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Im Kampf gegen den Lärm der Bahn

Untersuchung: Belastung durch die Bahn Im Kampf gegen den Lärm der Bahn

Das Eisenbahn-Bundesamt will mit der „Lärmaktionsplanung“ EU-Forderungen nach angemessenem Lärmschutz für die Bevölkerung nachkommen. Auch die Anwohner der Berlin-Hamburger Bahnstrecke im Amt Neustadt sind betroffen. Das Beteiligungsverfahren läuft seit Monaten, doch bisher wusste kaum jemand davon.

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Der ICE hält nirgends im Amt Neustadt, aber viele Einwohner hören ihn Tag für Tag.

Quelle: André Reichel

Neustadt. Für einige Sekunden versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Dann ist der ICE vorbeigerauscht. Bis zur nächsten Durchfahrt kehrt die ländliche Ruhe zurück.

Wie sehr der Lärm von der Bahnstrecke die Anwohner wirklich stört, das ist im Amt Neustadt individuell ganz unterschiedlich. Sigrid Schumacher, der Bürgermeisterin von Zernitz-Lohm, sind zumindest in jüngerer Vergangenheit keine akuten Klagen zu Ohren gekommen – eher im Gegenteil. Als es um den Bau eines neuen Windparks ging, wurde das zu erwartende ständige Geräusch deutlich kritischer gesehen. „Da hieß es dann, dass man sich an die Bahnstrecke ja gewöhnt hat“, berichtet die Bürgermeisterin. „Die gibt’s ja auch schon sehr lange. Nur wer hier neu ist, den stört es am Anfang.“

Ob sich diese Auffassung allerdings verallgemeinern lässt, diese Frage beschäftigt seit Jahresbeginn das Eisenbahn-Bundesamt. Mit der „Lärmaktionsplanung“ will es die jüngsten EU-Vorgaben in Sachen Lärmschutz an viel befahrenen Bahnstrecken außerhalb von Ballungsräumen erfüllen. Die Dokumentation soll die Lärmbelastung von rund drei Millionen Bürgern entlang von 9000 Kilometern Schienenstrecke bewerten und auch die bisher erfolgten Lärmschutzmaßnahmen beurteilen.

Karten veranschaulichen die Lärmbelastung

Karten veranschaulichen die Lärmbelastung.

Quelle: Eisenbahn-Bundesamt

Daten gibt es dazu schon eine ganze Menge. Bekannt ist beispielsweise, wie stark die einzelnen Strecken frequentiert sind. Anhand von Geländedaten lässt sich damit rein rechnerisch grob ermitteln, welche Schallpegel wo zu erwarten sind. In Tabellen und Karten sind die Ergebnisse dokumentiert – auch für das Amt Neustadt.

Den Daten lässt sich beispielsweise entnehmen, dass für den Bund die Lärmsanierung an der Berlin-Hamburger Strecke im Bereich Neustadt, Zernitz, Stüdenitz und Breddin sehr weit hinten auf der Prioritätenliste steht. In Grabow, Ludwigslust oder Boizenburg wird der Bedarf höher eingeschätzt.

Das liegt daran, dass die Experten die Betroffenheit durch Lärm in der Region als relativ gering einschätzen. In Breddin beispielsweise werden nur 20 der knapp 1000 Einwohner der höchsten Belastungskategorie zugeordnet. In Neustadt und Zernitz sind es ebenfalls 20, in Stüdenitz sogar bloß zehn Einwohner.

Nur vier Einwohner gaben bislang ihr Feedback ab

Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass so wenige Einwohner des Amtes Neustadt – in Zahlen: vier – im Sommer die erste Phase der Einwohnerbeteiligung zur „Lärmaktionsplanung“ nutzten. Vielleicht lag es auch daran, dass die komplette Aktion recht wenig öffentliche Aufmerksamkeit fand. Im Internet konnte jeder Betroffene einen Fragebogen zum individuellen Grad der Belästigung ausfüllen. Die Ergebnisse sollen die statistisch und rechnerisch erhobenen Daten präzisieren.

Seit Mitte November wird die Befragung fortgesetzt. Und diesmal will man die Chance besser nutzen. Thema ist allerdings nicht mehr direkt der Lärm vor Ort an sich, sondern die Reaktion auf die bisher erhobenen Daten. Sie sind für jedermann im Internet unter www.laermaktionsplanung-schiene.de abrufbar. Auch der Fragebogen steht an diesem Ort bereit. Bis 2017 soll aus all dem schließlich der eigentliche Lärmaktionsplan entstehen.

Neustadts Amtsdirektor Dieter Fuchs ruft die Betroffenen auf, sich möglichst umgehend an dem Verfahren zu beteiligen. Zwar habe das Amt mangels Information den allerersten Schritt verpasst, „aber man muss ja dranbleiben.“ Dieter Fuchs betont: „Je mehr sich beteiligen, umso besser. Die Bürger sollten ihre berechtigten Ansprüche auf jeden Fall geltend machen.“

Von Alexander Beckmann

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