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Knoten Wittenberge zu Lasten der Lausitz

Pro Bahn übt Kritik Knoten Wittenberge zu Lasten der Lausitz

Intercity-Züge im Zweistundentakt, bessere Erreichbarkeit von Anschlüssen im Regionalverkehr: Die Pläne des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) für den Umsteigeknoten Wittenberge klingen gut. Doch sie werden mit dem Streichen von Halten in der Lausitz erkauft, kritisiert Dieter Doege, Chef der Fahrgastinitiative Pro Bahn.

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Pro-Bahn-Landesvorsitzender Dieter Doege in Wittenberge.

Quelle: Andreas König

Wittenberge. Gut 40 Fahrgäste steigen in Wittenberge in den RE 6 zur Hauptverkehrszeit um 16 Uhr ein, knapp die Hälfte von ihnen Umsteiger, vor allem aus Richtung Magdeburg. „In Cottbus ist deutlich mehr Betrieb“, sagt Dieter Doege. Die neue Rolle Wittenberges als Umsteigeknoten sieht der Landeschef des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“ kritisch.

MAZ: Herr Doege, der VBB reagiert mit der Aufwertung Wittenberges als Bahn-Umsteigeknoten auf die Fertigstellung der Neubaustrecke Halle/Leipzig – Erfurt. Das bedeutet bessere Anschlüsse für Bahnreisende, da muss Ihnen doch das Herz im Leibe lachen, oder?

Dieter Doege: Keineswegs. Der VBB hofft zwar, Wittenberge aufzuwerten, doch dazu muss der RE 2 erst einmal pünktlich sein und das sehe ich mit dem neuen Fahrplan überhaupt nicht. Darüber hinaus wird Cottbus als viel stärker frequentierter Bahnhof geschwächt.

Wie kommen Sie denn darauf?

Doege: In Wittenberge treffen drei Bahnlinien aufeinander, wobei der Umstieg von und nach Magdeburg schon heute gut funktioniert. In Cottbus sind es sieben, darunter die nach Berlin, Leipzig, Dresden. Dieses Potenzial entfaltet sich nur, wenn die Züge pünktlich sind.

Wenn Wittenberge Umsteigeknoten wird, wieso leidet Cottbus?

Doege: Die Umsteigezeiten sind heute schon zu knapp. Mit der Umstellung auf den neuen Fahrplan gibt es dann keinerlei Reservezeiten mehr. Das jetzt vorgestellte Fahrplanmodell ist nur zu schaffen, wenn Haltepunkte gestrichen werden. Das ist keine seriöse Verkehrspolitik.

Warum denn nicht?

Doege: Weil es schon jetzt an allen Ecken und Enden knirscht und kaum ein Zug pünktlich ist. Mit dem neuen Fahrplan wird alles noch schlimmer. In der Lausitz sollen die drei Haltepunkte Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz nicht mehr bedient werden. Zwar sollen dann dort Busse halten, aber das ist von der Fahrzeit her keine Alternative, und Fahrräder kann man auch nicht mitnehmen.

Bahnreisende in der Prignitz könnten sich doch ganz entspannt zurücklehnen, denn für sie verbessert sich einiges. Missgönnen Sie das den Menschen hier?

Doege: Nein, überhaupt nicht. Doch der Knoten Wittenberge wird mit dem neuen VBB-Fahrplan nicht funktionieren. Zudem ist es schlechter Stil, die Regionen gegeneinander auszuspielen. Wenn jetzt Züge an den Haltepunkten in der Lausitz vorbeifahren, sehe ich das als Versuchsballon. Deshalb muss man in der Region aufpassen. Nicht, dass sich dieses Spiel später mit noch geringer frequentierten Haltepunkten in der Prignitz wiederholt.

Was wäre die Alternative?

Doege: Man muss den RE 2 als verspätungsanfälligste und mit 371 Kilometern längste Linie Brandenburgs aufteilen: Wismar – Berlin- Ostbahnhof und Cottbus – Berlin-Charlottenburg wären sinnvoll. Das haben die Verantwortlichen des VBB versäumt.

Was brächte die Linienteilung für Vorteile?

Doege: Man könnte dem RE 2 ausreichend Fahrzeit geben und damit die Umsteigeknoten sichern. Es ist schon jetzt verdammt knapp, ein- und auszusteigen. Deshalb ist der RE 2 fast nie pünktlich.

Der VBB argumentiert mit höheren Kosten. Wie sehen Sie das?

Doege: Bessere Lösungen sind bisweilen teurer, doch man würde mit einem pünktlichen RE 2 mehr Fahrgäste gewinnen. Im Übrigen sind die Mehrkosten in erster Linie Stationsgebühren der Bahn. Die teils sehr hohen Kosten sind nach Ansicht von Pro Bahn somit ein Unding.

Können Sie das erläutern?

Doege: Die Netztochter der Deutschen Bahn verlangt zum Beispiel für jeden Halt in Potsdam oder Cottbus 44,95 Euro. In Wittenberge sind es noch 12,43 Euro, in Pritz-walk 3,81 oder in Neuruppin und Perleberg 4,47 Euro. Dieses Preissystem bestraft Unternehmen, die Service bieten und öfter halten.

Aber mehr Halte bedeuten zwangsläufig längere Fahrzeiten. Widersprechen Sie sich da nicht?

Doege: Nicht unbedingt. Moderne Züge beschleunigen sehr schnell, dennoch muss man sie nach ihrer Aufgabe betrachten. Regionalbahnen sollen möglichst viele Halte bedienen. Unter diesem Gesichtspunkt ist der R E 6 kein Express, sondern nur eine verkappte Regionalbahn.

Wenn es nach Pro Bahn geht, sollte alles bleiben wie es ist?

Doege: Nein, natürlich nicht, der RE 2 braucht endlich einen Fahrplan mit auskömmlichen Fahrzeiten. Der VBB muss erkennen, dass es auch anderswo verkehrstechnischen und -politischen Sachverstand gibt und die Fahrgastverbände müssen zukünftig in solche Planungen einbezogen werden.

Sollte Wittenberge Ihrer Ansicht nach überhaupt Knoten sein?

Doege: Natürlich, daran ist nichts auszusetzen, wenn der RE 2-Fahrplan mit aufgeteilter Linienführung endlich stabilisiert ist. Doch wenn ich zwei wichtige Knoten mit einer solch langen Linie verbinde, bleiben zwangsläufig beide auf der Strecke.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit dem aktuellen Fahrplan?

Doege: Aus fünf Minuten Verspätung meines ICs nach Hamburg wurden letztlich 35 Minuten, bis ich in Wittenberge einsteigen konnte. Mit dem RE 6 um 19.54 kamen neun Fahrgäste. Die strebten alle dem Ausgang zu, also null Umsteiger. Der RE 2 aus Cottbus kam um 19.58 Uhr acht Minuten zu spät an und fuhr fünf Minuten zu spät retour. Im VBB-Fahrplanvorschlag ab 13. Dezember wäre das der Supergau, weil dann auf der RE-2-Strecke Wittenberge – Cottbus die Reserven fehlen. 22 bis 23 Minuten Wendezeit in Wittenberge reduzieren sich laut VBB auf sieben bis acht Minuten. Der RE 2 fährt künftig schon mit Verspätung zurück.

Von Andreas König

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