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Potsdam: Verkehrsinfarkt mit Ansage

Modellversuch Zeppelinstraße ohne Begleitprogramm Potsdam: Verkehrsinfarkt mit Ansage

Politiker des Potsdamer Umlands reagieren empört auf die Ansage, dass die Verengung der Zeppelinstraße zur Reduzierung der Luftschadstoffbelastung ohne das angekündigte Paket an Begleitmaßnahmen stattfinden soll. Potsdams Linke warnen vor einem Verkehrsinfarkt. Auch die Industrie- und Handelskammer hat sich der Kritik angeschlossen.

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Feierabendverkehr in der Zeppelinstraße.

Quelle: Christel Köster

Potsdam/Umland. Heftige Kritik an Potsdams Plänen zur Verkehrsberuhigung der Zeppelinstraße ohne ausreichende Begleitmaßnahmen äußerten die Landtagabgeordnete Saskia Ludwig, die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee Kerstin Hoppe und der 1. Beigeordnete der Stadt Werder (Havel) Christian Große (alle CDU) am Freitag in einer gemeinsamen Erklärung.

Man könne, so heißt es in dem Schreiben, Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) „schon Absicht unterstellen, denn durch die jetzt geplante Maßnahme der Stadt Potsdam, die erneut nicht abgestimmt wurde und entgegen aller vorangegangen Absprachen ist, droht in den Umlandgemeinden, aber auch im Potsdamer Stadtgebiet das totale Verkehrschaos“.

Die Politiker fordern, Jakobs müsse „dieses ideologische Verkehrsprojekt endlich beenden“. Es sei „unverständlich und grob fahrlässig, wenn der Bürgermeister trotz Warnung selbst der Initiatoren des Modellversuchs mit diesem beginnt, bevor der Ausbau des ÖPNV abgeschlossen ist. Auch der Fakt, dass die Busspur auf absehbare Zeit nur auf Potsdamer Stadtgebiet ausgebaut werden soll, zeigt wie egoistisch Jakobs handelt“.

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) übte am Freitag Kritik: Potsdams Regionalchef Tilo Schneider, erklärte: „Die Wirtschaft braucht freie Fahrt in die Stadt und wieder hinaus.“

Die IHK schlage deshalb vor, dass „vor einer Verengung von Magistralen wie der Zeppelinstraße zuerst die Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Dazu zählen Park-und-Ride-Plätze, um den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren, genau so wie klug angepasste Nahverkehrs-Takte“. Keinesfalls, so Schneider, dürfe „der zweite Schritt vor dem ersten getan werden, da dies fatale Folgen haben wird: Lange Staus, erhöhte Verschmutzung, sinkende Attraktivität und damit eine gefährliche Beeinträchtigung des Wirtschaftsstandortes.“

Im Potsdamer Hauptausschuss ist am Mittwochabend bekannt gegeben worden, dass die testweise Verengung der Zeppelinstraße zur Reduzierung des Autoverkehrs ohne das komplette Paket von alternativen Angeboten durch den Öffentlichen Nahverkehr stattfinden wird. So ist noch völlig unklar, wann eine extra Spur zwischen Geltow und Potsdam gebaut wird, auf der Busse in Stoßzeiten am Stau vorbei fahren können.

Bekanntlich soll die Zeppelinstraße im Frühjahr oder Sommer „weitgehend außerhalb der Ferien“ in einem dreimonatigen Modellversuch eingeengt werden, um die Luftbelastung mit Schadstoffen zu reduzieren.

Laut Stadtplanungschef Andreas Goetzmann gibt es zur Busspur zwischen Potsdam und Geltow aber lediglich „erste vorbereitende Gespräche“ über Zuständigkeiten und Finanzierung.

Ein Ausbau der Strecke ist in absehbarer Zeit offenkundig lediglich auf einem kleinen Abschnitt in Potsdamer Ortslage zu erwarten: „Wir sind der Überzeugung“, so Goetzmann am Mittwochabend im Hauptausschuss, „dass es noch in diesem Jahr gelingen kann, die bestehende Busspur zwischen dem Ortseingang Potsdam und Pirschheide zu verlängern.“

Unklar ist auch die begleitend empfohlene Taktverdichtung der Buslinien 631 und 580 zwischen Werder und Potsdam. Goetzmann im Hauptausschuss: „Da laufen entsprechende Gespräche.“

Die zunächst zeitweise Reduzierung der Fahrspuren auf der Zeppelinstraße zwischen Kastanienallee und Geschwister-Scholl-Straße ist von den Stadtverordneten im Oktober 2015 beschlossen worden. Der Beschluss zur Durchführung des Modellversuchs, der bei Bedarf auf sechs Monate verlängert werden kann, wurde auf Initiative der Rathauskooperation herbeigeführt.

Die Initiatoren warnten vor der Abstimmung jedoch davor, den Test ohne die Begleitmaßnahmen durchzuführen: „Wir haben von Anfang an deutlich gemacht, dass in der Zeppelinstraße vor einer möglichen Neuaufteilung des Verkehrsraums eine deutliche Verbesserung des ÖPNV-Angebots stehen muss“, so der SPD-Stadtverordnete Kai Weber.

Deshalb, so Weber im August 2015, sollten „noch in diesem Jahr die Takte der Buslinien 631 und 580 verdichtet und der Bau einer Busspur zwischen Geltow und Potsdam vorbereitet werden“. Der SPD-Mann warnte, „damit aus gut gemeint nicht schlecht gemacht wird“.

Kein Park & Ride am Werderpark

In ihren Verhandlungen zum Ausbau von Park-&-Ride-Angeboten musste die Stadt einen Rückschlag hinnehmen. Laut Stadtplanungschef Andreas Goetzmann gab es eine Absage zur Einrichtung einer Park-&-Ride-Station am Werderpark. Die Fläche, um die es geht, sei in Privatbesitz. Da es auch im nahen Umfeld keine Möglichkeiten für eine Alternative gebe, werde dieser Standort „nicht weiter verfolgt“.

Ersatzweise prüfe die Stadt jetzt Verhandlungen zur Einrichtung einer solchen Station an der Berliner Straße in Geltow kurz vor der Baumgartenbrücke. Problematisch sei allerdings, dass der dafür anvisierte Parkplatz im Landschaftsschutzgebiet liege.

Auf Antrag der Fraktion CDU/ANW hatte die Stadtverordnetenversammlung die Verwaltung zu Verhandlungen mit dem Umland beauftragt, nach denen ein gegebenenfalls auch zeitweiliger Parkplatz mit einem entsprechenden ÖPNV-Angebot eingerichtet werden sollte.

Wann genau mit dem Modellversuch begonnen wird, ist noch offen. Rathaussprecher Jan Brunzlow teilte Donnerstag auf MAZ-Anfrage mit: „Die Rahmendaten werden derzeit abgestimmt und sollen Ende Februar feststehen.“

Kritik übte Linken-Kreischef Sascha Krämer, der am Donnerstag vor einem „Verkehrsinfarkt“ warnte. Der Modellversuch müsse ausgesetzt werden, bis die Begleitmaßnahmen abgesichert seien.

Die Verkehrspolitische Sprecherin der Linken im Landtag, Anita Tack, bekräftigte am Freitag, der Modellversuch sei beschlossen worden, „um die Folgen einer veränderten Verkehrsaufteilung in der Zeppelinstraße (B1) zu untersuchen. Der Zusammenhang dieser Veränderungen mit einer Taktverdichtung der Buslinien 580 und 631 sowie mit der weiteren Umsetzung des Parkraumbewirtschaftungskonzepts in Potsdam und im Umland (Landkreis PM) wurde von Umweltminister Jörg Vogelsänger in der Antwort auf meine mündliche Anfrage in der Landtagssitzung am 20. Januar erneut betont“.

Von Volker Oelschläger

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