt es seit diesem Sommer ein „Gesundheitsmanagement“. Wer die wenigsten Fehltage aufweist, darf mit einer Prämie rechnen. „Es gibt immer Meinungsverschiedenheiten“, sagt Betriebsrat Jens Schulz, aber tiefe Unzufriedenheit hört sich anders an. Ein Streitpunkt sei etwa, ob Weihnachts-Zusatzschichten als bezahlte Überstunden verbucht oder von vornherein in den Dienstplan aufgenommen werden.

Service

Tausende Jobs überall im Land Brandenburg: MAZjob.de

Wenn Doreen Bewersdorf, die Rathenowerin in der Versandhallte, Glück hat, darf sie bleiben, auch über das Weihnachtsgeschäft hinaus. Der arbeitslosen Bürokauffrau hatet man zuletzt 1500 Euro brutto pro Monat geboten, kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld. Bei Amazon könnte sie ab dem dritten Jahr mit Zuschlägen auf ein durchschnittliches Einkommen von 2200 Euro hoffen.

Von Bastian Pauly

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